Bayern 1 - Experten-Tipps


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Unser Lebensmittel N° 1 Wie gut ist unser Leitungswasser?

Wir trinken es, säubern damit Obst und Gemüse, waschen unser Geschirr und uns selbst damit: reines Wasser aus dem Hahn. Doch wie sauber ist unser Trinkwasser eigentlich?

Stand: 25.07.2017

eine Frau füllt ein Wasserglas unter dem Wasserhahn | Bild: colourbox.com

Die Antwort gleich vorab: sehr rein. Trinkwasser ist hierzulande das wohl meistkontrollierte Lebensmittel und muss strenge Richtwerte einhalten, bevor es in die Wasserleitungen darf. Die mehr als 2.500 Wasserversorger in Bayern sind verpflichtet, die Qualität des von ihnen zur Verfügung gestellten Trinkwassers zu sichern und von Laboren kontrollieren zu lassen. Zusätzlich überprüfen die Gesundheitsämter die Güte des Wassers.

Grundlage für die Sicherung der Wasserqualität ist die deutsche Trinkwasserverordnung. Sie sorgt unter anderem für Schutz vor Legionellen im Wasser. Das sind gefährliche Bakterien, die sich in stehendem, warmen Wasser bilden und eine schwere Lungenentzündung hervorrufen können. Auch für viele andere Stoffe, die im Trinkwasser nichts verloren haben, gibt es festgelegte Grenzwerte. Ihr Wasserversorger muss Sie übrigens auf Anfrage darüber informieren, was genau in Ihrem Leitungswasser enthalten ist und auch, welche Stoffe bei der Aufbereitung eingesetzt wurden.

Das darf pro Liter höchstens im Wasser sein

250 mg Sulfat
50 mg Nitrat
0,5 Mikrogramm Pflanzenschutzmittel
10 Mikrogramm Uran
3 Mikrogramm Kadmium
1000 Legionellen (Stückzahl)
0,1 Mikrogramm andere Stoffe ohne eigenen Grenzwert

Sensible Qualität des Grundwassers

Unser Wasser hat von Haus aus eine sehr hohe Qualität. Dafür sorgt die Natur in Bayerns Boden, da das Trinkwasser größtenteils tiefen Grundwasserschichten entnommen wird und von Mikroorganismen gründlich gereinigt wurde. Doch auf diese Qualität ist nicht unendlich Verlass: 2008 schreckten erhöhte Uran-Werte im Trinkwasser viele fränkische Gemeinden auf - eine "natürliche" Verschmutzung des Trinkwassers: Uran wird aus dem dortigen Granitgestein ausgeschwemmt.

Nitrat und Pflanzenschutzmittel fügen wir dagegen selbst dem Wasser zu. In Mengen, mit denen die Natur allein nicht mehr fertig wird. So wurde bei 41 der 500 Grundwasser-Messstellen in Bayern im Jahr 2015 der erlaubte Grenzwert von 50 mg Nitrat überschritten. Damit das Leitungswasser seine hohe Qualität behält, ist bei den Wasserversorgern inzwischen oft großer Aufwand nötig: Denitrifikationsanlagen sorgen dafür, dass nicht mehr Nitrat im Trinkwasser ist als erlaubt.

Ein weitaus größeres Problem ist buchstäblich hausgemacht: Immer öfter finden sich Medikamentenrückstände im Grundwasser wie zum Besispiel Antibiotika, Beruhigungsmittel, Hormone.

Ringen nach dem Grenzwert

Ein Drittel des in Bayern geförderten Wassers muss daher erst in Wasserwerken aufbereitet werden, bevor es als Trinkwasser in die Versorgung geleitet werden darf. Das heißt, es wird gereinigt, gechlort, gelegentlich entsäuert, fließt manchmal durch Ionenaustauscher gegen die Uranbelastung oder wird schlicht auch mal mit sauberem Wasser verdünnt, bis die Grenzwerte passen.

Letzte Qualitätshürde: das Rohr

Wenn es in Ihrem Haushalt ankommt, hat es dann die vielgerühmte Güte bayerischen Trinkwassers. Aber auch noch an Ihrem Waschbecken? Tatsächlich führen die Wasserleitungen im eigenen Haus nicht nur reines Wasser, sondern oft auch eigene Giftstoffe:

Frisches Wasser in alten Rohren

Bleirohre

Bis 1973 wurden in Häusern Bleirohre verlegt. Das giftige Blei aus den Rohren wird im Wasser gelöst und gelangt beim Trinken in unseren Körper. Vor allem für Ungeborene, Kinder und Säuglinge ist es schädlich. Lassen Sie alte Bleirohre unbedingt austauschen. Das können Sie auch von Ihrem Vermieter verlangen, denn Sie haben das Recht, Ihre Wohnung ohne Gesundheitsgefährdung zu nutzen. Inzwischen sind Bleirohre in deutschen Haushalten jedoch selten geworden.

Kupferrohre

Sehr häufig werden Wasserleitungen aus Kupfer verbaut. Hat das Wasser jedoch einen pH-Wert unter 7 (saures Wasser), sollten keine Kupferrohre verwendet werden, da sich das Metall sonst löst. Neue Kupferrohre geben auch bei nicht saurem Wasser etwa ein halbes Jahr lang erhöhte Kupfermengen ans Wasser ab. Bei Säuglingen und Kleinkindern kann Kupfer zu Leberschäden führen. Daher sollten Sie Wasser aus Kupferrohren keinesfalls für die Zubereitung von Babynahrung verwenden.

Stehendes Wasser

Generell gilt: Wasser, das über längere Zeit in der Leitung steht, nimmt Stoffe aus den Leitungen oder Amaturen auf. So kann beispielsweise Nickel vom Wasserhahn ins Trinkwasser gelangen. Lassen Sie das Wasser laufen, bis es wieder kühl aus dem Hahn kommt. Und nicht nur nach einem langen Urlaub! Hat das Wasser über zwanzig Grad, können sich schon nach wenigen Stunden Bakterien und Keime bilden.

Undichte Rohre

Durch undichte Stellen in den Abwasserrohren können Coli-Bakterien in die unterirdischen Zuleitungen für das Trinkwasser gelangen, die dann schwere Durchfälle auslösen können.

Testen lassen!

Wenn Sie die Qualität des Wassers am Wasserhahn testen lassen wollen, wenden Sie sich an Ihr Landratsamt. Das berät Sie gerne, von wem Sie Ihr Wasser testen lassen können.

Was trinken die, die's genauer wissen?

Trotz seines guten Rufes ziehen die Verbraucher unserem Trinkwasser zunehmend Mineralwasser vor. Seit 1970 hat sich dessen Absatz verzehnfacht - obwohl Leitungswasser rund 100-mal billiger ist. Da ist vermutlich viel Psychologie im Spiel. Doch welches Wasser trinken die, die sich damit auskennen? Wir haben Wasser-Fachleute gefragt, was sie selbst bevorzugen:

Was Experten von unserem Leitungswasser halten

Herausragend

Prof. Harald Horn vom Lehrstuhl für Siedlungswasserwirtschaft der TU München dreht den Hahn auf:

"Die Qualität des Trinkwassers in Deutschland ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern so herausragend, dass für mich keine Veranlassung besteht, auf Mineralwasser aus Flaschen zurückzugreifen. Unter Umständen ist es eine Ausnahme, wenn wir keinen Wasserhahn in der Nähe verfügbar haben."

Begleitstoffe

Prof. Reinhard Nießner vom Institut für Wasserchemie und Chemische Balneologie der TU München kauft lieber ein:

"Ich persönlich trinke Mineralwasser - und zwar einfach aus dem Grund, weil Mineralwasser per definitionem von ursprünglicher Reinheit ist. Trinkwasser ist so gut, wie die Trinkwasserverordnung es vorschreibt - und dann existieren natürlich durchaus Unterschiede, während in einem echten ursprünglich geschützten Mineralwasser keinerlei anthropogene Begleitstoffe zu finden sein dürfen."

Streng kontrolliert

Dr. Alfons Baier vom Lehrstuhl für Angewandte Geologie der Universität Erlangen faulenzt, spart und genießt:

"Ich persönlich bevorzuge Leitungswasser. Das liegt darin begründet, dass Leitungswasser das am stärksten und am strengsten kontrollierte Lebensmittel in der Bundesrepublik Deutschland ist. Zum Zweiten bin ich schlicht und einfach zu bequem, jede Woche zehn Kilogramm Mineralwasser die Treppen hoch zu schleppen, wenn eine bessere Qualität nahezu kostenlos aus der Leitung kommt."

Stiftung Warentest

Im Juni 2012 testete die Stiftung Warentest stille Mineralwässer und kam zu folgendem Ergebnis:

"Wirklich empfehlen können wir keines der stillen Mineralwässer im Test. Jedes hat irgendeine Schwachstelle: Die einen bieten nur wenig Mineralstoffe, andere eignen sich nicht für Immunschwäche, manche haben Kennzeichnungsmängel oder leichte Geschmacksfehler. Nicht einmal der Preis spricht für die Stillen: Handelsmarken kosten nur 13 Cent je Liter. Im Vergleich dazu ist Trinkwasser spottbillig. Auf seine Qualität ist in aller Regel Verlass. Das Schleppen von Wasserflaschen lohnt sich daher meist nicht."

Quelle: Stiftung Warentest, Ausgabe 07/2012

  • Die Wahrheit über ... Trinkwasser: rbb wissenszeit, 13.06.2019, 21:45 Uhr, ARD-alpha
  • Wie sauber ist unser Wasser?: odysso, 13.06.2019, 21:00 Uhr, ARD-alpha
  • Schädliche Düngung - Weniger Nitrat soll in den Boden am 20. Februar 2017 um 18.05 Uhr in IQ - Wissenschaft und Forschung auf Bayern 2
  • Gülle - Gold der Bauern oder Umweltdesaster? am 31. Mai 2017 um 22:00 Uhr in DokThema im Bayerischen Fernsehen

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