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Meisterwerke auf den zweiten Blick Wo Stararchitekt Alvar Aalto zuhause ist

Auf den Spuren des wichtigsten finnischen Architekten Alvar Aalto reisen wir in seine Heimatstadt Jyväskylä. Hier hat er auf den ersten Blick sehr bescheidene Gebäude geplant, die sich bei näherem Hinsehen als raffinierte Meisterwerke entpuppen.

Von: Petra Martin

Stand: 14.02.2018

Der Touristenmagnet im Rathaus von Jyväskylä ist eine Türklinke. Sie ist etwas Besonderes. Nicht nur, weil sie mit Leder ummantelt und angenehm zu greifen ist. Sondern weil sie von Alvar Aalto entworfen wurde, dem finnischen Stararchitekten. Architekturfans und Touristen fotografieren nicht nur sie andächtig im Rathaus von Jyväskylä, erzählt Leena Riitokannas. Sie ist Spezialistin für alles, was mit Alvar Aalto zu tun hat, und führt Besucher durch die Stadt in Mittelfinnland, die für Architekten und Architektur-Fans eine Pilgerstätte geworden ist. Hier ist Aalto aufgewachsen und hat viele wichtige Gebäude errichtet. Seine Arbeiten sind voller Details, die Architekturfans bis heute faszinieren.

Italienisches Lebensgefühl in Mittelfinnland

Das Rathaus von Säynätsalo ist aus rotem Backstein. Typisch für Aaltos Arbeit: Das Gebäude sieht von allen Seiten anders aus. Und dass es drei Stockwerke hoch ist, sieht man nur von einer Seite. Denn Aalto hat das Haus harmonisch in die Landschaft eingefügt. Der Wandelgang zwischen der großen Fensterfront und der Ziegelwand erinnert an ein Kloster. Doch statt Mönchen wandelten hier ab den 50er-Jahren die Gemeinderäte. Außerdem wacht ein 17 Meter hoher Turm über das Gebäude, inspiriert von Italien.

Aalto war seit seiner Hochzeitsreise 1924 mehrmals in Italien. Und das zu einer Zeit, in der Reisen nicht alltäglich war, es keine Billigflüge oder schnelle Zugverbindungen gab. Besonders angetan hat es ihm das Treiben auf den Piazzi. Er wollte dieses italienische Lebensgefühl in seine Heimat bringen. Aber weil die Winter in Finnland kalt sind und lange Dunkelheit herrscht, musste er hier und da Anpassungen vornehmen. So ist der Wandelgang des Rathauses beispielsweise verglast – und bleibt auch im Winter ein warmer Ort für zufällige Begegnungen. Wie auf einer Piazza eben.

Die kreativen Jahre

In Jyväskylä stehen 30 Werke von Alvar Aalto. Hier hat er nach dem Studium in Helsinki 1923 sein erstes Büro eröffnet. Und hier hat er auch seine spätere Frau Aino kennengelernt, die in dem kleinen Architekturbüro angeheuert hatte. Die Ehe war harmonisch, die beiden konnten gut miteinander arbeiten. Wegen der vielen Aufträge zog Aaltos Büro 1927 nach Turku, in Südwest-Finnland. Als Aino 1949 starb, fiel Alvar Aalto in eine tiefe Depression. Erst als er die junge Architektin Elissa Mäkiniemi kennenlernte und 1952 heiratete, blühte Aalto wieder auf. Die 50er-Jahre zählen zu seinen kreativsten Jahren. In dieser Zeit entstanden auch die Gebäude der Universität von Jyväskylä – auch sie ist aus Backstein gebaut.

Aalto war nicht nur wichtig, wo das Gebäude stand, sondern auch, welche Funktion es erfüllen sollte. Seine Bauten sollten nie nur dem Selbstzweck dienen, sondern den Menschen, die darin leben oder arbeiten. Er wollte lichtdurchflutete Räume schaffen, in denen man sich wie draußen fühlt, obwohl man drinnen ist. Auch in der Universität findet Aalto dafür raffinierte Lösungen, erklärt Architekturführerin Leena Riitokannas: „Wenn Sie von hier auf die Treppen blicken, sieht es aus, als wäre dort eine Wand. Aber wenn Sie weitergehen, sehen Sie, dass es Holzstäbe sind, die das Licht durchlassen. So ist es auch im Winter lichtdurchflutet. Ich denke, das ist ein typisches Aalto-Detail.“

Häuser, Möbel, Vasen: Der Architekt als Designer

Weitere Einblicke in die Arbeit des Architekten bietet das Alvar Aalto-Museum in Jyväskylä. Das Gebäude stammt ebenfalls von ihm. Ursprünglich war hier ein Kunstmuseum untergebracht. Aber nach Aaltos Tod 1976 entschied die Stadt, ihren berühmten Sohn mit einem eigenen Museum zu würdigen. Hier sind nicht nur Bilder und Modelle von Aalto zu bestaunen, sondern auch Möbel und Gebrauchsgegenstände – denn ab den 1930er Jahren arbeitete Aalto auch als Designer. Mit den Möbeln konnte Aalto gerade die Zeiten gut überbrücken, in denen die Architektur wenig Geld abwarf. Aalto hatte fürs Finanzielle wenig Interesse, er konzentrierte sich lieber auf seine kreative Arbeit. Und die war durchaus erfolgreich: Von 600 eingereichten Plänen hat er 200 auch tatsächlich auch gebaut.

Auch außerhalb von Jyväskylä stößt man auf Aalto-Bauten. In Muurame steht z.B. eine Kirche, die Aalto entworfen hat. Ein Frühwerk aus dem Jahre 1926. Insgesamt hat Alvar Aalto sieben Kirchen gebaut, davon stehen zwei in Deutschland und eine in Italien. Auch die Kirche in Muurame erinnert eindeutig an Italien, sie wirkt wie eine Kirche in der Toskana mit Loggia und Campanile. Innen ist die Kirche hingegen wenig italienisch. Hier besticht sie durch die leuchtenden, kontrastreichen Farben. Sie wurden erst 2016 wieder originalgetreu restauriert. Davor waren die Bänke jahrzehntelang in einem hellbraunen Holzton lackiert. Erstaunlich, denn Aalto war in Detailfragen sehr penibel. Er bestand darauf, dass es dieser oder jener Blauton sein musste.

Netzwerker und Funktionalist

Unbeherrscht war Aalto jedoch nicht. Im Gegenteil: Er galt als humorvoll und aufgeschlossen, charmant und hatte ein Talent, Leute miteinander ins Gespräch zu bringen. Anders als andere große Architekten hat er nur wenig doziert oder eine Schar Schüler um sich versammelt. Er wollte lieber mit praktischer Arbeit überzeugen als mit grauer Theorie. Und seine Werke sollten funktional sein. Das lässt sich in Jyväskylä an den zahlreichen Gebäuden aus allen Phasen von Aaltos Schaffen sehr gut nachvollziehen – nicht nur für Architektur-Fans.

Alle Beiträge der Sendung

  • Kanäle, Kommunisten und große Küche - Warum Livorno einen Zwischenstopp lohnt. Von Manfred Schuchmann
  • Meisterwerke auf den zweiten Blick - Architektur-Rundgang in Alvar Aaltos Heimat. Von Petra Martin
  • Art Mall K11 in Shanghai. Wie ein Milliardär Kunst ins Shopping-Center bringt. Von Moritz Gaudlitz

Die Songs der Sendung

  • Bandabardò - Spicchi di mele secche
  • Suden Aika - Varjosta
  • Sha Zi - aus dem Album Beijing Bubbles

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Moderation: Bärbel Wossagk


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