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Angst aufzufliegen Leiden unter dem Hochstapler-Syndrom

Das Gefühl, sich für einen Hochstapler zu halten, der ständig auffliegen könnte, kennen viele. Bei manchen ist es so stark, dass sich daraus das sogenannte Impostor-Syndrom entwickeln kann.

Stand: 11.10.2018

Hochstaplersyndrom | Bild: BR

Eine gesunde Portion Selbtskritik und sich selbst hinterfragen kann durchaus nützlich sein. Bei manchen Menschen geht es aber einen Schritt weiter: Sie denken ständig, ihre eigenen Fähigkeiten und Leistungen würden von anderen überschätzt und es sei nur eine Frage der Zeit, bis dies ans Tageslicht komme. Das Hochstapler-Syndrom, bzw. im Englischen das Impostor-Syndrom, kann im Extremfall zu ernsthaften psychischen Problemen führen.

Betroffene sind oft erfolgreich

In den 1970er-Jahren entdeckten amerikanische Psychologinnen das Impostor-Syndrom. Objektiv haben die Betroffenen oft erfolgreiche Karrieren und bringen sehr gute Leistungen. Dennoch sind sie selbst der Meinung, gar nicht so fähig zu sein, und haben Angst, dass sie bald enttarnt werden. In einer Studie in Österreich hat die Wiener Psychologieprofessorin Barbara Schober herausgefunden, dass in etwa jeder dritte Student, Doktorand oder Unternehmer, der unter hohem Druck arbeitet, vom Hochstapler-Syndrom betroffen ist.

Burnout und Depression

Das Leben in dieser ständigen Angst kann zu ernsthaften psychischen Problemen führen. Betroffene, bei denen das Impostor-Syndrom stark ausgeprägt ist, können an Burnout oder an einer Depression leiden. Über Erfolge und Lob können sie sich nicht freuen. Sie schlussfolgern daraus nur neue Erwartungen, die an sie gestellt werden könnten, und sehen somit die Gefahr, endgültig beim nächsten Mal aufzufliegen.

Selbstzweifel können zu Stress führen

Der bloße Gedanke, von anderen überschätzt zu werden, ist bis zu einem gewissen Punkt ganz normal, wenn man mit einer neuen Aufgabe konfrontiert ist. Das Gefühl, ein Hochstapler zu sein, kann allerdings dazu führen, dass die Betroffenen mehr arbeiten als andere und dabei in Stress geraten. Das kennt auch Alexandra: Sie arbeitet als Schriftstellerin. Ihren beruflichen Erfolg konnte sie lange nicht als Ergebnis ihrer Leistung sondern nur als Glück oder Zufall sehen.

"Ich weiß noch, dass ich mich immer wahnsinnig gut auf Diskussionen und Interviews vorbereitet habe. Ich wollte so perfekt wie möglich sein, damit nicht auffliegt, dass ich keine richtige Schriftstellerin bin."

Alexandra, Schriftstellerin

Frauen in hohen Positionen häufiger betroffen

Besonders oft tritt das Hochstapler-Syndrom bei Frauen in höheren Positionen in der Wissenschaft auf, stellte die Psychologieprofessorin Barbara Schober fest. Sie vermutet, dass das auch der Grund dafür sein könnte, weshalb Frauen dort noch nicht so oft vertreten sind. Denn die Angst, als Hochstaplerin entlarvt zu werden, kann auch dazu führen, dass die Betroffenen auf der Karriereleiter stehen bleiben und sich nicht trauen den nächsten Schritt zu machen.

Syndrom kann im Kindesalter entstehen

Die Psychologin Barbara Schober sieht Hinweise darauf, dass bestimmte Kinder anfälliger dafür sind, als andere. Es seien besonders diejenigen Kinder gefährdet, denen früh vermittelt wurde, für Erfolg müsse man sich nicht anstrengen, sondern eben einfach gut sein. Anfällig seien auch Kinder, die erleben, dass der eigene Wert eng mit der eigenen Leistung verbunden sei oder denen eine besondere Rolle in der Familie zugeschrieben wird, wie etwa besonders intelligent oder nett zu sein im Vergleich zu den anderen Familienmitgliedern.
Später im Leben begünstigt mangelndes Feedback der Kollegen das Impostor-Syndrom.

Raus aus den Hochstapler-Gedanken

Viele Menschen lernen, mit den Hochstapler-Gedanken umzugehen, und bekommen weder psychische Probleme noch Schwierigkeiten im Beruf. Bei Schriftstellerin Alexandra hat ein Schlüsselerlebnis dazugeführt, mit ihren Zweifeln auszukommen.

"Meine Professorin erzählte, dass sie einen wissenschaftlichen Text mindestens zwei bis drei Mal liest, bevor sie ihn versteht. Das war für mich so ein großer Augenöffner, weil ich mich viele Semester lang für absolut dumm und unfähig gehalten habe, wenn ich mal Probleme mit einen ziemlich komplexen Satz hatte."

Alexandra, Schriftstellerin

Ihre Gedanken, vielleicht eine Hochstaplerin zu sein, sieht sie mittlerweile sogar als hilfreich an. Denn sie glaubt, dass sie so auf dem Boden bleibt und sich nicht für jemand besseren hält. Erfolge gönnt sie sich inzwischen und hält auch Glück und Zufall für ganz normal.


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