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Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Störung ADHS bei Kindern und Erwachsenen

Unaufmerksam, hyperaktiv und impulsiv - das sind die Hauptmerkmale von ADHS, der Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Störung.

Von: Katrin Bohlmann

Stand: 12.09.2022

Zwei Hände halten eine aus weißem Papier ausgeschnittene Kopfsilhouette. Darauf jeweils in rot, blau, gelb und grün die Großbuchstaben A, D, H und S. Das Ganze vor türkisem Hintergrund. | Bild: picture-alliance/dpa

Wird sie nicht behandelt, beeinträchtigt sie die schulische und berufliche Leistungsfähigkeit, sowie die sozialen Kontakte. Therapie und eine gute Lebensplanung können aber helfen.

Dem Text liegt ein Gespräch mit Prof. Dr. med. Klaus-Peter Lesch zugrunde, Lehrstuhl für Molekulare Psychiatrie, Zentrum für Psychische Gesundheit, Universitätsklinikum Würzburg. Leschs Forschungsschwerpunkt ist u.a. im Bereich ADHS.

Die Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Störung, ADHS, ist die häufigste psychische Erkrankung im Kinder- und Jugendalter. Laut Bundesgesundheitsministerium leiden etwa fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter krankhaften Störungen der Aufmerksamkeit, erhöhter Impulsivität und an motorischer Unruhe. Aber auch Erwachsene sind betroffen, deutschlandweit etwa zwei bis drei Prozent. Oft wird es nicht oder sehr spät im Zusammenhang mit einer Depression oder Suchterkrankungen diagnostiziert. Auch im sozialen Miteinander ist ADHS ein meist unerkanntes Problem. Eine Therapie kann helfen.

Die Störung, auch bekannt als Zappelphilipp-Syndrom, äußert sich durch Probleme wie Aufmerksamkeitsschwäche und Impulsivität. Hinzu kommt nicht selten starke körperliche Unruhe, also Hyperaktivität. Die weltweite Häufigkeit von ADHS unter Kindern und Jugendlichen liegt bei etwa fünf Prozent. Jungen werden dabei häufiger diagnostiziert als Mädchen. Bei einem hohen Anteil der Erkrankten besteht das Beschwerdebild im Erwachsenenalter fort. Mindestens bei einem Drittel ist noch eine beeinträchtigende ADHS-Symptomatik nachweisbar.

Experten gehen davon aus, dass ADHS als Entwicklungsverzögerung des sogenannten Selbstmanagement-Systems im Gehirn zu verstehen ist. Es ist eine Störung der Impulskontrolle und Emotionsregulation. Für die Entstehung von ADHS werden mehrere miteinander wechselwirkende Faktoren verantwortlich gemacht, die einen Einfluss auf die Hirnentwicklung haben. Dabei spielen vor allem die genetische Veranlagung und auch vorgeburtliche Umwelteinflüsse eine entscheidende Rolle.

In den letzten Jahren konzentrierte sich die Forschung insbesondere auf die funktionellen Veränderungen der Leitungsbahn, der Nervenfasern im Gehirn, und der neuronalen Netzwerke, die den Störungen der Patienten und den Fehlfunktionen im Gehirn entsprechen. Insbesondere die Weiterleitung von Signalen zwischen Nervenzellen durch biochemische Botenstoffe, den sogenannten Neurotransmittern, ist bei ADHS beeinträchtigt. Dies gilt insbesondere für die Übertragung von Dopamin, aber auch von Glutamat in den Zentren für Belohnung, Motivation, Emotion, Kognition und Bewegungsverhalten.

Es wurde zusätzlich festgestellt, dass diese Abweichungen zum Teil spezifisch für bestimmte Symptome sind, zum Beispiel Aufmerksamkeitsdefizit oder Hyperaktivität. Die Datenlage zur Entwicklung des Gehirns in verschiedenen Lebensaltern  befindet sich aber noch in der Anfangsphase. Deswegen ist eine Anwendung dieser neuen Befunde in der Diagnostik auf absehbarer Zeit noch nicht zu erwarten. Die Unterschiede der Gehirnfunktion sind von Patient zu Patient zu groß, so dass signifikante Abweichungen nur zwischen Patientengruppen, nicht aber bei Einzelpersonen feststellbar sind.

ADHS kann als Extremverhalten aufgefasst werden, das einen fließenden Übergang zur Normalität zeigt. Eine ADHS-Diagnose erfordert daher, dass die Auffälligkeit stark ausgeprägt ist und in den meisten Situationen beständig vorhanden ist. Symptome für sich allein haben aber noch keinen Krankheitswert. Erst, wenn diese zusätzlich stark die Lebensführung beeinträchtigen oder zu erkennbaren Leiden führen, ist eine ADHS-Diagnose gerechtfertigt.

Die Diagnose stützt sich auf Informationen aus ganz unterschiedlichen Quellen. Ein einzelner Test oder nur die Beurteilung eines einzelnen Lebensumfelds kann eine komplette Diagnostik nicht abdecken. Zur grundlegenden Diagnostik gehören daher neben der Befragung des betroffenen Kindes, der Eltern beziehungsweise Erzieherinnen und Lehrkräfte auch eine gründliche psychologische Testung, eine neurologische Untersuchung, sowie eine Verhaltensbeobachtung. Eine psychologische Untersuchung sollte ausreichend lange dauern, um auch eine gründliche Verhaltensbeobachtung in der Testsituation zu gewährleisten. Es werden vorwiegend Konzentrationstests und Tests zur Denkfähigkeit durchgeführt. Diese Verfahren können Aufschluss über die Stärken und Schwächen liefern und eine Hilfe in der Diagnosestellung bieten. In Praxen und Kliniken können zusätzlich auch eine Elektroenzephalografie (EEG, Messung der elektrischen Aktivität der Hirnrinde über Elektroden) oder bestimmte bildgebende Verfahren wie Magnetresonanz-Tomographie (MRT, bildliche Darstellung von Struktur und/oder Funktion des Gehirns) angefertigt werden.

Die Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad, dem Leidensdruck, den jeweiligen Symptomen und Problemen sowie dem Alter der betroffenen Person.

Heutzutage sind die Vorteile einer individuell angepassten Behandlung im Blickpunkt, ebenso wie die Nachteile einer versäumten oder auch fehlerhaften Behandlung. Anzeichen für eine langfristige Erholung einer veränderten Gehirnfunktion durch angemessene Behandlung ist bereits vielfach mit modernen bildgebenden Verfahren nachgewiesen worden.

Das Ziel der Behandlung ist es, das individuell unterschiedlich vorhandene Potenzial ganz auszuschöpfen, die sozialen Fähigkeiten auszubauen und eventuelle Begleitstörungen zu behandeln. Die Behandlung sollte somit multimodal erfolgen. Das heißt, es werden parallel mehrere Behandlungsschritte durchgeführt wie Psychotherapie, psychosoziale Intervention, Coaching und Medikation. Die Wahl der Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad der Störung.

Bei der Behandlung muss man im Einzelnen zwischen Kindern/Jugendlichen und Erwachsenen differenzieren. Für Kinder und Jugendliche ist die Aufklärung und Beratung besonders wichtig. Das nennt sich "Psychoedukation" der Eltern des Kindes bzw. des Jugendlichen und seiner Erzieher:innen beziehungsweise der Klassenlehrer:in. Es gibt ein Elterntraining und Hilfen in der Familie, einschließlich Familientherapie, Hilfen im Kindergarten und Schule sowie Lerntherapie bei einer begleitenden Teilleistungsstörung wie einer Lese-Rechtschreib-Störung.

Bei Erwachsenen, aber auch bei Kindern und Jugendlichen, führt man häufig eine Pharmakotherapie, also eine medikamentöse Therapie, zur Stützung der Gehirnfunktion durch. Eine kognitive Verhaltenstherapie kann impulsive und unorganisierte Aufgabenlösungen verbessern. Außerdem kann eine Anleitung zur Verhaltensänderung instruiert werden, um so das Selbstmanagement zu verbessern.

Natürlich müssen auch begleitende Erkrankungen wie Aggressivität und Entwicklungsstörungen, die sehr häufig sind, mit behandelt werden. Untersuchungen der letzten Jahre zeigen, dass sportliche Betätigung einen positiven Einfluss hat. Bei ADHS-Patienten wirkt sich dies offenbar sehr günstig auf Verhalten und Lernfähigkeit aus. Weitere empfohlene Maßnahmen sind die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe, aber auch ein individuelles Coaching, insbesondere bei Erwachsenen, die im Berufsleben stehen. Das sind wichtige Maßnahmen, die zu einer Verbesserung der Symptomatik führen können.

Eine Medikation ist bei Mittel- und Schwerstbetroffenen in vielen Fällen absolut notwendig. Ziel dieser Behandlung ist es, die Kern-Symptomatik zu mindern, die Konzentrations- und Selbststeuerungsfähigkeit zu verbessern sowie den Leidensdruck und Alltagseinschränkungen der Betroffenen zu verringern. Studien zeigen dabei, dass eine Behandlung mit individuell abgestimmten Medikamenten die Symptome sehr viel wirksamer reduzieren können als eine alleinige Psychotherapie. Das ist eine wichtige Erkenntnis der letzten Jahre in großangelegten, multizentrischen, prospektiven Studien. In manchen Fällen werden erst nach der Medikation die Voraussetzungen für weitere therapeutische Arbeit geschaffen.

Zur medikamentösen Behandlung von ADHS werden am häufigsten sogenannte Stimulanzien eingesetzt, welche die Signalübertragung durch den Neurotransmitter Dopamin im Gehirn verstärken. Dazu gehören Methylphenidat, auch bekannt unter dem Namen Ritalin oder Medikinet und Amphetamin. Rund 80 Prozent der Betroffenen sprechen darauf an. Die Auswirkungen von Langzeitanwendung dieser Medikamente sind in der Regel mit einer andauernden Normalisierung der betroffenen Gehirnstrukturen sowohl in Anatomie als auch in Funktion verbunden.

Genetische Faktoren spielen eine ganz zentrale Rolle. In Interaktion mit umweltbedingten Faktoren wie Rauchen und Alkohol in der Schwangerschaft können sie einen gewissen Schwellenwert erreichen, die dann zur Entwicklung der Erkrankung führt. Aber auch später, während der frühkindlichen Entwicklung, können bestimmte externe Faktoren - Traumata, Vernachlässigung, Mutter-Kind-Interaktion, die pathologisch sind - zu einer Verstärkung der genetischen Disposition führen.

Diese genetischen Befunde wurden auf der Grundlage von Familien und Zwillingsstudien erhoben. Das Risiko, das ADHS vererbbar ist, schätzen Experten als sehr hoch auf 70 bis 80 Prozent ein. Dabei ist aber festzuhalten, dass einzelne Gene sehr spezielle Einflüsse haben und keines allein eine derartige vielfältige Verhaltensabweichung wie bei ADHS bewirken kann. Es wird daher angenommen, dass mehrere Gene für die Ausbildung des ADHS von Bedeutung sind. Die genetischen Varianten nehmen Einfluss auf die Neurophysiologie und Neurochemie in spezifischen Regelkreisen des Gehirns, zum Beispiel zwischen Frontalhirn und Striatum, also Einfluss auf die sogenannte frontostriatalen Dysfunktion, die bei ADHS vorliegt. Die genetischen Varianten, die bislang mit ADHS in Verbindung gebracht worden sind, lösen für sich allein betrachtet aber nicht ADHS aus. Sie können in Kombination mit bestimmten Varianten anderer Gene auch andere Krankheiten verursachen. Das heißt, ADHS kann nicht durch genetische Tests vorhergesagt werden.

"Früher vermuteten die Forscher, einige wenige Gene würden ADHS auslösen, doch das trifft, wenn überhaupt, nur auf ganz wenige Familien zu. Für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung gilt: Vermutlich sind es 500 bis 1.000 Gene, die einen – jeweils minimalen – Einfluss auf das Temperament und die Konzentrationsfähigkeit des Menschen haben. Diese sind mithin auch keine Krankheitsgene, vielmehr gehören sie zur natürlichen Ausstattung des Menschen."

Prof. Dr. med. Klaus-Peter Lesch

Meist stehen die Betroffenen und ihre Angehörigen unter einem erheblichen Druck. Es beginnt mit Misserfolgen in der Schule oder im Beruf, ungeplante frühe Schwangerschaften, Drogenkonsum und damit auch verbundene Straffälligkeit, die in der Entwicklung von anderen psychischen Erkrankungen zu beobachten sind. Es kann auch das Risiko von Suizid hinzukommen. Es passieren Unfälle und unabsichtliche Verletzungen, die häufig zu beobachten sind.

Neben der ADHS-Diagnose gibt es häufig Begleit- und Folgeerkrankungen. Bei etwa 75 Prozent der Betroffenen liegt eine weitere psychische Störung vor und etwa 60 Prozent haben mehrere psychische Begleiterkrankungen. Zu diesen Begleiterkrankungen gehören Störungen des Sozialverhaltens, Teilleistungsstörungen wie Rechenschwäche, aber auch schwere depressive Erkrankungen, Angststörungen, Zwangsstörungen und vor allem Suchterkrankung.

Der Blick auf eine Verhaltensstörung ist auch ein Spiegel der Gesellschaft. Wie geht die Gesellschaft mit einem extremen Verhalten um? Wo wird die Toleranzschwelle gelegt und welche Hilfen werden angeboten? Es zeigt sich in unserer Gesellschaft zwar ein allgemeiner Trend, dass die Diagnosehäufigkeit vom Vorschulalter über das Grundschulalter bis zur späten Kindheit durchaus ansteigt und dort auch einen Höhepunkt erreicht, doch im Jugendalter sinkt sie wieder.

Es gibt keine Belege dafür, dass die Zahl der ADHS-Erkrankungen durch Surfen im Internet, Videospiele oder Handynutzung zugenommen habe. Nichtsdestotrotz können bei einer entsprechenden Konstellation mit insuffizienter Behandlung und Vernachlässigung diese Faktoren verschlimmernd wirken und das Leistungsniveau weiter herabsetzen. Aber das ist immer im Einzelfall abhängig von der Familienkonstellation, von der Beschulung und auch vom Erkennen der Erkrankung sowie der adäquaten Behandlung.

Eine Heilung im engeren Sinne gibt es nicht. Betroffene können allerdings lernen, die Defizite wie Unaufmerksamkeit, Überaktivität und Impulsivität zu beherrschen und die Ressourcen nutzbringend für ihre Ziele einzusetzen. Die ADHS-Symptome können sich im Laufe der Zeit verändern, besonders im Erwachsenenalter. Bei Vorschulkindern dominiert zum Beispiel das superaktiv impulsive Verhalten ohne sichtbare Aufmerksamkeitsstörung. Mit zunehmendem Alter werden jedoch die Aufmerksamkeitsdefizite immer deutlicher erkennbar und treten in den Vordergrund, während die motorische Unruhe abnimmt. Unter Erwachsenen ist die Aufmerksamkeitsstörung und die erhöhte Impulsivität ohne ausgeprägte Hyperaktivität häufig. Die Aufmerksamkeitsstörung ist dagegen für fast alle "ADHSler" – egal welcher Altersgruppe − ein ganz zentrales und meist auch sehr belastendes Symptom, das zum Beispiel im Arbeitsalltag häufig Probleme bereitet.

Im Gegensatz zu den defizitären und problematischen Symptomen werden ADHS-Betroffene bisweilen auch spezifische Stärken und positive Eigenschaften zugeschrieben. In der psychotherapeutischen Führung des Patienten wird versucht, die individuellen Stärken der Betroffenen zu fördern. Zu den positiven Eigenschaften zählen zum Beispiel das hohe Energieniveau. Das führt in Einzelfällen zu einer besonderen Begeisterung für schulische und berufliche Leistungen. Eine Hypersensibilität, die sich in einer besonderen Empathie und in einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn äußern kann, ist eine weitere positive Eigenschaft. Die Reizoffenheit ermöglicht den Betroffenen, auf Veränderungen schnell einzugehen, schnell zu reagieren, gleiches gilt für die Begeisterungsfähigkeit, die häufig mit einer besonderen Kreativität verbunden ist. Auch der sogenannte Hyperfokus wird in dem Zusammenhang häufig genannt als eine Fähigkeit zu langem, ausdauernden und konzentrierten Arbeiten an bestimmten Themen. Aber die müssen sehr spannend sein und Interesse hervorrufen, denn ansonsten springt der ADHS-Betroffene sehr schnell wieder ab. Auch die Impulsivität und die positive Emotionalität kann ihn zu durchaus zu einem interessanten Gesprächspartner machen.

"ADHS ist ein Extrem einer Persönlichkeitsvariante, das zunächst einmal gar keinen Krankheitswert besitzt. Der hohe Energiepegel, der Enthusiasmus, sich mit einer Sache auseinanderzusetzen, die große Kreativität, die Fähigkeit zum Querdenken und der Gerechtigkeitssinn – all das sind Ressourcen, die für unsere Gesellschaft wichtig sind"

. Prof. Dr. med. Klaus-Peter Lesch