Bayern 2


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Dokumentarfilm über Alkohol Wie uns die Alkohol-Industrie global an der Flasche hält

Alkohol ist ständig überall dabei, beim Umgang mit ihm belügen wir uns häufig selbst, sagt der Filmemacher Andreas Pichler. Wie kommt das eigentlich? Dieser Frage geht Pichler in seinem Dokumentarfilm "Alkohol - Der globale Rausch" nach.

Von: Oliver Buschek

Stand: 09.01.2020

Dokumentarfilmer Andreas Pichler erkundet Alkohol als zentrale Droge unserer Gesellschaft, spricht mit Trinkern, trockenen Alkoholikern, mit Ärzten, Wissenschaftlern und der Industrie. Er zeigt auf, wie die mächtige Lobby hierzulande es schafft, dass Alkohol weder auf gesellschaftlicher noch politischer Ebene als gefährliche und zerstörende Droge eingestuft wird.

Notizbuch-Moderator Oliver Buschek: Was hat Sie zum Thema Alkohol interessiert?

Andreas Pichler: Ich bin erst einmal von mir selber ausgegangen. Wenn man so um die 50 ist, dann merkt man, dass man vielleicht nicht mehr ganz so viel verträgt. Der Körper wird ein bisschen schwächer. Der Abbau von Alkohol geschieht langsamer. Ich wollte einfach mal länger nichts trinken und habe gemerkt, dass es gar nicht so einfach ist.

Warum?

Weil Alkohol ständig überall dabei ist. Ich habe mich schwergetan, abends mit Freunden auszugehen und zu sagen: Ich trinke jetzt nichts. Ich dachte, es wird ein langweiliger Abend, und de facto ist es einfach so, dass Alkohol ständig dabei ist. Man wird durchaus komisch angesehen. Hast du ein Problem? Was ist los?

Wie würden Sie denn das Verhältnis unserer Gesellschaft zum Alkohol beschreiben?

Ich habe das ein bisschen als blinden Fleck bezeichnet, weil wir alle wissen, dass Alkohol nicht wirklich gesund ist. Dass er angenehm ist, klar, das wissen wir auch. Das ist ein sehr ambivalentes Verhältnis.

Wir lieben diese Studien in denen steht: Ein tägliches Glas Wein ist gut gegen Herzbeschwerden und Krebsrisiko. Oder?

Ja, natürlich. Sie sind alle mehr oder weniger nicht wirklich haltbar, wenn man mit Medizinern spricht. Oder die Stoffe, die da gut sind, findet man auch in irgendwelchen roten Natursäften. Da lügen wir uns schon ganz schön an.

Alkohol als Droge zu bezeichnen oder gar als Rauschgift, das geht gar nicht. Andere Sachen, Cannabis und ähnliches, sind ganz klar Drogen.

Das ist in der Tat eine große Diskussion, die es wert ist, noch weitergeführt zu werden. Gerade auch in Deutschland, gerade auch in Bayern. Bier ist ein Nahrungsmittel, Alkohol ist ein Stoff, mit dem wir immer schon gelebt haben. Dass man Drogen als etwas Negatives etikettiert, das hat auch damit zu tun, um uns selber sagen zu können: Alkohol ist ja nur Alkohol, das ist ja keine Droge.

Sie haben im Film auch Menschen sprechen lassen, die mit Alkohol ein massives Problem hatten, die darunter gelitten haben. Was haben Sie von den Alkoholikern gelernt?

Was mich am meisten beeindruckt hat, ist, wie stark man Alkohol in ein erfolgreiches Leben integrieren kann - und trotzdem Probleme kriegen kann. Vor allem, wie schnell das gehen kann. Unsere Protagonistin Sarah aus Liverpool war gerade mal 24, als sie starke Alkoholikerin war. Ich habe ihm Vorgespräch mit einer Journalistin gesprochen, die einen ganz normalen Alkoholkonsum hatte und die durch eine Lebenskrise innerhalb von zwei, drei Jahren Alkoholikerin wurde. Das zeigt, wie schnell das gehen kann, ohne dass wir es so richtig merken.

Alkohol ist auch Handelsware. Mit ihm werden Milliardenumsätze gemacht. Sie haben nach Nigeria geschaut. Da wurden 2000 Prostituierte eingesetzt, um Bier populär zu machen. Was war da los?

Wir trinken schon seit Tausenden von Jahren. Das ist tief drinnen in unserer westlichen Gesellschaft. Aber die Industrie setzt sich da mit sehr cleveren Marketingstrategien drauf. Experten sagen, dass wir ein Drittel bis ein Viertel weniger trinken würden, wenn es nicht dieses massive Marketing geben würde. Mich hat einfach interessiert: Wie verhalten sich diese Konzerne? Das war gar nicht so leicht, mit ihnen zu sprechen.

Eine der Möglichkeiten war nach Afrika zu gehen, einer der wachsenden Märkte. Die ganzen Konzerne suchen ja nach Wachstum. In Afrika trinken sie nicht genug und wir in Europa trinken nicht mehr, unser Konsum bleibt ungefähr gleich, geht leicht zurück. Da sucht man nach neuen Märkten und kolonialisiert sozusagen Afrika, das natürlich auch unseren westlichen Lebensstil annimmt. Und die Methoden, die da angewandt werden für Marketing, sind um einiges unverschämter. Abgesehen davon, dass Nigerias Hauptstadt Lagos vollgekleistert ist mit gigantischer Alkoholwerbung, wurden da von Heineken zwei- bis dreitausend Prostituierte eingesetzt, um neues Bier zu lancieren.

Was die Rolle der Prostituierten dabei?

Es gibt diesen Mythos, dass Starkbier die sexuelle Performance der Männer verstärkt. Man hat die Prostituierten in bestimmte Bars in ganz Nigeria geschickt. Die sollten die männliche Kundschaft animieren, dieses neue Stoutbier zu trinken.

Aber die Industrie ist nicht nur in Nigeria aktiv, sondern auch bei uns. Sie verhindert Gesetze - das habe ich Ihrem Film entnommen.

Es gab vom Gesundheitsministerium 2015 eine große Initiative, den Alkoholkonsum in Deutschland zu reduzieren. Das wurde mit vielen Experten besprochen, es gab Diskussionsrunden, Gremien und so weiter und so fort. Am Ende ist das alles im Sande verlaufen. Das wurde, wie Kollegen von der ZDF-Sendung Zoom investigativ recherchiert haben, vor allem vom Wirtschafts- und Agrarministerium kleingeredet und sabotiert.

Am Ende ist dieser ganze Katalog an Maßnahmen - Marketing einschränken, den nächtlichen Verkauf reduzieren, eventuell Steuern erhöhen, etc. - abgeblasen worden, weil die Bier-Lobby einfach ihre Finger im Spiel hatte.

Was wären denn Maßnahmen, die Sie befürworten würden? Wäre Prohibition das richtige? Vor hundert Jahren haben es die USA probiert, sie sind gescheitert.

Ich bin überhaupt nicht für Prohibition. Das hat man gesehen, dass das überhaupt nichts bringt. Ich finde auch Rausch an sich nichts Schlechtes. Es geht mehr darum, dass den Leuten klar ist: Man kann nicht ständig Alkohol zu sich nehmen, genauso wie es wenig gut ist, ständig Joints zu rauchen. Das muss den Leuten einmal klar und bewusst werden im Kopf, dass wir uns nicht ständig was vorlügen.

Ich würde von heute auf morgen das Marketing verbieten für Alkohol. Es gibt ja auch keine Werbung für Haschisch und für Kokain. Ich sehe es nicht ein, wieso ständig überall für Alkohol geworben wird. Bei Zigaretten hat es geholfen, definitiv. Die Industrie hat wahnsinnige Angst davor, so zu enden wie die Nikotinindustrie.

Nachdem Sie sich so intensiv mit dem Alkohol beschäftigt haben, trinken Sie jetzt weniger? Oder mehr, weil Sie so verzweifelt sind?

Mein Konsum hat sich sehr verändert - mein Trinkverhalten und interessanterweise das vom ganzen Team. Ich trinke einfach weniger. Bei mir war es normal, am Abend zwei, drei Gläser Wein zu trinken. So wie es mein Vater auch schon gemacht hat. Das mache ich jetzt einfach nicht mehr.


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