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Saatgut tauschen So gewinnen Sie samenfestes Saatgut

Ob Tomaten, Bohnen oder Erbsen - immer mehr Gärtner legen Wert auf robustes, samenfestes Gemüse, dessen Samen sie wiederverwenden können. Der Saatgut-Tausch bringt Vielfalt in den eigenen Garten. Was man dafür wissen muss.

Stand: 29.04.2019

Eine Frau steckt kleine Samen in Vorziehtöpfe | Bild: colourbox.com

Innerhalb der letzten 150 Jahre sind 3 von 4 Gemüsesorten für immer aus unseren Gärten verschwunden. Das hat eine Studie der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) im April 2018 ergeben. Von rund 7.000 Gemüsesorten, die es zwischen 1836 und 1956 gab, gelten 75 Prozent als verschollen - unter anderem etwa, weil sie von ertraghaltigeren Sorten verdrängt wurden. Nur ein kleiner Teil der Gemüsesorten (9 Prozent) wird durchgehend angebaut - die restlichen 16 Prozent existieren nur noch in Gendatenbanken oder dank sogenannter Saatgutinitiativen, die alte Sorten weiter anbauen und damit am Leben erhalten.

Was sind "alte Sorten"?

Hybridsamen vs. "alte Sorten"

Das meist von Konzernen hergestellte und weit verbreitete Hybrid- oder F1-Saatgut liefert zwar höhere Erträge, ist in Sachen natürliche Vermehrung aber eine Sackgasse: Die Samen können nur einmal ausgesät werden, da in der nächsten Pflanzengeneration die sortentypischen Eigenschaften verloren gehen. Samen müssen immer wieder neu nachgekauft werden.

Ein Glück für diese so genannten "alten Sorten", dass auch immer mehr Hobby-Gärtner ihren Teil zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen wollen und beim Anbau von Tomaten, Kartoffel & Co auf diese alten Kultursorten zurückgreifen. Der Vorteil: Ihre Samen sind "samenfest" und liefern damit auch im nächsten Jahr Früchte, die genauso aussehen und schmecken wie die der Mutter-Pflanze. Das spart Geld für Samenkäufe, und gibt das gute Gefühl, genau zu wissen, was auf dem eigenen Teller landet.

Wie und wo kann man Saatgut tauschen?

Wer von Nachbarn oder Freunden (noch) keine Samen zu tauschen bekommt, kann es in den sozialen Netzwerken versuchen: Unter Stichwörtern wie "Samenrotation", "Samen(tausch)börse" oder "Pflanzensamenkreiselei" organisieren etwa Gartenblogger im Herbst Tauschaktionen, und auch auf Facebook gibt es einige Gruppen, in denen nicht nur Sämereien getauscht werden, sondern auch Hintergründe und dazu nötiges Wissen weitergegeben wird. Eine Tauschmöglichkeit im Internet bietet etwa die Online-Plattform www.saatgut-tauschen.de/

Wer sich lieber persönlich informieren und austauschen will, kann es auch einfach mal beim nächst gelegenen Schrebergartenverein versuchen (Übersicht beim Landesverband Bayerischer Kleingärtner e.V. ) - auch hier gibt es immer mehr Hobbygärtner, die samenfeste Pflanzen kultivieren und untereinander tauschen.

Eine Terminübersicht zu geplanten Saatgut-Tauschbörsen in Deutschland gibt es auf der Website des Vereins zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN). Es kann sich zudem aber auch lohnen, online nach entsprechenden Aktionen von Urban Gardening Gruppen zu suchen oder auch die Websites einzelner Sektionen des Naturschutzbunds Deutschland NABU daraufhin zu checken.

 Saatgut tauschen, ja – verkaufen nein

Aber Vorsicht: Das Ganze sollte ein Hobby bleiben und ein Tauschgeschäft. Denn verkauft werden dürfen nur Sorten, die beim Bundessortenamt bzw. den entsprechenden Behörden in anderen EU-Ländern zugelassen worden sind – und genau diese Zulassung haben viele „alte“ Sorten nicht. Nach dem Saatgutverkehrsgesetz macht man sich strafbar, wenn man solche Sorten verkauft - nicht dagegen, wenn man die Samen einfach nur an Nachbarn oder Freunde weitergibt, in einem Verein oder bei einer Saatguttauschbörse tauscht, betont Nora-Sophie Quett, Pressesprecherin beim Bundessortenamt. Entscheidend ist, dass die die Samen weitergegeben werden, ohne dass damit ein Gewinn erwirtschaftet werden soll.

Tipps zum Saatgut-Gewinnen

Wer das Ausgangsmaterial für künftige Tauschgeschäfte nicht schon von Nachbarn oder Freunden bekommen hat, findet entsprechendes Saatgut entweder im Biomarkt, im Hofladen, oder bestellt sie übers Internet direkt bei Biosaatgut-Shops. Entscheidend ist der Zusatz „samenfeste Sorte“ auf der Samentüte.

Grundregel 1: Saatgut nur aus den schönsten Früchten gewinnen

Wichtig, wenn die erste Ernte ansteht: Die Früchte für die Samengewinnung müssen voll ausgereift sein. Bohnen sollten etwa trocken in der Schale rascheln, die Tomaten rot ausgereift am Stock hängen. Und auch, wenn's schwer fällt: Wählen Sie nur die schönsten und besten Früchte für die Samengewinnung aus. Sie sollten genauso aussehen, wie Sie sich idealerweise Ihre nächste Ernte vorstellen. Wer für die Vermehrung nur die Mickerlinge heranzieht, bekommt die Quittung im nächsten Jahr.

Tipps, wie man Saatgut lagern sollte

Damit das Saatgut möglichst lange keimfähig bleibt, lagern Sie es unbedingt trocken, dunkel und im kühlsten Raum, den Sie haben. Die Samen in Teebeutel oder -filter, Stoffsäckchen oder Papiertüten füllen - genau beschriftet mit Sortennamen und Erntedatum - und diese dann in Gläser oder Dosen packen, die eine Gummidichtung haben.

Diese Gemüsesorten sind für Einsteiger geeignet

Gut geeignet für Einsteiger in die Saatgut-Gewinnung sind neben Tomaten auch Bohnen, Erbsen, Paprika und Pflücksalat, rät Mara Müller vom Verein Arche Noah, der sich in Österreich um den Erhalt alter Obst- und Gemüsesorten kümmert.

Saatgut von Erbsen und Bohnen gewinnen

Grundregel 2: Saatgut nur aus voll ausgereiften Früchten gewinnen

Bohnen und Erbsen sind Selbstbestäuber - die nächsten Generationen werden daher mit hoher Wahrscheinlichkeit die gleichen Eigenschaften aufweisen wie die ursprünglich angebauten Pflanzen. Um guten Samen zu bekommen, warten Sie, bis die Hülsen braun und brüchig sind und die Früchte darin trocken rascheln. Dann zwei bis drei Wochen an einem luftigen und schattigem Ort trocknen lassen und in einer beschrifteten Tüte lagern.

Pflücksalat vermehren

Pflücksalat kommt im Unterschied zu den Kopfsalaten schon im ersten Jahr zur Samenreife. Dabei sollte man allerdings die Samen nicht von den Blütentrieben nehmen, die als Erste schießen, sondern von denen, die sich damit Zeit lassen, rät Mara Müller. Sonst zieht man sich damit ausgerechnet Pflücksalat-Pflanzen heran, die frühzeitig schießen. Sie sollten warten, bis sich an der Blüte die typischen Löwenzahn-Schirmchen zeigen, dann die Samenstände über einer Schüssel ausschütteln. Danach wie bei Erbsensamen trocknen und lagern.

Paprikasamen erhalten - ohne Chili-Einfluss

Etwas umsichtiger muss man mit der Gemüsepaprika umgehen: Sie ist ein potenzieller Selbstbestäuber, kann aber auch von Insekten bestäubt werden. Und das bedeutet: Wenn es in der Nachbarschaft Chili-Pflanze gibt, können aus den milden Paprika in der nächsten Generation scharfe Schoten werden: Die Schärfe der Chili wird dominant weitervererbt - und falls Chili-Pollen auf der Paprika-Blüte landet, war's das mit dem mildem Geschmack. Wer das vermeiden will, zieht einen Teebeutel über die Blüte und nimmt ihn erst dann wieder ab, wenn der Fruchtansatz sichtbar wird. Das Saatgut ist erntereif, sobald die Farbe umschlägt: Aufschneiden, die Kerne von Fruchtfleisch befreien, trocken - und in eine beschriftete Papiertüte abfüllen.

Perfekt für Einsteiger in die Saatgut-Gewinnung: So gewinnen Sie Tomaten-Samen selber

Vorsicht mit selbst gewonnenem Zucchini-Saatgut

Die Zucchini gehören zu den Kürbisgewächsen, die fremdbefruchtend sind, also oft durch Wind und Insekten befruchtet werden. Ihre Sorten kreuzen sich leicht untereinander - sind also nicht gerade erste Wahl für Einsteiger ins Saatgut-Metier. Wer den Samen eventuell angeboten bekommt, sollte allerdings besonders vorsichtig sein: Vor drei Jahren hat sich ein Rentner an einem Gericht aus selbst angebauten Zucchini vergiftet. Nachforschungen ergaben, dass die Pflanze durch Pollen von Zierkürbissen in der Nachbarschaft bestäubt worden war, und dadurch einen viel höeren Gehalt von gesundheitsschädlichen Bitterstoffen enthielt. Wenn Sie schon eine Pflanze unsicherer Herkuft im Garten stehen haben: Achten Sie auf mögliche Bitterstoffe in der rohen Frucht. Ein winziges Stück probieren, und im Zweifelsfall ausspucken und mitsamt der Pflanze sofort entsorgen. 

Link-Tipps:

Vereine, die sich dem Erhalt alter Kultursorten verschrieben haben, Tauschbörsen organisieren, samenfestes Saatgut anbieten und Infos dazu, wie man es selbst herstellen kann:

Die Arche Noah in Österreich verfügt mit rund 5.800 alten Obst-, Gemüse und Getreidesorten über eine der größten privaten Sorten-Sammlungen in Europa.
Ihr Pendant in der Schweiz ist Pro Specie Rara
In Deutschland widmet sich der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) dieser Aufgabe.

Allgemeine Tipps zur Saatgut-Ernte vom Vereins zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt e.V. (VEN):

Arbeitsblatt zum Thema Samen-Ernte
Arbeitsblatt zum Thema Saatgut reinigen, trocken und lagern


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