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Vermeintlich grüner Trend Bambus als Rohstoff – schlimmer als Plastik?

Möbel, Zahnbürsten, Kaffeebecher – als schnell nachwachsender Bio-Rohstoff gewinnt Bambus zunehmend an Bedeutung bei Gegenständen des täglichen Bedarfs. Nachhaltig macht das die Produkte aber noch lange nicht.

Stand: 26.06.2020

Bambushalme | Bild: dpa/picture-alliance

Flanellhemden aus Bio-Baumwolle, Daunenersatz aus Kunstfaser oder Fleecepullover aus Recycling-Plastik – nachhaltige und CO2-sparsame Rohstoffe halten zunehmend Einzug in den Alltag, seit große Marken mehr und mehr ihre Lieferketten und Produktionsbedingungen offen legen. Mit Bambus verbreitet sich ein weiterer, nachwachsender Rohstoff im Consumer-Bereich. Viele Firmen ersetzen damit Plastik, wo immer es geht. Jelena Halar hat vor ein paar Jahren "Planet Bamboo" mitgegründet, einen Online-Shop für Bambus-Produkte. Sie wollte "etwas Nachhaltiges machen", etwas, das es in Deutschland noch nicht so oft gibt. Also hat sie Planet Bamboo ins Leben gerufen und mit der Bambus-Zahnbürste gestartet. Vier Stück kosten 11,95 Euro. 100 Prozent vegan, 96 Prozent biologisch abbaubar. Mittlerweile verkauft Jelena Halar auch Becher oder Trinkhalme als Bambus. Das Geschäft läuft gut, verantwortungsbewusstes Konsumieren ist im Trend, Plastik zunehmend verpönt.

Irreführung der Verbraucher

Wattestäbchen aus Bambus

Aber haben Bambus-Produkte ihr grünes Image zu Recht? Uwe Lauber vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt in Stuttgart überprüft seit 2014 bambushaltige Gebrauchsgegenstände. Er beobachtet im Internet und im Einzelhandel eine Irreführung der Konsument*innen: "Im Vordergrund steht der Bambus. Das Produkt wird als nachhaltig und sogar als biologisch abbaubar beworben. Aber vergraben Sie den Becher im Garten, dann ist der Becher in zehn Jahren noch nicht weg. Weil das mit dem Kunststoff gar nicht funktionieren kann."

Transparenz im Einzelhandel

Bambus wächst extrem schnell.

Wo Bambus draufsteht, ist selten nur Bambus drin. Kaffeebecher enthalten künstlichen Klebstoff, die Borsten von Zahnbürsten sind aus Plastik. "Ein Bambus-Kunststoffbecher ist meist nicht mal so nachhaltig wie ein reiner Kunststoffbecher. Weil diesen Kunststoff kann ich am Ende wieder recyceln, weil er sortenrein ist. Bei den Mischungen aus Bambus, Maisstärke und Melanin geht das nicht. Die können nur verbrannt werden", sagt Lauber. Jelena Halar von Bamboo Planet ist das bewusst. Umso wichtiger sei es, genau das transparent zu machen: "Unser Produkt ist nicht perfekt, aber wir sind ehrlich und sagen, was alles drin ist und man kann die Produkte dem entsprechend richtig entsorgen", sagt Halar.

Großer CO2-Speicher, große Transportwege

Ein Sessel aus Bambus

Die Pflanze an sich – übrigens ein Gras – ist schon nachhaltig. Denn: Im Gegensatz zu Plastik ist Bambus ein nachwachsender Rohstoff. Sogar ein extrem schnell nachwachsender. Hinzu kommt: Bambus-Pflanzen können enorm viel CO2 speichern. Punkte, die Steffen Greiner, Pflanzenwissenschaftler an der Universität Heidelberg und Mitglied der European Bamboo Society, an Bambus begeistern. Allerdings mit Einschränkungen: "Man könnte natürlich auch in Europa Bambus anbauen", sagt Greiner. "Wir sehen ja in den Gärten, dass sie hier wachsen können. Aber sie sind natürlich von ihrem Klimaoptimum relativ weit weg. Das heißt, wenn wir Biomasse produzieren wollen für nachhaltige Produkte, in Europa gewachsen und produziert, dann macht Bambus nicht so richtig Sinn."

Schlechte Noten von der Stiftung Warentest

Wer hierzulande Bambusprodukte verkauft, muss also meist aus China importieren. Dort wird die Pflanze ihrem grünen Image zwar gerecht. Auf dem deutschen Markt – nach langem Flug und später durch schwieriges Recycling – nur selten. Im schlimmsten Fall, kann ein reines Plastik-Produkt dann sogar grüner sein als die Bambus-Alternative.

Die Stiftung Warentest testete im Sommer 2019 verschiedene Produkte – mit eindeutigen Ergebnissen: Aus mehr als der Hälfte der getesteten Bambusbecher gingen Schadstoffe ins Getränk über. Die übrigen Becher erweckten mit ihren Werbeversprechen fast alle den fälschlichen Eindruck eines reinen Naturprodukts. Tatsächlich bestanden die Becher aber nur zum Teil aus Bambusfasern – und eben auch aus Kunststoff. Die Tester fanden in allen Getränkebehältern den Kunststoff Melaminharz. In sieben von zwölf untersuchten Gefäßen konnten sie außerdem giftige Stoffe nachweisen, die Nieren- und Blasenerkrankungen sowie Krebs auslösen können.

Im Vergleich zu Produkten aus Tropenholz schneidet Bambus in Punkto Ökobilanz allerdings besser ab. Während Regenwälder sehr langsam nachwachsen, wächst Bambus sehr viel schneller und kann die sensiblen Ökosysteme der Regenwälder mit ihrer großen Artenvielfalst entlasten.


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