Bayern 1 - Experten-Tipps


9

Pestizide in Zierpflanzen Eine Gefahr für Bienen und Insekten?

Volle Blüten, kräftige Stengel und keine Flecken auf den Blättern - genauso schaut die ideale Pflanze aus. Egal, ob auf dem Balkon, im Garten oder im Handel, eine schöne Pflanze sollte keine Mängel haben. Dafür sorgen Pestidizde - und die machen der Natur richtig Ärger.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 14.05.2014

Illustration: Der Umweltkommissar freut sich über seine Balkonpflanzen, die Biene rümpft die Nase | Bild: BR/Susanne Baur

Der erste Eindruck

Sobald die "Eisheiligen" Mitte Mai vorbei sind, legen die meisten Hobbygärtner so richtig los. Schließlich wird laut Bauernregel das milde Frühlingswetter erst mit Ablauf der "kalten Sophie" am 15. Mai wirklich stabil. Dann bricht die Zeit an, in der auch die Topfpflanzen endgültig nach draußen kommen sowie Beete, Schalen und Kübel kräftig bepflanzt werden.

Vor allem für Gartencenter herrscht nun Hochkonjunktur. Pflanzen und Blumen landen erst im Einkaufswagen und anschließend in der Erde im heimischen Garten oder auf dem Balkon. Dabei haben viele Hobbygärtner das gute Gefühl nicht nur etwas für das Auge, sondern auch für die Umwelt zu machen. Schließlich sind die Blüten auf dem Balkon eine wichtige Nahrungsquelle für Bienen und bestäubende Insekten.

Allerdings gibt es gerade bei Zierpflanzen keine Grenzwerte für den Einsatz von Pestiziden und jüngste Stichproben haben gezeigt: Blumen und Zierpflanzen sind extrem belastet.

Greenpeace schlägt Alarm

Blumen und Zierpflanzen aus Gartencentern sowie aus Bau- und Supermärkten in Europa sind stark mit bienengefährdenden Pestiziden belastet. Das ist das Ergebnis einer Greenpeace-Studie, die bereits im April in Hamburg veröffentlicht wurde. Demnach stecken in 79 Prozent der untersuchten Pflanzen Stoffe, die Bienen gefährlich werden können. Für die Studie nahm die Umweltschutzorganisation in zehn europäischen Ländern 86 Proben von 35 Pflanzenarten, darunter Hornveilchen, Vergissmeinnicht und Lavendel.

Hobbygärtner würden Bienen und anderen Insekten mit ihren Pflanzen somit gefährliche Pestizidcocktails servieren – oft ohne es zu wissen, beklagt Christiane Huxdorff, Landwirtschaftsexpertin bei Greenpeace. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Bienen beim Bestäuben der Blumen auf dem Balkon gleich sterben. Aber: „Es kann eben passieren, dass Bienen mit den Pestiziden in Kontakt kommen und davon kontaminiert werden.“ Insgesamt haben Labor-Analysen von Greenpeace ergeben, dass 98 Prozent der Blumen Rückstände von Pestiziden aufweisen. Daraus lässt sich laut Greenpeace zwar nicht direkt ableiten, wie stark Bienen belastet werden.

Riskante Pestizide auf Zierpflanzen

Neonikotinoiden

Das auch „Bienen-Killer“ bekannte Gift wird synthetisch hergestellte Wirkstoffe, die den Nikotinischen Acetylcholinrezeptor von Nervenzellen binden und so die Weiterleitung von Nervenreizen stören. Bei den Tests war es in fast der Hälfte der Proben enthalten.

Imidacloprid

Dieses systemische Insektizid wirkt als Kontakt- und Fraßgift. Es wird über Wurzeln aufgenommen und in die Blätter transportiert, um den Schutz vor beißenden und saugenden Insekten zu aktivieren. Es fand sich in 43 Prozent der Proben.

Thiametoxam

Ein als Holzschutzmittel verwendetes Insektizid, dass gegen Termiten und Käfer eingesetzt wird. Die Wirkung beruht auf der irreversiblen Blockade von Rezeptoren im zentralen Nervensystem. Es befand sich in acht Prozent der Proben.

Clothianidin

Das Insektizid wirkt gegen saugende und beißende Insekten, wie Blattläuse oder Thripse. Das Insektizid gehört zur Kategorie von Kontakt- und Fraßgiften. Es wird vor allem über die Wurzeln und Blätter aufgenommen und in der Pflanze verteilt. Aufgrund seiner hohen Wurzelsystemizität ist auch der Einsatz zur Boden- und Saatgutbehandlung möglich. In den kam es an sieben Prozent der Blumen vor.

In der Landwirtschaft hat die EU zwar für 2013 den Einsatz einiger dieser Gifte für zwei Jahre eingeschränkt. Doch das gilt nicht für Zierpflanzen, die unter Glas gezüchtet werden.. „Wir brauchen zügig ein umfassendes Verbot von bienengefährdenden Pestiziden“, forderte Huxdorff. Die deutschen Baumärkte und Gartencenter haben bereits einen wichtigen Schritt unternommen, indem sie einige der Pestizide nicht mehr verkaufen, aber auf den Pflanzen in den Regalen sind sie nach wie vor zu finden.

Greenpeace kaufte für den Test in zehn europäischen Ländern 86 Zierpflanzen in Baumärkten, Gartencentern  und Supermärkten. 35 verschiedene Pflanzenarten wurden einbezogen - alle sind laut Greenpeace für Bienen besonders attraktiv. In Deutschland waren die Umweltschützer in 19 Filialen von fünf  verschiedenen Baumarktketten unterwegs und besorgten unter anderem  Stiefmütterchen, Glockenblumen und Primeln. In Deutschland wurden demnach in 17 der 19 Proben für Bienen gefährliche Stoffe entdeckt, darunter eben auch die Neonikotinoide.

Was sind Neonikotinoide

Neonikotinoide sind in der EU teilweise verboten, weil sie als potenzielles Risiko für Bienen und andere Bestäuber gelten. Allerdings ist der Einsatz für Pflanzenproduktion ausgerechnet in Glashäusern vom Verbot ausgenommen. Das bedeutet: Die Neonikotinoide kommen doch wieder nach draußen, nämlich wenn die Pflanzen in der Natur ausgesetzt werden.

Die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat sich zumindest zum Ziel gesetzt, die Grenzwerte für zwei weit verbreitete Schädlingsbekämpfungsmittel zu verschärfen. Hintergrund sind Gutachten zu den Neonikotinoiden „Acetamiprid“ und „Imidacloprid“, im Auftrag der EU-Kommission. Die beiden Insektizide von Bayer und Aventis werden vor allem gegen Läuse bei Topf- und Zierpflanzen, aber auch im Gemüsebau eingesetzt. So ist in den USA das von Aventis Crop Science hergestellte „Acetamipirid“ nur „bedingt“ zugelassen. Es gibt den Hinweis, dass beide Stoffe "unter Umständen die Entwicklung von Neuronen und Hirnstrukturen als Fötus oder Kleinkind, die etwa mit der Lern- und Gedächtnisfunktion in Verbindung stehen, beeinträchtigen". Daher sollen zumindest die Grenzwerte weiter herabgesetzt werden, weil japanische Forscher in Tierversuchen die schädliche Wirkung nachgewiesen hätten. Bayer Crop Science, deren Produkt „Imidacloprid“ in Deutschland, Österreich und der Schweiz zugelassen ist, weist diese Vorwürfe zurück.

Kritik an der Untersuchung

Volker Koch-Achelpöhler, Hauptgeschäftsführer des Industrieverbandes Agrar (IVA) kritisiert die Untersuchung von Greenpeace. Die Umweltorganisation wisse gar nicht, ob ihre Befunde überhaupt einen Einfluss auf Bienen haben. "Ein Fall von blindem Aktionismus", sagt Koch-Achelpöhler, "aus der Forschung wissen wir, dass den Bienen neben der eingeschleppten Varroa-Milbe auch der Mangel an Nahrungsquellen zusetzt. Haus- und Kleingärten haben hier eine wichtige Funktion. Mit jeder Blume, die wegen der maßlos übertriebenen Kampagne nicht gekauft und eingepflanzt wird, leistet Greenpeace der Biene einen Bärendienst."

Trotzdem stimme eben auch, dass Kunden erwarten, dass Zierpflanzen vor Kraft strotzen und nicht von Schädlingen befallen sind. Deshalb werde bei der Produktion mit verschiedenen Mitteln gearbeitet.

"Nachdem man von vorneherein eine große Bandbreite an Schädlingen verhindern möchte, wird natürlich pro forma gespritzt, damit nichts an die Pflanzen herankommt. Außerdem reicht ein Mittel schon lange nicht mehr, weil viele Schädlinge mit der Zeit auch resistent werden. Deshalb auch diese riesige Menge an Pestiziden, Insekitiziden und Fungiziden und so weiter."

Bayern1-Gartenexpertin Karin Greiner

Fazit

Noch nicht einmal Großhändler, die Pflanzen zukaufen müssen, wissen genau, was bei der Produktion herkömmlicher Zierpflanzen gespritzt worden ist. Neben sogenannten Bio-Pflanzen gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit ganz sicher zu sein, dass kein Gift-Cocktail auf den Pflanzen ist. „Es gibt die Möglichkeit“, sagt Bayern1-Gartenexpertin Karin Greiner, „sich selbst zu versorgen mit Samen und Stecklingen oder eben geteilten Pflanzen. Die selbst zu vermehren, selbst groß zu ziehen, gibt Gewissheit, zu wissen, wie die Pflanze gewachsen ist.“  


9