Bayern 2


5

Ägyptens Ärztinnen gegen Folter und Gewalt Amnesty Menschenrechtspreis für Kairoer Nadeem-Zentrum

Der diesjährige Amnesty Menschenrechtspreis geht an das Nadeem-Zentrum für die Opfer von Gewalt und Folter in Kairo. Vier ägyptische Ärztinnen und ihr Team bieten den Betroffenen dort medizinische und vor allem psychologische Hilfe an.

Von: Cornelia Wegerhoff

Stand: 16.04.2018

Mona Hamed, Aida Seif al-Dawla, Magda Adly, Suzan Fayad | Bild: Dana-Smillie-Amnesty

Nadeem, das ist nicht nur ein männlicher Vorname, sondern auch der spezielle arabische Begriff für einen engen Freund, einen Vertrauten. Dem Nadeem-Zentrum in Kairo können Menschen anvertrauen, die Opfer von staatlicher Gewalt und Folter geworden sind. In Ägypten leider kein Einzelfall.

"Das ist Alltag."

Aida Seif al-Dawla

Ägypterinnen in der Opferhilfe

Die 63-Jährige Aida Seif al-Dawla ist Psychiaterin und eine der vier Ärztinnen, die das Nadeem-Zentrum aufgebaut haben. Seit 20 Jahren engagieren sich die Ägypterinnen in der Opferhilfe. Und in dieser Zeit sei das Ausmaß staatlicher Gewalt und Folter nie größer gewesen als jetzt, unter der Präsidentschaft von Abdel Fattah al-Sisi:

"Es ist weder zu vergleichen mit der Mubarak-Zeit, noch mit der Zeit der Militärherrschaft unmittelbar danach oder der Zeit der Muslimbruderschaft. Es gibt Verhaftungen, Denunzierungen, sogar Morde. Das ist ein Albtraum. Die Sicherheitskräfte haben grünes Licht, Gewalt anzuwenden. Und normalerweise genießen sie Straffreiheit, wenn sie foltern."

Aida Seif al-Dawla

Aida Seif al-Dawla

Das Nadeem-Zentrum dokumentiert die staatliche Willkür und bietet Betroffenen insbesondere psychotherapeutische Hilfe an. Den staatlichen Sicherheitsbehörden ist das ein Dorn im Auge. Die Klinik des Nadeem-Zentrums in der Kairoer Innenstadt wurde im vergangenen Jahr im Rahmen einer Polizeirazzia geschlossen. Doch immer noch melden sich über die Telefon-Hotline täglich aus ganz Ägypten Hilfesuchende:

"Aber seit der Schließung der Klinik hat unser Team nicht aufgehört, Patienten zu treffen und ihnen zu helfen. Nicht einen einzigen Tag."

Aida Seif al-Dawla

Stolz schwingt mit, wenn die Psychiaterin von ihrem Team berichtet, das die Gewaltopfer nicht im Stich lassen will. Auch wenn der Druck massiv ist. Die Ärztinnen unterstützten Staatsfeinde, wird propagiert.

Staatliche Gewalt und Folter

Mona Hamed

Überall in der Kairo-Straße, in der sich das Gebäude mit den noch geöffneten Büros und einem Frauenzentrum von Nadeem befinden, seien Informanten der ägyptischen Staatssicherheitsbehörde platziert, so Aida Seif al-Dawla. Erst vor wenigen Tagen wurde eine Strafanzeige gegen sie erstattet, wegen Verbreitung falscher Informationen über die ägyptische Polizei. Doch leider seien staatliche Gewalt und Folter die bittere Wahrheit, bestätigt Kollegin Mona Hamed. Aus unzähligen Gespräche mit traumatisierten Opfern kennt sie die Methoden in den Gefängnissen und auf den Wachen:

"In jeder Polizeistation gibt es einen Raum, der 'talaga' genannt wird, 'Kühlschrank', Es ist bekannt, dass das der Ort ist, wo gefoltert wird. Sie haben dort die komplette Ausstattung: Stöcke, Wasserfässer, Elektroschock-Geräte."

Mona Hamed

"Wenn ein Staat Geld dafür ausgibt, Folter-Ausstattung in Polizeistationen zu haben, „dann ist das eine Entscheidung. Die Entscheidung für Gewalt. Sie ist Teil einer systematischen Staatspolitik, die Entscheidung, so zu regieren."

Aida Seif al-Dawla

Die ägyptische Regierung streitet das ab:

"Wir bedauern natürlich jeden einzelnen Folterfall, aber ich betone, dass Folter so wie in anderen Ländern der Welt nur im Einzelfall vorkommt und nicht systematisch ist."

Omar Marwan, Minister für rechtliche und parlamentarische Angelegenheiten

Für das Team des Nadeem-Zentrums zählt hingegen nur, was die Opfer ihm anvertrauen.

"Das ist ein gefährliches Land und ein unbarmherziges Regime."

Aida Seif al-Dawla


5