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Alfred-Wegener-Institut "Arktis erwärmt sich viel schneller als der Rest der Welt"

Wenn es um den Klimawandel geht, dann ist oft vom Zwei-Grad-Ziel die Rede – die durchschnittliche Erderwärmung sollte darunter bleiben, sagen Forscher. Die Temperatur in der Arktis steigt deutlich schneller, betont Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut.

Von: Christoph Peerenboom

Stand: 26.10.2018

Eisberg vor der Bylot-Insel, Nordwestpassage | Bild: picture alliance/imageBROKER

Zur Person: Prof. Markus Rex leitet am Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung die Sektion Physik der Atmosphäre.

radioWelt: Wie sehr hat die Erwärmung der Erde der Arktis schon zugesetzt?

Markus Rex: Ganz erheblich. Die Arktis erwärmt sich noch viel schneller als der Rest der Welt. Sie ist sozusagen das Epizentrum der globalen Erwärmung, mit Erwärmungsraten, die mindestens beim Doppelten des globalen Erwärmungswerts liegen. Wir haben die 2-Grad-Erwärmung in der Arktis schon lange hinter uns. Im Winter ist es noch deutlich mehr. Seit ich Anfang der 90er Jahre regelmäßig in die Arktis fahre, in unsere Forschungsstation, habe ich dort früher im Winter nur Eis und Schnee vorgefunden. Wenn ich heutzutage im Winter dahinkomme, dann plätschert mir das Wasser vor den Füßen rum. Der Fjord ist seit vielen Jahren nicht mehr zugefroren, wo wir früher mit Skidoos und Skiern entlang gefahren sind, fahren wir jetzt mit Booten lang.

radioWelt: Wie sehr trifft dieses Wegschmelzen von Schnee und Eis nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere in der Arktis? Die Fotos von geschwächten Eisbären auf der schmelzenden Scholle, die kennen wir alle aus den Medien.

Markus Rex:  Es gibt natürlich eine ganze Reihe von Spezies, die in ihrer Lebensweise von dem Meereis abhängig sind: natürlich der Eisbär, es sind auch viele Robben-Spezies, viele Mikro-Organismen, die im und unter dem Eis leben. Es ist ja ein ganz einzigartiges Ökosystem, das dort existiert in der Arktis. Wenn das so weitergeht, werden wir gegen Mitte des Jahrhunderts im Sommer eine eisfreie Arktis haben, dann können Sie mit dem Segelboot in Hamburg lossegeln und im Sommer zum Nordpol segeln. Das bedroht die Spezies, die vom Eis abhängig sind genauso wie es unser Klima und Wetter in Mitteleuropa bedroht, denn das hat ja auch Auswirkungen auf uns.

radioWelt: Wie sehr betrifft es auch den Rest der Welt, wenn in der Arktis der Klimawandel auf diese Weise voranschreitet?

Markus Rex: Die Arktis ist die Wetterküche auch für unser Wetter. Sie erwärmt sich schneller als der Rest der Welt, das bedeutet, dass der Temperaturkontrast zwischen der Arktis und den mittleren Breiten deutlich zurückgeht. Dieser Temperaturkontrast ist aber der Motor für unsere Haupt-Zirkulationsmuster in der Atmosphäre der Nord-Hemisphäre, nämlich für den Jet-Stream, diese Westwinde, die um die Arktis herumwehen und die wir hier auch zu Genüge kennen. Wenn jetzt dieser Motor weniger effizient wird in der Zukunft und anfängt zu stottern, dann wird dieser Jet-Stream auch weniger stabil und das kann zum einen bedeuten, dass wir tiefe Warmluftvorstöße feuchter, warmer Luft bis tief in die Arktis hineinbekommen. Anfang des Jahres hatten wir das mal, da war es in der Zentralarktis wärmer als bei uns hier in Mitteleuropa.


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