Bayern 2


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Interview mit BR-Intendant Ulrich Wilhelm "Wir werben dafür, dass man den Beitrag anpasst, damit wir in der Qualität nicht nachlassen"

Der Bayerische Rundfunk feiert 70. Geburtstag. Zum Jubiläum spricht BR-Intendant Ulrich Wilhelm darüber, wie er damals zum Radio kam, welche Zukunft Fernsehen und Radio überhaupt noch haben und warum der aktuelle Rundfunkbeitrag von 17,50 Euro zu niedrig ist.

Stand: 25.01.2019

Keine Angst. Sie müssen jetzt nicht singen, aber Sie müssen uns verraten, seit wann Sie Radio hören und warum Sie damals angefangen haben, Radio zu hören.

Da gibt es kein bestimmtes Schlüsselerlebnis. Es war bei uns im Elternhaus, in meiner ganzen Kindheit, ganz selbstverständlich. Da wurde fleißig Radio gehört. Sehr intensiv die Programme des BR und auch immer wieder österreichischer Rundfunk. Dann war es biografisch für mich sehr schön und glücklich, dass ich im Rahmen meiner journalistischen Arbeit, 1984, einige Monate im Zeitfunk arbeiten konnte - damals mit sehr berühmten Kollegen, Herbert Mair, aber auch Günther Jauch - und auch sehr viel mit den Korrespondenten in Kontakt war, die damals aus den Ländern immer wieder ihre Berichte nach München geschickt hatten. Es war auch meine Arbeit, zu unserem Auslandsnetz Kontakt zu halten.

Sie haben von den 70 Jahren nicht alle, aber viele mitgehört und mitgestaltet. Mit 70 Jahren sind viele schon im Ruhestand, der BR nicht. Im Gegenteil: Auch künftig wollen wir uns ja positionieren, auch in die Neuen Medien. Ist die Zukunft für Hörfunk und Fernsehen damit passé?

Nein, die Mediengeschichte zeigt, dass Medien nie völlig verschwinden. Es ändern sich nur immer wieder die Marktanteile. Das Buch gibt es noch, obwohl es natürlich die Möglichkeiten gibt, auch im Netz Literatur zu lesen. Das Kino ist nicht verschwunden. Die Schallplatte oder jedenfalls die Tonträger, CDs, werden nicht verschwinden. Hörfunk und Fernsehen wird weiterhin einen beachtlichen Anteil am Publikum haben. Aber etwas Neues kommt dazu und wir müssen uns, weil wir alle Menschen erreichen wollen und sie auch nicht bevormunden wollen, wie sie genau unsere Angebote nutzen, auch noch verstärkt um neue Ausspielwege kümmern. Auch um neue Inhalte, die dafür besonders gut geschaffen sind. Also über die Mediathek über die Bayern 2-App, über die BR24-App, aber auch die Audiothek der ARD, ein sehr schönes Produkt, das ist maßgebend bei uns im Haus entwickelt worden. Podcast Center, die wir mit großem Erfolg machen, radioWissen als eine sehr beliebte Marke. Also da werden wir nicht stehenbleiben dürfen. Wir haben auch die Redaktionen in unserem Haus so umgestaltet, dass das für diese neue Medienwelt noch besser passt als die alte, die doch ganz stark nach Hörfunk, Fernsehen, in eigenen Direktionen, getrennt war.

Weil man die Nutzer und Nutzerinnen nicht verlieren will oder, weil man sagt, dort bieten wir etwas was andere nicht bieten?

Der Maßstab ist, wie können wir in der Mitte der Gesellschaft bleiben, wie können wir für unser Land so gut wie nur irgend möglich da sein. Wie können wir weiterhin allen, die für unsere Finanzierung aufkommen, einen guten Gegenwert bieten. Da müssen wir uns auch immer wieder intern so verändern, dass wir konkurrenzfähig bleiben, mit neuen Wettbewerbern im Markt zurechtkommen und uns mit der Gesellschaft mit verändern, ohne unsere Qualität zu verlieren.

Sie haben da die europäische Medien-Plattform ins Spiel gebracht. Jetzt kann nicht jeder damit etwas anfangen. Was heißt das und warum haben Sie die ins Spiel gebracht?

Die Überlegung kommt aus einer Beobachtung. Wir haben ganz stark im Bereich der amerikanischen Unternehmen Anzeichen, dass die Algorithmen besonders die Inhalte bevorzugen, die zugespitzt sind, die emotional aufgeladen sind. Das führt, wenn es um politische Inhalte geht oder Werte prägende Inhalte geht, dazu, dass sich die Gesellschaft immer weiter spaltet, dass wir zu einer sogenannten Polarisierung kommen. Das ist eine Frontstellung, die wir in vielen Ländern, auch um uns herum, schon sehen, die auf Dauer der Demokratie abträglich ist. Meine Gegenüberlegung ist die: Wenn Europa es schaffen sollte, ergänzend zu den amerikanischen Infrastrukturen, eine eigene aufzubauen, mit großer Unterstützung natürlich auch aus der Politik, die auf unseren Werten beruht, die also unser Verständnis von Datenschutz, von Schutz der Persönlichkeit, aber auch von mehr Ausgleich in der Gesellschaft besser berücksichtigt als die US-Modelle, dann kann das der Stabilität unseres Landes nutzen. Ich halte das für ein Riesenthema, das man nicht in wenigen Monaten realisieren kann, aber das jetzt tatsächlich verlässlich angepackt werden muss.

Jetzt kann man Rundfunk nicht nur ehrenamtlich betreiben. Rundfunk kostet. Guter Qualitätsjournalismus auch. Die Technik, die Technikerinnen und Techniker wollen ihr Einkommen haben. 17,50 Euro. So viel muss zurzeit jeder Haushalt dazu beitragen. Manche sagen, es ist immer noch zu viel. Sie sagen, wir brauchen mehr, warum?

Zum einen bestimmen wir nicht selber über die Höhe dieses Rundfunkbeitrags. Das ist eine Entscheidung des Gesetzgebers auf Grundlage eines Votums einer unabhängigen Kommission, die sehr stark den Wirtschafts-Sachverstand anlegt. Der Rundfunkbeitrag ist seit zehn Jahren stabil geblieben. Wir haben die Teuerung seit zehn Jahren nicht ausgeglichen bekommen. Wir plädieren dafür, wir werben auch dafür, dass man in zwei Jahren, also auch nicht heute, sondern erst 2021, den Beitrag anpasst und uns die Teuerung wieder ausgeglichen wird, damit wir einfach in der Qualität nicht nachlassen. Damit wir auch mit neuen digitalen Angeboten Schritt halten können und weiterhin in der Mitte der Gesellschaft verankert bleiben können. Andererseits wissen wir auch, dass wir unsererseits immer wieder auch sparsam vorgehen müssen. Uns ist das Geld von vielen Millionen Menschen anvertraut. Das heißt nicht, dass wir alle Bemühungen einstellen, immer wieder auch selber kostenbewusst zu sein, sondern beides gehört zusammen.

Und um das zu sagen, eine große Feier mit Einladungen für alle Mitarbeiter gab es heute nicht. Es gab einen Kuchen heute in der Früh, jeder konnte sich ein Stück holen. Heute 70 Jahre Bayerischer Rundfunk. Was würde fehlen gäbe es dem BR künftig nicht mehr?

Es würde das Ausschöpfen vieler Themen aus unserem Land fehlen. Also die große kulturelle Blüte Bayerns, die nicht nur in den Ballungsräumen, sondern in allen Landesteilen gleichermaßen entwickelt ist. Die immer wieder zu zeigen, sichtbar zu machen, uns als Land ein Gefühl für uns zu geben, in allen Landesteilen über alle Themen hinweg. Das würde vom Markt alleine so nicht bewerkstelligt werden.


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