Bayern 1


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Tempolimit Bringt ein Tempolimit von 130 km/h was für die Umwelt?

Soviel CO2 würde ein Tempolimit auf deutschen Straßen wirklich einsparen: Der BAYERN 1 Umweltkommissar ordnet die Zahlen ein und zeigt, wer dafür und wer gegen eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf 130km/h ist.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 27.01.2020 | Archiv

Symbolbild Tempolimit: Ein Schild weist auf Geschwindigkeitsbeschränkung 130km/h hin | Bild: picture-alliance/dpa

Debatte ums Tempolimit: Oft nicht sachlich, dafür sehr emotional

In der Bundesrepublik gab es schon mal ein Tempolimit. Anfang der 70er. Wegen der Ölkrise. Damals galt die Höchstgeschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde allerdings nur, um während der Ölkrise Kraftstoff zu sparen. Eine Verlängerung hat sich schon damals nicht durchsetzen lassen. Auch wenn es in der anschließenden Debatte vorrangig um eine Verringerung der Unfallzahlen ging. Was geblieben ist: Die Richtgeschwindigkeit von 130 Km/h. Eine Empfehlung auf einigen deutschen Autobahnabschnitten, an die sich jedoch kein Autofahrer halten muss.

Wer ist gegen das Tempolimit?

Ganz klar gegen ein Tempolimit ist die deutsche Automobilindustrie. In einem Positionspapier hat der Verband VDA, anhand der Unfallstatistik, noch einmal deutlich gemacht, "dass es keinen Zusammenhang gibt zwischen Tempolimitierung einerseits und Sicherheit andererseits. Dies zeigt sich zum Beispiel an der Verteilung der Unfälle mit Personenschaden auf tempolimitierte und nicht-tempolimitierte Streckenabschnitte auf BAB." Auch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ist strikt gegen ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen.

ADAC lenkt ein bei der Diskussion ums Tempolimit

"Nicht mehr grundsätzlich" dagegen ist mittlerweile hingegen der ADAC, sagte Präsidiumsmitglied Gerhard Hillebrand. Zumindest will man sich beim größten deutschen Automobilclub vorerst nicht festlegen und hat eine neue, umfangreiche Studie angeregt, um wichtige Streitpunkte zu klären. Zum Meinungsumschwung beigetragen, hat sicher auch eine Umfrage des ADAC unter seinen Mitgliedern (Oktober 2019). Demnach ist nur noch die Hälfte der ADAC Mitglieder gegen ein Tempolimit. Der breiter angelegte Deutschlandtrend, bei dem Infratest dimap für das ARD-Morgenmagazin (ebenfalls Oktober 2019) repräsentativ befragte, kam sogar zu dem Ergebnis, dass sich mittlerweile 53 Prozent der Deutschen für ein allgemein verbindliches Tempolimit aussprechen. Nur noch 45 Prozent sind dagegen.

Streitpunkte in der Diskussion sind, neben dem bereits erwähnten Sicherheitsaspekt, auch die Bereiche Lärmbelästigung und CO2-Emissionen. In allen drei Punkten geht es, sowohl bei Gegnern wie auch Befürworten eines generellen Tempolimits auf deutschen Autobahnen, immer um Zahlen und deren Aussagekraft. Schauen wir uns mal vor allem den zuletzt genannten und umstrittensten Punkt näher an.

Fakten: Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit und CO2-Ausstoß

Ein großes Problem bei der Debatte um den ökologischen Effekt eines Tempolimits, ist die Datenlage. Eine umfassende Studie, die das Umweltbundesamt bereits 1999 veröffentlicht hat, bezieht sich nur auf die westdeutschen Autobahnen. Auch herangezogene Abgaswerte sind natürlich längst überholt, denn die hochrechneten Messdaten basieren auf Daten aus dem Jahr 1992. Somit sind die drei Millionen Tonnen CO2-Einsparungen, die jährlich bei einem generellen Tempolimit von 120 Km/h herangezogen werden, unter Vorbehalt. Sowohl Befürworter als auch Gegner beziehen sich aber immer wieder auf diese Zahlen und argumentieren damit.

Etwas neuer ist die Analyse des Öko-Institut e.V. in Freiburg, unter dem Titel "Klimaschutz im Verkehr: Maßnahmen zur Erreichung des Sektorziels 2030". Gemeinsam mit dem International Council on Clean Transportation (ICCT) für Agora Verkehrswende, die von der Stiftung Mercator und der European Climate Foundation gehalten wird. Unter anderem wird hier ein CO2-Einsparpontential von etwa 3,5 Millionen Tonnen für ein Tempolimit von 120 km/h auf deutschen Autobahnen prognostiziert. Würde ein Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen gelten, würde das die CO2-Emissionen des gesamten Auto-Verkehrs in Deutschland jedoch nur um 1,1 bis 1,6 Prozent senken. Je nachdem, wie groß der Anteil der Autobahnstrecken ist, der ohne Tempolimit befahrbar ist.

CO2 Ausstoß auf deustche Straßen steigt

Eines ist jedoch aus den nackten Zahlen des Statistischen Bundesamtes auch abzulesen: Der CO2-Ausstoß auf den deutschen Straßen steigt. Und das, obwohl modernere Technik eigentlich eine gegenläufige Tendenz vermuten ließe. Allein um 6 Prozent ist der CO2-Ausstoß in den Jahren 2010 bis 2017 gestiegen. Das lässt den Schluss zu, dass mehr Verkehr und hochmotorisierte Autos dazu geführt haben. Wie viel CO2 in dieser Zeitspanne durch ein Tempolimit hätte gespart werden können, lässt sich natürlich nicht ableiten. Allerdings betonen die Gegner eines Tempolimits immer wieder, dass der Verkehr nur Rang drei hinter den großen CO2-Emittenten Energiewirtschaft und Industrie belegt. Im Gegensatz zu diesen Sektoren, nimmt die Klimabelastung durch den Verkehr aber zu. 

Wie viel CO2 ist viel?

Selbst die Gegner eines Tempolimits bestreiten nicht, dass eine höhere Geschwindigkeit auch zu einem höheren CO2-Ausstoß führt. Der Luftwiderstand steigt quadratisch mit der Geschwindigkeit. Unter Berücksichtigung des Rollwiderstands, steigt der Kraftstoffverbrauch überproportional an. Ein normaler Mittelklassewagen verbraucht bei 160 km/h schnell ein Drittel mehr an Kraftstoff, als bei 130 km/h. Die hohe Geschwindigkeit allein führt nicht zu einem größeren Schadstoffausstoß. Wie gut die jeweiligen Katalysatoren arbeiten, hängt eher von der Größe und den Abgastemperaturen ab. Da jedoch der CO2-Ausstoß mit dem Kraftstoffverbrauch zusammenhängt, führen höhere Geschwindigkeiten eben auch zu mehr CO2.

Wieviel CO2 kann durch ein Tempolimit eingespart werden?

Was ein Tempolimit wiederum, hochgerechnet auf den gesamtdeutschen Autoverkehr, an Ersparnis in diesem Bereich bringen würde, wird wiederum – je nach Standpunkt – unterschiedlich bewertet. Während der Bundesverkehrsminister mit einer Absenkung des CO2-Ausstoßes um lediglich 0,5 Prozent rechnet, wenn ein bundesweites Tempolimit auf deutschen Autobahnen eingeführt würde, sieht der VDA (Verband der Automobilindustrie) bei "Tempo 130" in seinem Positionspapier sogar einen "null Effekt", denn: "Die CO2-Emissionen in Deutschland ließen sich durch ein Tempolimit von 120 km/h nur um 0,27 Prozent senken." Wohlgemerkt wird hier der gesamte deutsche CO2-Ausstoß als Referenz herangezogen.

Einsparpotential von etwa zwei Millionen Tonnen CO2 jährlich

Der ADAC, der bisher ein Tempolimit kategorisch abgelehnt hat, rechnet mit einem Einsparpotential von etwa zwei Millionen Tonnen CO2 jährlich, durch ein generelles Tempolimit von 130 km/h und beruft sich auf Daten aus dem Handbuch für Emissionsfaktoren (HBEFA) des Umweltbundesamtes (UBA). Das wären, bezogen auf den deutschen Autoverkehr immerhin bis zu zwei Prozent weniger CO2-Ausstoß.

Auch das Freiburger Öko-Institut, das diese Emissionsfaktoren für den Straßenverkehr ausgewertet hat, kommt auf ein Einsparpotential von 1,1 bis 1,6 Prozent durch ein allgenmein verbindliches Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Bei einem Gesamtausstoß von knapp 800 Millionen Tonnen pro Jahr, könnten über das Tempolimit also gerade mal 0,2 Prozent CO2 eingespart werden.

Ob das jetzt wiederum viel, wenig oder gar ein zu vernachlässigender Faktor ist, hängt wiederum vom jeweiligen Standpunkt ab. Während für absolute Gegner des Tempolimits das bisschen CO2-Ersparnis den Kohl auch nicht fett macht, finden Befürworter gerade diese Ersparnis besonders effizient. Schließlich wäre ein Tempolimit schnell, günstig und eben auch wirksam umzusetzen. Um die Zahlen und CO2-Ersparnisse einmal in Relation zu setzen. Die etwa 2 Millionen Tonnen CO2, die oft genannt werden, entsprechen derzeit den Emissionen, die durch den deutschen Flugverkehr jährlich freigesetzt werden.

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