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Auf eigene Faust Künstler recyceln Goethe

Was gibt Faust dem Pop? Was interessiert Künstler von heute an dieser Gestalt? Die Lyrikerin Jing Wu, der Komponist Peter Pichler und der Regisseur Bernhard Jugel entwickeln eine Synthese aus Text, Ton und Rhythmus - "Auf eigene Faust".

Stand: 22.02.2018

Scharlatan, Magier oder Wissenschaftler? Johann Georg Faust, wahrscheinlich um 1480 in Knittlingen geboren, wurde dank Christopher Marlowe und Johann Wolfgang von Goethe zur literarischen Ikone. Zum Star in Klassik und Pop, die Anspielungen reichen von Robert Johnson über die Rolling Stones bis zu der Krautrock-Band Faust der 1970er Jahre. Die Frage ist: Was kann Faust heute? Was interessiert heutige Künstler an dieser Gestalt, die für Wissen und Macht ihre Seele an den Teufel verkauft? Die Lyrikerin Jing Wu und der Musiker Peter Pichler wagen das Experiment:

Jing Wu: "Je länger ich vor den leeren Seiten meines Notizbuches sitze, desto mehr kann ich mich in Faust hineinversetzen. Ich suche nach dem großen Ganzen. Wer ist der Teufel der Moderne? Ist er überhaupt eine Person? Oder steckt der Teufel vielleicht in jedem von uns und muss nur noch getriggert werden durch, wie sagt man so schön - exogene Faktoren. Ich denke an Medikamente aus der Pharmaindustrie, die Höchstleistungen versprechen. Aber man weiß ja - es gibt keine Wirkung ohne Nebenwirkung."

Musiker Peter Pichler und Radiofeature-Autor Bernhard Jugel während der Aufnahmen

Peter Pichler: "Dem wahren Faust bin ich in vielen verschiedenen Situationen ja schon oft sehr nahe gekommen. Ein ekelhafter Typ und so modern verlogen. Man kommt als Musiker – wie Faust – auch an den Punkt, wo sich einiges wiederholt und einen einiges langweilt. Sich täglich neu zu erfinden ist doch recht anstrengend. Und dann kauft dich einer und du sagst: Mach ich! Ob ich Musik machen kann, die neben dem Text von Jing besteht? Die Musik muss amorph, gestaltlos, missgebildet, ungreifbar schön sein – sie muss Dich elektrisieren; auf keinen Fall wohltemperiert."

"Der Wortakrobat" von Jing Wu (Ausschnitt)

IV.
Der Mann ist gefangen in seinem Gewissen.
In seinen Geschichten träumt er sich fort
in eine Zeit, in der Gretchen noch mit ihm lebt,
in eine andere Welt, an einen anderen Ort.

Seine Neuronen konzentrieren Erlebtes:
aneinandergereiht und verschachtelt ruft
die Erinnerung nach ihrem Erschaffer -
Wehmut und Trauer liegen in der Luft.

In manchen Nächten, da denkt der Mann sich,
er hat einst alles gehabt und alles verloren.
Den Versuchungen der irdischen Freuden
hat der alte Mann längst abgeschworen.

Er stellt sich selbst die Frage von Gretchen:
„Nun sag, wie hast du‘s mit dem Glück und der Lust“?
Was heilen sollte, brachte ihn ins Verderben,
was Freude bringen sollte, brachte nur Frust.

Ja, auf schneebedeckten Pflastersteinen lauert in Nächten,
in denen jedes Feuer erfriert,
in denen die letzte Blume ihren Atem verschenkt
und schließlich einen glühenden Kältetod stirbt,

da lauert die Hülle eines alten Mannes,
er kauert nur da, reglos und stumm,
in Gedanken ist er längst woanders,
denn die Realität hier bringt ihn noch um.

Die Lichter der Stadt weichen langsam dem Morgen.
Der Alltag ist grau und das Leben ist hart,
doch der Mann lebt statt einem tausende Leben
auf eigene Faust, der Wortakrobat.


Auf eigene Faust - Künstler recyclen Goethe
Von und mit Jing Wu, Peter Pichler und Bernhard Jugel
Ton und Technik: Daniela Röder
Regie: Bernhard Jugel
Redaktion: Ralf Homann
Produktion: BR 2018

Die Autoren

Jing Wu
Jing Wu, Jahrgang 1995, ist Medizinstudentin und freie Journalistin. Tagsüber schreibt sie unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, nachts verfasst sie Gedichte. Wenn Jing nicht gerade am Schreibtisch sitzt, ist sie als Erste-Hilfe-Trainerin, Sanitäterin und Poetry Slammerin unterwegs.

Peter Pichler
Grenzgänger zwischen verschiedenen Kunstformen. Multi-Instrumentalist, letzter lebender Trautonium-Spieler. Kopf der Avantgarde-Band No Goods. Musiker und Produzent bei Funny van Dannen, Hans Söllner sowie Komponist und musikalischer Dramaturg.

Bernhard Jugel
Kulturjournalist beim Bayerischen Rundfunk, Regisseur von Hörspielen und Lesungen. Co-Autor des Features "Donnerschacht und Frösche in Schnapsgläsern. Die Kunst des Geräuschemachens".


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