Bayern 2


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Arbeiten mit der Vergangenheit Der Verein Freie Ateliers und Werkstätten

Bis vor wenigen Jahren war es nicht bekannt, dass in München-Neuaubing das einzige, baulich noch original erhaltene Zwangsarbeiterlager aus der NS-Zeit in Süddeutschland liegt. In vielen Jahrzehnten war buchstäblich Gras über das Gelände gewachsen.

Von: Monika Köstlin

Stand: 04.04.2018

Peter Heesch, Holzbildhauer und Pressesprecher des Vereins Freie Ateliers und Werkstätten Ehrenbürgstraße, und Künstlerin Anja Callam.

Über 1.000 Menschen waren einst in den acht Baracken untergebracht. Sie mussten mit ihrer Fronarbeit die Kriegswirtschaft der Nazis aufrecht erhalten. Auch nach dem Krieg wurden die Gebäude genutzt, zuerst von Flüchtlingen, dann von Bediensteten und Lehrlingen der Deutschen Bahn. Künstler und Handwerker richteten ihre Ateliers und Werkstätten in den Lagerbaracken ein, aber auch einen Kindergarten und eine Kinder- und Jugendfarm gibt es auf dem Gelände, das seit 2015 der Stadt München gehört.

"Grundsätzlich wird es bei uns in Aubing darauf ankommen, einen sozialgeschichtlichen Fokus auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter zu setzen. Grade die Lebens- und Arbeitswelten der Zwangsarbeiter werden an diesem authentischen Ort besonders greifbar und auch begreifbar."

Paul Moritz Rabe, wissenschaftlicher Mitarbeiter des NS-Dokumentationszentrums München

Das Neue bewahren…

Seit 2016 plant das NS-Dokumentationszentrum München eine Gedenkstätte:  In der mittlerweile restaurierten "Baracke 5" soll ein Ausstellungs- und Lernort an eines der zentralen Verbrechen des NS-Staats erinnern.

… und das Vergangene nicht vergessen.

Alter Ofen in einer Baracke des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers München-Neuaubing.

Die Künstler und Handwerker bewahren und beleben den Ort nun seit vielen Jahren. Im Verein "Freie Ateliers und Werkstätten Ehrenbürgstraße" haben sie ihre Stimmen gebündelt und werben für ein respektvolles und lebendiges Miteinander von Geschichte und Gegenwart. Denn auch die Gegenwart des Geländes ist einzigartig, sagt die Theatermalerin Anja Callam, die im "Bau 6" arbeitet, der ehemaligen Wirtschaftsbaracke des Zwangsarbeiterlagers.

"Es ist eine sehr besondere Künstlerkolonie, weil sie sich eben nicht auf das Künstlerische allein beschränkt, sondern auch Handwerker und Kunsthandwerker einschließt. Meines Wissens gibt es das an keinem anderen Ort."

Anja Callam, Theatermalerin und Bühnenbildnerin

Einen Rückbau des mittlerweile unter Denkmalschutz gestellten Geländes auf eine Art museales Zwangsarbeiterlager im Rahmen der Planungen zur Gedenkstätte soll es nicht geben. Die künftige Gestaltung des Spannungsfelds zwischen Vergangenheit und Gegenwart  birgt viele Chancen, Menschen zu erreichen, die sich bisher nicht dafür interessiert haben, dass es einst über 400 Zwangsarbeiterlager allein im Raum München gab.

"Menschen wollten zum Schreiner oder zur Keramikerin, haben sich umgeschaut und fragten plötzlich, was ist das denn für ein Ort: So habe ich die Chance, ganz andere Menschen zu erreichen, die dann auf den zweiten Blick eine Information bekommen, die sie auf den ersten Blick gar nicht gesucht haben."

Peter Heesch, Bildhauer


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