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50 Jahre Mehrwertsteuer Von der Allphasen-Brutto-Umsatzsteuer zur Mehrwertsteuer

Am 1. Januar 1968 trat sie in Kraft: Die Mehrwertsteuer. Beliebt waren auch ihre Vorgänger nie, wie eine Geschichte von Stempelsteuer, Allphasen-Brutto-Umsatzsteuer hin zur Mehrwertsteuer zeigt.

Von: Christian Sachsinger

Stand: 02.01.2018

Mehrwertsteuer Symbolbild | Bild: picture-alliance/dpa

Die Mehrwertsteuer hat bei den Deutschen noch nie Begeisterung ausgelöst. Als sie Ende der 1960er-Jahre eingeführt wird, ersetzt sie eine Abgabe, deren Name bereits auf ein fiskales Ungetüm hindeutet:

Die Allphasen-Brutto-Umsatzsteuer

Sie war ein Relikt aus der Kaiserzeit, eingeführt 1916 zunächst unter dem Namen Stempelsteuer, um die Kriegskosten zu finanzieren. Diese alte Umsatzssteuer fiel bei jedem einzelnen Verkaufsschritt in der Produktionskette an. Werden zum Beispiel für die Herstellung eines Tisches erst vom Förster Bäume gefällt, dann vom Sägewerk daraus Bretter erstellt und die danach vom Schreiner verarbeitet, greift der Fiskus jedes Mal zu. Das führt dazu, dass große Unternehmen die die gesamte Produktion in der Hand hatten, weniger zahlen als kleine Betriebe, die hintereinandergeschaltet arbeiten. Am 1. Januar 1968 wird das nun anders. Doch die neue Mehrwertsteuer verwirrt viele. Der damalige Bundesfinanzminister Franz Josef Strauss erntete erboste Kommentare. Er reagierte mit dem ihm eigenen Sarkassmus:

"Da gibt es einen großen Ärger in der Landschaft und es heißt, man hätte die Öffentlichkeit rechtzeitig und besser informieren sollen. Meine Damen und Herren, informieren kann man nur Leute die lesen können."

Franz-Josef Strauss

Tatsächlich aber ist die neue Steuer alles andere als trivial und viele vor allem für Firmen komplizierte Details sind zum Start nicht geklärt. Der Porzellan-Fabrikant Philip Rosenthal bezeichnet das System damals denn auch als "Geheimwissenschaft".

Teurere Preise durch "Geheimwissenschaft Mehrwertsteuer"

Mit der Mehrwertsteuer wurde nicht mehr das gesamte Produkt an jeder Station aufs Neue besteuert, sondern eben nur noch jeweils der Mehrwert; im Beispiel des Schreiners ist das, seine Arbeit, um aus Holz den Tisch herzustellen. Die Mehrwertsteuer schlägt der Schreiner dann auf den Endpreis drauf, sie landet also beim Kunden.

Wirtshausschlägereien dank Mehrwertsteuer

Da das neue System am Anfang viele nicht richtig verstehen, nutzen manche Händler die Steuer erst einmal, um die Preise kräftig zu erhöhen.Verbraucherverbände klagten im Januar 1968 über Preistreiberei und viele Kunden waren verärgert. Andere reagieren nicht so ruhig, angeblich führt der Ärger über höhere Bierpreise mancherorts zu wüsten Wirtshausschlägereien.

Für Unmut und Verwirrung sorgen von Beginn an auch die unterschiedlichen Steuersätze. Da die Verbraucher nicht zu sehr belastet werden sollen, gilt für Waren des täglichen Bedarfs wie beispielsweise Lebensmittel der halbe Steuersatz von fünf Prozent. Doch schon bei der Definition was steuerrechtlich Lebensmittel sind und was ein Imbiss ist, der am Kiosk verzehrt wird und dann mit 10 Prozent Steuern belegt wird, scheiden sich die Geister. Franz-Josef Strauss' Finanzministerium stellt klar, dass der volle Satz dann fällig wird, wenn:

"Speisen und Getränke nach den Umständen der Lieferung dazu bestimmt sind, an einem Ort verzehrt zu werden, der mit dem Ort der Lieferung in einem räumlichen Zusammenhang steht, und besondere Vorrichtungen für den Verzehr an Ort und Stelle bereitgehalten werden."

Finanzministerium

Und es wird auch im Laufe der Jahre nicht klarer. Die Mehrwertesteuer wird in 50 Jahren nicht nur mehrmals erhöht, bis auf 19 bzw. 7 Prozent, sondern es werden auch unzählige Ausnahmen eingeführt.

Fisch in Öl kostet 19 Prozent mehr, Fisch in der Dose nur sieben Prozent mehr

So wird in Öl eingelegter Fisch mit 19 Prozent berechnet, in Dosen gepresster Fisch dagegen nur mit sieben Prozent. Beim Saunabesuch im Schwimmbad gelten 19 Prozent, fürs Schwimmbad selbst werden nur mit sieben Prozent berechnet. Kinderbücher zum Ausmalen sind begünstigt, normale Kinderbücher nicht.

Der Präsident des Bundesrechnungshofes Kay Scheller brachte es jüngst so auf den Punkt: "Das muss man ja mal erklären. Ich könnte es nicht."


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