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Algorithmus-Panne Wie ich von einem Computer gefeuert wurde

Was dem Kalifornier Ibrahim Diallo passiert ist, liest sich wie ein Science-Fiction-Krimi und zeigt, wohin es führen kann, wenn wir Computern blind vertrauen - zum Beispiel, dass wir von ihnen gefeuert werden können.

Von: Oliver Buschek

Stand: 10.10.2018

"Der Tag begann völlig normal, ich bin wie immer zur Arbeit gefahren. Doch als ich das Gebäude betrete und meine Chipkarte scannen will, um durch die Absperrung zu kommen, klappt das nicht. Ich schaue rüber zum Sicherheitsmann und habe den Eindruck, er erlaubt sich einen Spaß. Dann drückt er einen Knopf und lässt mich rein – ich habe mir nichts dabei gedacht."

Ibrahim Diallo

Doch die kleine Panne ist nur ein Vorbote dessen, was Ibrahim Diallo noch erleben soll. Als Software-Entwickler ist er seit acht Monaten in Los Angeles bei einem Telekommunikationskonzern beschäftigt - ein riesiges Unternehmen mit einer Viertelmillion Beschäftigten. Die Arbeit macht ihm Spaß, er fühlt sich akzeptiert und wertgeschätzt. Doch dann ist da diese seltsame Nachricht auf der Mailbox. Sie stammt von einer Frau aus der Personalvermittlung, die ihm den Job verschafft hat.

"Sie hat nur gefragt, ob bei mir alles in Ordnung ist. Ich habe vermutet, dass sie in diesem riesigen Unternehmen vielleicht jemand anderes meint, der denselben Namen hat wie ich. Doch dann habe ich sie zurückgerufen und sie wollte wissen, ob man mich ins Gebäude gelassen hat, darum ging es ihr. Ich sagte: Ja klar, man hat mich reingelassen. Und sie meinte, ich soll mit meiner Vorgesetzten sprechen. Das habe ich gemacht, und meine Vorgesetzte meinte nur: Alles ist in bester Ordnung."

Ibrahim Diallo

Weder seine Chefin noch die Direktorin konnten Ibrahim Diallo helfen.

Doch etwas ist nicht in Ordnung. Seine Passwörter zu wichtigen Computer-Systemen funktionieren plötzlich nicht mehr. Kollegen helfen ihm mit ihren Zugangsdaten aus. Am nächsten Tag kommt Ibrahim Diallo ausnahmasweise mit dem Auto zur Arbeit - er ist spät dran. Die Schranke zum Firmenparkplatz lässt sich normalerweise mit seiner Chipkarte öffnen.

"Als ich an diesem Tag am Parkplatz ankomme, scanne ich meine Karte und das Gerät piept nur und lässt mich nicht rein. Ich versuche es immer wieder, doch es geht nicht, und hinter mir stauen sich mehr und mehr Autos. Die Leute beginnen zu hupen, doch ich komme weder vor noch zurück. Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll, doch plötzlich ist der Sicherheitswachmann da und ich komme ihm wohl irgendwie bekannt vor. Er denkt wahrscheinlich, meine Karte ist kaputt, öffnet das Tor für mich - und ich bin nichts wie rein."

Ibrahim Diallo

Drinnen funktioniert seine Karte wieder nicht. Man fordert ihn auf, sich einen vorläufigen Ersatzausweis ausstellen zu lassen. Doch im Computer des Sicherheitsdienstes ist sein Name rot markiert – ein Hinweis, dass man ihn nicht ins Gebäude lassen soll. Seine Vorgesetzte muss kommen und erklären, dass mit Ibrahim alles stimmt und er rein darf. Gemeinsam suchen sie Hilfe bei der Direktorin des Unternehmensbereichs.

"Ich dachte, für eine Direktorin ist es eine Kleinigkeit, so etwas zu regeln. Aber dann ruft sie den Support an, sagt wer sie ist und dass einer ihrer Angestellten ein Problem hat. Sie dachte, sie würden das sofort beheben, aber nach zehn Minuten bekommt sie eine E-Mail mit meinem und ihrem Namen drauf und darin stand, dass mein Vertrag mit der Firma aufgelöst worden war. Was bedeutete: Ich war gefeuert."

Ibrahim Diallo

Die Direktorin und die Vorgesetzte versichern Diallo: Er habe ja nichts falsch gemacht und solle sich deswegen auch keine Sorgen machen. Und doch...

"Ich habe dann an meinem Schreibtisch ein wenig Zeit damit verbracht, meine Arbeit zu dokumentieren - und dann sind plötzlich die Leute vom Sicherheitsdienst aufgetaucht und haben mir gesagt, es sei Zeit, meine Sachen zu packen und zu gehen. Da wurde mir endgültig klar, dass es kein Witz war. Es spielte keine Rolle, dass meine Vorgesetzte und die Direktorin versicherten, dass ich nicht entlassen wurde: Die Wachmänner waren da, um mich aus dem Gebäude zu begleiten. Es war kein Witz, ich war tatsächlich gefeuert."

Ibrahim Diallo

Ibrahim muss die Firma verlassen, und verbringt die nächsten Tage zuhause. Und das – aufgrund seiner Anstellung über eine Personalvermittlung – unbezahlt. Immer wieder bekommt er E-Mails, dass man an einer Lösung seines Problems arbeite und dass seine Kollegen dieses und jenes versuchten. Man schickt ihm Bildschirmfotos von E-Mails, die Mitarbeiter der Supportabteilung bekommen haben. In denen steht, dass sie seine Karte sperren und ihm den Zugang zu Computerprogrammen verwehren sollten. Anweisungen aus den Tiefen eines vollautomatischen Computersystems. Erst nach drei Wochen darf Ibrahim zurück in die Firma. Und er erfährt, was eigentlich passiert war.

"Weil die Firma von einem größeren Unternehmen übernommen worden war, haben sie viele Leute entlassen. Und einer dieser Leute war mein früherer Vorgesetzter. Weil er die Verantwortung für ein ganzes Team hatte, haben sie ihn übergangsweise noch zuhause arbeiten lassen, um alles Nötige abzuwickeln. Dazu gehörte auch, Verträge von Leuten wie mir im Computersystem zu erneuern. Doch das hat er nicht getan. Und wenn das bis zu einem Stichtag nicht erledigt wird, dann macht sich das System selbständig und leitet die Kündigung ein."

Ibrahim Diallo

Der Fehler ließ sich reparieren, Ibrahim konnte seinen Job wieder antreten. Doch drei Monate später kündigt er von sich aus. Eigentlich hatte er sich von der Arbeit in einem großen Unternehmen Sicherheit erhofft. Aber dass die E-Mails des Computersystems mehr zählten als der gesunde Menschenverstand, hatten ihn massiv enttäuscht.

"Das waren Leute, die ich jeden Tag gesehen habe. Mit denen ich geredet und gescherzt habe. Aber dann – obwohl sie auf meiner Seite sind – folgen sie stur dem Protokoll. Anstatt mich weiterarbeiten zu lassen, während sie nach der Lösung des Problems suchen, haben sie mich einfach nach Hause geschickt."

Ibrahim Diallo


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