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Stricken So gesund kann Stricken sein

Über Generationen hinweg wurde gestrickt. Auch heute ist die Handarbeit bei Jung und Alt beliebt. Experten klären auf, warum Stricken so gut für uns ist.

Stand: 25.09.2019

Eine Frau sitzt auf dem Boden und strickt. | Bild: colourbox.com

Schon in der Grundschule werden einem Handarbeiten, wie Stricken und Häkeln näher gebracht. Was damals eher ein Muss war und zu seltsam geformten Topfuntersetzern oder Schals führte, ist heute wieder ein Hobby, dem nicht nur Großmütter nachgehen. Und das ist gut so.

Stricken ist gesund.

Was viele noch nicht wussten: Stricken ist tatsächlich gesund. Und wer selbst schon gestrickt hat, der kennt das Gefühl der Ruhe, das einen überkommt, wenn man die ersten fünf Reihen gestrickt hat. Bettina Kuhnert, Vorstandsmitglied des deutschen Verbands der Ergotherapeuten, erklärt, dass beim Stricken ein rhythmischer Bewegungsablauf stattfindet. Dadurch ist die Konzentration auf "das Tun" und den Bewegungsablauf gerichtet und der Körper kann sich entspannen. Tatsächlich macht es aber einen Unterschied, ob man gerade das Stricken erlernt, oder ob man schon länger und geschulter dieser Handarbeit nachgeht. Zu Beginn ist man noch zu sehr mit dem Handlungsablauf und etwaigen Mustern beschäftigt, das automatisiert man, je länger man diesem Hobby nachgeht.

Wer strickt, wird ruhiger und entspannt sich.

Betsan Corkhill, Verfasserin von "Mit Stricken gesund und glücklich werden" und Wohlfühl-Coach, führt die beruhigende Wirkung von Stricken darauf zurück, dass mit beiden Händen gerarbeitet werden muss. Man ist vertiefter in die Handarbeit und kann sich umso weniger auf Probleme fokussieren. Durch Stricken ist man also so sehr abgelenkt, dass man sich nicht mehr um lästige Probleme kümmert.
Das geht sogar soweit, dass Menschen mit Angstattacken mit Strickutensilien ausgestattet wurden. Sobald sie ängstlich wurden, setzten sie sich hin und begannen zu stricken, so Corkhill. Das half den Betroffenen, Herr der Situation zu werden und die Kontrolle über sich zu gewinnen.

Stricken ist etwas Besonderes.

Fach- und Ergotherapeutin Bettina Kuhnert hält Stricken aus zwei Gründen für eine besondere Beschäftigung. Stricken ist ein Hobby, dem man lange, also über mehrere Jahre hinweg nachgeht. Obendrein wird man mit einen schönen Endprodukt belohnt. Der zweite Grund ist, dass das Stricken schon mit etwas Übung zu einem automatisierten Ablauf wird. Bettina Kuhnert nennt Stricken in einem Atemzug mit Schwimmen, Fahrradfahren oder Schleifebinden - also Tätigkeiten, die wir in der Regel nicht mehr verlernen.

"Automatisierte Tätigkeiten haben den Charme, dass wir während der Tätigkeit den Kopf völlig frei haben: für Gespräche, fürs Träumen, für kreative Ideen."

Bettina Kuhnert, Fach- und Ergotherapeutin

Stricken ist kein Allheilmittel.

Es kursieren Gerüchte, dass Stricken auch bei Demenz-Erkrankung hilfreich sei. Das ist so nicht bewiesen. Frau Professor Doktor Iris-Katharina Penner vom Zentrum für Angewandte Neurokognition und Neuropsychologische Forschung in Düsseldorf räumt dem Stricken ebenfalls eine meditative und Stress abbauende Wirkung ein. Natürlich passiert etwas im Gehirn, wenn wir dem Stricken oder Häkeln nachgehen. Man konzentriert sich, man hat die Stricknadeln in der Hand und bewegt sie, ein motorischer Vorgang. Womöglich plant man zugleich noch ein neues Muster, da werden einige Teile des Gehirns aktiviert.

"Wenn man sich das jetzt ganz plakativ vorstellt, würde eigentlich das ganze Gehirn aktiv sein."

Prof.Dr. Iris-Katharina Penner

Stricken befüllt unsere kognitive Reserve. Hier speichern wir all die Dinge, die wir in unserem Leben schon gemacht haben. Bücher, die wir gelesen haben, Sprachen, die wir gelernt haben, Instrumente oder Musikstücke, die wir gelernt haben und eben auch Handarbeiten, die wir gelernt und ausgeübt haben. Je größer und praller dieser "Lebensrucksack" ist, desto größer ist unser Puffer gegen Neurodegeneration, so Frau Professor Penner.

Stricken als kreativer Akt.

Es ist natürlich ein Unterschied, ob man jeden Tag den selben Topflappen strickt oder immer wieder neue Dinge. Wenn man das Stricken als kreativen Akt sieht, wo man sich etwas Neues überlegt, wo man ein neues Muster ausprobiert, wo man auch immer wieder die Maschen kontrollieren muss, dann macht das ganz viel mit dem Gehirn, weil man sich ständig konzentrieren muss, so Prof. Dr. Iris-Katharina Penner.

"Dass Sie aktiv etwas machen, etwas produzieren, das auch selbst kontrollieren, das bringt natürlich dem Gehirn einen Benefit."

Prof.Dr. Iris-Katharina Penner

Beim Stricken auf Pausen achten.

Dennoch sollte man nicht stundenlang durchstricken. Es ist wichtig, immer mal wieder eine Pause einzulegen, aufzustehen, sich die Beine zu vertreten und den Fingern eine Ruhephase zu gönnen. Betsan Corkhill rät dazu, alle 20 Minuten eine Pause zu machen, da langes Sitzen ebenfalls ungesund ist.

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Stricken ist gut für uns! Wir holen jetzt sofort die Stricknadeln raus!
Mehr Infos hier: https://www.br.de/radio/bayern1/stricken-100.html Gepostet von BAYERN 1 am Dienstag, 24. September 2019


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