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Julian Assange vor Gericht Was macht Wikileaks heute?

Julian Assange kämpft vor einem Gericht in London gegen seine Auslieferung an die USA. Die US-Justiz wirft dem Wikileaks-Gründer Verstöße gegen das Anti-Spionage-Gesetz vor. Mit hochbrisanten Enthüllungen über den US-Einsatz im Irak-Krieg hatte die Plattform vor Jahren für weltweites Aufsehen gesorgt. Doch wie ist es heute um Wikileaks bestellt?

Von: Linus Lüring

Stand: 26.02.2020

Im April 2010 veröffentlicht Wikileaks ein Video, aufgenommen aus einem US-Kampfhubschrauber 2007 in Bagdad. Man sieht wie Zivilisten umkreist und schließlich erschossen werden. Eine unübersichtliche Kampfsituation sieht man dagegen nicht, wie das Pentagon stets behauptet hatte. Dank Wikileaks wird die Lüge aufgedeckt. Durch dieses Video wird die Enthüllungsplattform weltweit bekannt. Später sorgte Wikileaks auch mit der Veröffentlichung von Depeschen aus US-Botschaften für Aufsehen. Prägende Figur hinter Wiklileaks ist der Australier Julian Assange.

"Wikileaks ist ein öffentlicher, internationaler Service, der es Journalisten und Whsitleblowern ermöglicht, ihre Informationen zu veröffentlichen. Wir haben ein breites Spektrum unterschiedlicher Dokumente aus verschiedenen Ländern veröffentlicht, die beudeutende, politische Konsequenzen hatten."

Julian Assange, Wikileaks-Gründer

Enthüllungen im Ruhemodus

Wikileaks-Gründer Julian Assange 2012 auf dem Balkon der ecuadorianischen Botschaft in London.

Heute ist es ruhiger geworden um die Enthüllungsplattform. Im Zentrum steht stattdessen Julian Assange selbst. Er fürchtete eine Auslieferung an die USA und lebte jahrelang im Asyl in der ecuadorianischen Botschaft in London. Seit seiner Festnahme 2018 ist die Leitung von Wikileaks für Assange unmöglich, denn er hat keinen Zugang zum Internet. Eine schwierige Situation für die Plattform, sagt Anke Domscheit-Berg. Sie ist netzpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag und kennt Wikileaks gut. Sie ist mit deren ehemaligem Sprecher Daniel Domscheit-Berg verheiratet. Ohne Assange ist der Enthüllungsplattform der Kopf abgeschlagen, sagt Anke Domscheit-Berg: "So kann man natürlich eine Organisation nicht leiten, die über viele Jahre hinweg aber ganz wesentlich von ihm gesteuert und gemanaged wurde."

Vertrauensverlust nach der Trump-Wahl in den USA

Dass Wikileaks weniger Dokumente veröffentlicht, kann auch daran liegen, dass die Plattform Vertrauen verspielt hat. So wird Julian Assange vorgeworfen, dass er 2016 im US-Präsidentschaftswahlkampf Donald Trump unterstützt hat. Trump jedenfalls war damals erklärter Fan von Wikileaks. Neben dem politischen Engagement, sieht Anke Domscheit Berg auch in der undurchsichtigen Arbeitsweise von Wikileaks ein Problem.

"Die Arbeitsweise von Wikileaks war noch nie transparent, aber sie war noch nie so intransparent wie im Moment."

Anke Domscheit-Berg, Die Linke

Anke Domscheit-Berg ist überzeugt, dass Wikileaks wieder mehr Glaubwürdigkeit gewinnen könnte, wenn man besser erklärt, wie man zum Beispiel Dokumente auswählt – ohne dabei die Quellen offenzulegen.

Assange steht selbst im Fokus

Ein Bild von Julian Assange von April 2019, kurz nachdem der WikiLeaks-Gründer in London verhaftet worden war.

Statt über Wikileaks selbst dreht sich jetzt aber alles um den Gründer Julian Assange und dessen mögliche Auslieferung an die USA. In London gibt es Pro-Assange-Proteste, auch in Deutschland gibt es einige, die Asyl für den Australier fordern. Der aktuelle Vertreter von Assange an der Spitze von Wikileaks, Kristinn Hraffnsonn, wirkt frustriert. Warum man nicht über Kriegsverbrechen und die Tötung von Zivilisten spreche, die Wikileaks veröffentlicht hat, fragt er.

Für Anke Domscheit-Berg ist es aber sehr wichtig über das Schicksal von Julian Assange zu sprechen. Denn sollte er ausgeliefert und verurteilt werden, könnte das in ihren Augen unabsehbare Folgen haben – nicht nur für Assange selbst.

"In dem Moment, in dem man so einen Präzedenzfall schafft, ist der übertragbar auf andere Fälle, wo Journalisten oder Publizisten mit Material von Whistleblowern arbeiten, von dem bestimmte Leute nicht wollen, dass das ans Tageslicht kommt. Deshalb ist das gefährlich für uns alle."

Anke Domscheit-Berg


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