Bayern 1 - Experten-Tipps


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Fleisch vom Gutshof Marketing-Trick statt glücklicher Tiere

Fleisch und Wurst von Tieren, die ein artgerechtes Leben auf idyllischen Gutshöfen führen? Die Wurstverpackungen im Discounter werben mit solchen Bildern, die das suggerieren. Aber kommt das Fleisch wirklich von dort? Der Bayern 1-Umweltkommissar macht sich auf die Suche.

Von: Stefanie Heiß

Stand: 25.02.2015

Illustration: Der Umweltkommissar und die Biene überlegen, ob Wurst vom Discounter wirklich von glücklichen Tieren kommt | Bild: BR/Susanne Baur

Fleisch und Wurst sollen zwar billig sein, die Masttiere aber auch artgerecht gehalten werden - am besten in einer idyllischen Bauernhofumgebung. Einen kalten, profitorientierten Fleischindustriebetrieb möchten wir uns nicht vorstellen, auch wenn wir ahnen, dass nur so unser billiges Fleisch produziert werden kann.

Köder Gutshof-Idylle?

Mit Gutshof-Idylle im Kühlregal versuchen die Supermärkte und Discounter, ihre Kunden zu ködern: Aldi Nord verkauft Fleisch und Wurst vom "Gut Drei Eichen" und vom "Güldenhof". Penny hat den "Mühlenhof" und Tengelmann den "Birkenhof". Bei Norma: gleich zwei Güter, "Gut Langenhof" und "Gut Bartenhof". Und bei Netto gibt es Produkte vom "Gut Ponholz".

"Gut Ponholz" ist Geschichte

Zwar gab es vor Jahrzehnten in Ponholz einen Gutshof, aber der hat Netto nie beliefert.

Nur ein Ort dieser Landgüter findet sich tatsächlich auf der Landkarte: Ponholz bei Regensburg. Dort steht die Zentrale von Netto. Aber ein Gut, das Fleisch produziert, kennt hier niemand. Vor Jahrzehnten gab es hier mal einen Gutshof mit Tierhaltung. Doch Netto wurde von diesem nie beliefert.

Was steckt hinter den vermeintlichen Gutshof-Produkten?

Netto, Aldi Nord, Norma und Tengelmann geben zu, dass die Höfe gar nicht existieren und die Namen nur dem Marketing dienen. In den hübschen Verpackungen steckt also ganz normales Fleisch aus Massentierhaltung.

"Der Namensursprung unserer Eigenmarke 'Gut Ponholz' bezieht sich auf einen ehemaligen Gutshof in unmittelbarer Nähe unseres Unternehmenssitzes."

Netto

"Es gibt keinen Gutshof namens 'Birkenhof', unter diesem Namen firmieren unsere drei modernen Fleischwerke in Viersen, Perwenitz und Donauwörth."

Tengelmann

Den Birkenhof hat es nie gegeben. Heißt im Klartext: Das Fleisch kommt von großen Schlachthöfen in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Bayern. Und aus vielen anonymen Mastställen.

Betrug oder erlaubter Marketing-Trick?

Der Münchner Markenexperte Jon Christoph Berndt erklärt, warum es so wichtig ist, den Kunden einen Bauernhof oder ein gutklingendes Landgut auf der Verpackung zu präsentieren:

"Billig alleine reicht heute nicht mehr, um Produkte zu verkaufen. Die Verbraucher wollen das 'gute Gefühl' gleich mitkaufen. Bodenständiges Landleben liegt voll im Trend. Und jeder möchte sich davon ein Stückchen kaufen."

Jon Christoph Berndt, Markenexperte

Verbraucher fühlen sich getäuscht

Die Discounter überlassen dabei nichts dem Zufall und machen immer genau das, was noch nicht verboten ist. Die meisten Kunden fühlen sich getäuscht. Aber es ist durchaus erlaubt, mit Gutshöfen zu werben, die es gar nicht gibt, sagt Daniela Krehl von der Verbraucherzentrale:

"Es ist leider legal, weil es als sogenannte Marke gilt. Mühlenhof ist dann tatsächlich eine angemeldete Marke. Es ist aber für den Verbraucher trotzdem unterverständlich und auch ärgerlich, weil man dahinter doch irgendwie eine kleinbäuerliche Gemeinschaft sieht."

Daniela Krehl, Verbraucherzentrale

Es ist also tatsächlich nach deutschem Markenrecht völlig legal, Produkte unter einem Bauernhofnamen zu verkaufen, auch wenn sie gar nicht von dort kommen.

Nicht nur Discounter machen das

Auch die Münchner Großmetzgerei Vinzenz Murr bietet in ihren Filialen Schweine- und Rindfleisch von einem Gutshof an – vom "Hofgut Schwaige". Gibt es diesen Gutshof wirklich?

Auch Vinzenz Murr wir nicht von einem Hofgut beliefert

Die Geschäftsführung erklärt zunächst, dass sie sich zu den Fragen nicht äußern möchte. In einer Vinzenz-Murr Filiale nachgefragt, teilt die Verkäuferin mit: "Das Fleisch kommt von Vertragslandwirten." Der Geschäftsführer reagiert auf eine erneute Nachfrage dann doch. Am Telefon erklärt er: Das "Hofgut Schwaige" gebe es, es sei der Namensgeber für die Marke, früher wurden dort Rinder gehalten. Ob der Hof Vinzenz Murr noch beliefert? "Nein!"

Also auch hier: Der Name "Hofgut Schwaige" steht nicht für einen Bauernhof, sondern für ein Markenprogramm. In Prospekten von Vinzenz Murr wird mit dem Logo von "Hofgut Schwaige" geworben. Kleingedruckt in der Zeile darunter ist dann zu lesen: "Qualität der Marke 'Hofgut Schwaige'". Rechtlich also in Ordnung.

Auch die Bio-Supermarktkette Alnatura verkauft Fleisch vom "Packlhof" im oberbayerischen Eurasburg. Vorne auf der Verpackung das Logo vom "Packlhof", auf der Rückseite wirbt der Geschäftsführer für seinen Hof – mit einem Foto von sich im Kuhstall des "Packlhofs".

Doch im Kleingedruckten steht der Hinweis: Das Fleisch kommt aus Österreich. Der Geschäftsführer schreibt dazu: "Durch die große Nachfrage nach Fleisch und Wurstspezialitäten vom 'Packlhof' war schnell eine Absatzmenge erreicht, die der eigene Hof nicht mehr erzeugen konnte." Deswegen kauft der "Packlhof" mittlerweile bei anderen Erzeugern zu. "Mittlerweile haben wir bereits neue Steakverpackungen ohne Bild vom Geschäftsführer bestellt […] Wir werden auf diese, sobald geliefert, umstellen."

Fazit

Für die Verbraucher gilt: Wenn sie wissen wollen, wo ihr Fleisch herkommt, müssen sie ganz genau hinschauen. Nach deutschem Markenrecht ist es rechtlich in Ordnung, Produkte unter einem früheren oder erfundenen Bauernhofnamen zu verkaufen, auch wenn diese eigentlich aus der Wurst- oder Fleischfabrik kommen.

Wer genau wissen will, wo sein Fleisch herkommt, muss raus aufs Land. Zu den wenigen Bauernhöfen, die alles noch selbst machen: Aufzucht, Schlachtung und Direktverkauf im eigenen Hofladen.


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