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Zimt riecht auf der ganzen Welt nach Zimt Als ich in der deutschen Sprache ankam

Die iranische Schriftstellerin Ayeda Alavie kam nicht nur an einen anderen Ort, sie kam auch in einer neuen Sprache an. Ein Feature über die Gefühlswelt des Ankommens, über Erinnerung, Heimweh und Heimat.

Stand: 01.02.2018

radioFeature: Zimt riecht auf der ganzen Welt nach Zimt - Als ich in der deutschen Sprache ankam | Bild: Ayeda Alavie

Zimt

Leise schneit es. Am Anfang ist alles weiß. Wie ein weißes Blatt. Dann wird allmählich alles matschig. Zerknittert durch die liederlichen Schritte. Es ist Februar. Gerade vorhin habe ich mein Studium beendet. Mit einer Eins in Linguistik. In der mündlichen Prüfung. Dabei ging es um die Bedeutung der Bedeutung und um die Unbestimmtheit der Übersetzung. Ich rede mit niemandem mehr in meiner Muttersprache. „Zum Schluss wirst Du Deine Muttersprache vergessen, ohne ein gescheites Deutsch gelernt zu haben“, sagt meine Kommilitonin. Ihre ironische Bemerkung hat etwas Wahres in sich, denke ich schweigend, während ich versuche, das, was sie gerade auf Deutsch sagte, in meine Muttersprache zu übersetzen. Ich übersetze alles. Nicht nur Worte. Auch Gegenstände. Ich suche überall nach etwas, das Heimat in sich trägt. Etwas Vergleichbares. Übersetzbares. Oder etwas Universelles wie Zimt.

Ankommen auf der Zeit und Raum-Schiene

Es gibt Worte, die im Wörterbuch nicht viel miteinander zu tun haben, aber in der realen Welt schon. Ankommen und Freiheit gehören zu solchen Worten. Ankommen ist ein Wort, das mit Zeit und Raum verbunden ist: Eine Person verlässt zu einer bestimmten Zeit einen bestimmten Raum und erst, wenn sie einen bestimmten Ziel-Raum erreicht hat, spricht man von Ankommen. Das ist die einfachste Bedeutung, die es von Ankommen gibt. Es klingt sicher und nach einem Plan. Ist aber leider nicht immer so. Vor allem, wenn ein Ankommen mit einer Flucht in Verbindung steht. Bei einer Flucht will man zuerst einfach weg. Ziel kann jeder sicherer Raum sein. Bei einer Flucht fehlt einem oft die Freiheit der Wahl zwischen Bleiben und Gehen.

Auch wenn man nicht einen einzigen Koffer während der Flucht mit sich trägt, nimmt man viel Größeres mit sich: Die Zeit und den Raum: Die Zeit, die man in seiner vertrauten Heimat erlebt hat. Die Kindheit. Die Gassen der Kindheit. Die Landschaft. Die Orangen- und Mandarinenplantagen. Das Meer. Den Strand. Die Wüste und das Tal. Dabei begegnet man in dem sicheren Raum neuen Menschen, die ebenso ihre eigenen Zeit und ihre Raum-Koffer in sich tragen. Man trägt beinahe überall seine eigenen Zeit und Raum-Koffer mit sich. Wie eine Identitätskarte.

Manche Menschen können innerlich nie in einem neuen sicheren Raum ankommen. Weil sie nicht freiwillig ihre Heimat verlassen haben. Sie sind sogar lange Zeit nach ihrer Ankunft in einem sicheren Raum immer noch unterwegs. Sie verweilen nur. Ankommen können sie nicht. Vielleicht, weil ihnen in einer bestimmten Zeit die Freiheit genommen wurde, in der vertrauten Kindheits-Gasse zu bleiben.

Freiheit ist ein schwerdefinierbares Wort

Freiheit hat lange Haare, nackte Haut, kurze Hosen, einen langen Rock / Freiheit hat kurze Haare, tätowierte Haut, lange Hosen, einen kurzen Rock / Freiheit hat Nichts / Freiheit hat Alles / Freiheit kann wählen, wählerisch wählen / Freiheit ist weiblich, ist männlich, ist neutral / Freiheit isst Fleisch, isst Gemüse / Freiheit ist Fleisch, ist Gemüse / Freiheit raucht, weint, trinkt und betet / Freiheit tut, was ihr gut tut / Freiheit ist eine Frau, die singen darf. In einer Straße. Auf einem Dach. / Sie darf mit Badeanzug schwimmen. / Freiheit ist eine Frau, die sich scheiden lässt, wenn ihr die Ehe nicht mehr gut tut. / Freiheit ist ein Mann, der laut sagen darf, woran er glaubt. / Freiheit ist ein Kind, das eine Kindheit hat. Das zur Schule gehen darf und nicht verheiratet wird. Nicht zum Betteln gezwungen wird. / Freiheit ist warm angezogen im Winter. Ist hell angezogen im Sommer. / Freiheit ist ein trotziges Trostwort

Die Autorin

Ayeda Alavie, Jahrgang 1974, ist Autorin, Dichterin und Übersetzerin und lebt seit 2000 in Deutschland. In ihrer Heimat Iran hat sie zahlreiche literarische Texte für Kinder und Jugendliche verfasst und illustriert. Sie war von 1993 bis 1998 als Autorin und Redakteurin für Kinder und Jugendprogramme bei Radio Teheran tätig. In Deutschland studierte sie Deutsche Linguistik, Neuere Deutsche Literatur sowie Europäische Ethnologie. Zuletzt erhielt sie große Anerkennung für ihre Übersetzung von Christine Nöstlingers "Maikäfer flieg" ins Persische. Seit 2016 übersetzt und schreibt Ayeda Alavie für den Hagebutte Verlag in München, der u.a. zeitgenössische deutsch- und persischsprachige Literatur verlegt und einen Dialog zwischen den beiden Sprachräumen ermöglichen möchte.

Redaktion: Katja Huber
Regie: Rainer Schaller
Musik und Komposition: Claudia Kaiser und Martin Lickleder
Ton und Technik: Michael Krogmann und Fabian Zweck
Produktion: BR 2018

Hier können Sie das Manuskript zur Sendung herunterladen.

Veranstaltungshinweis: Acht mal ankommen
Samstag, 24.02.18, Monacensia/München

Acht AutorInnen und KünstlerInnen, die zu unterschiedlichen Zeiten, aus unterschiedlichen Ländern und aus den unterschiedlichsten Beweggründen nach Deutschland gekommen sind, haben ihre Erfahrungen des Ankommens in Texte, Filme und Musik umgesetzt. "Acht mal ankommen" ist eine gemeinsame Veranstaltung der Monacensia im Hildebrandhaus und WIR MACHEN DAS. Mit Ayeda Alavie, Lena Gorelik, Denijen Pauljević u.a.

Samstag, 24.02.18, 11.30 Uhr - 18.00 Uhr, Monacensia im Hildebrandhaus, Eintritt frei


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