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Farbe unter der Haut Sind Tattoos ungesund?

Sind Tattoos ungesund? Die Wissenschaftler wissen nur eines sicher: Ein Tattoo bleibt nicht da, wo es unter die Haut gebracht wurde. Unser Umweltkommissar ermittelt.

Stand: 14.11.2017

Ein Mann mit grauem Bart hat eine Tätowierung am Unterarm | Bild: mauritius-images

Die Haut ist nicht nur ein Sinnesorgan, sondern für viele mittlerweile auch eine große Projektionsfläche. Etwa 15 Prozent der Deutschen haben sich bereits ein Bild, ein Symbol oder ein Muster unter die Haut stechen lassen.

Vor allem bei den unter 30-Jährigen sind Tätowierungen sehr beliebt. Nicht umsonst macht in den Städten mittlerweile an jeder Ecke ein Tattoo-Laden auf. Die Hygienestandards sind hierzulande hoch und frühere Risiken, wie Hepatitis C durch verunreinigte Tätowiernadeln, weitgehend minimiert. 

Tätowiermittel wandern im Körper

Noch weitesgehend unerforscht ist dabei: Was passiert eigentlich mit Tätowierungen nach Jahren oder Jahrzehnten. Die Wissenschaftler wissen nur eines sicher: Ein Tattoo bleibt nicht da, wo es unter die Haut gebracht wurde. Das zeigt sich bislang vor allem durch die Untersuchungen an tätowierten Leichen. Bei solchen Obduktionen hat Prof. Andreas Luch, Leiter Chemikalien- und Produktsicherheit beim Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin, festgestellt, dass diese  Pigmente unter der Haut der Verstorbenen, deutlich kleiner sind, als die Gehalte an Pigmenten in der Haut von frisch tätowierten Menschen: "Wir wissen ungefähr wie viel Pigmentmasse eingebracht wird,  in die Haut, pro Quadratzentimeter Oberfläche, aber wenn man sich dann die Leichen anschaut, stellt man fest, dass das viel, viel weniger ist, als das, was in der Haut zu messen ist." Weit über die Hälfte der tätowierten Pigmente unter der Haut, verschwindet einfach mit der Zeit.

Dass schwarze und farbige Pigmente überhaupt auf Wanderung gehen, ist insofern bemerkenswert, wenn man sich nochmal vor Augen hält, was beim Tätowieren genau passiert. Schließlich wird meistens Tusche mit einer Tätowiernadel unter die Haut gestochen, also unter die Epidermis, wo sie eigentlich dauerhaft zum Liegen kommen müsste. Als eine Art Fremdgebilde, mit dem der Körper nicht reagieren sollte, und das dann farblich durchscheint.

Die Pigmente aus Tätowiermitteln sind nämlich eigentlich nicht wasserlöslich. Konservierungsstoffe, Stabilisatoren oder auch Lösungsmittel dagegen schon. Sie werden zwar zeitgleich mit der Nadel unter der Haut eingebracht, gehen aber innerhalb von Sekunden und Minuten ins Blutsystem über. Von der dort aus werden sie dann über den Stoffwechsel nach und nach ausgeschieden, vermuten die Wissenschaftler.

Die unlöslichen Farbpigmente aber sollten doch erstmal bleiben, wo sie sind. Tun sie aber nicht. Das hat Andreas Luch vom BfR zuletzt klar nachgewiesen: „Unsere letzte Studie hat gezeigt, dass es tatsächlich so ist, dass in den Lymphknoten, die in der Nähe dieser Tätowierungen waren, ein großer Anteil an Pigment aufläuft und akkumuliert.“ Heißt, der Körper reagiert unter der Haut auf diese Außeneinwirkungen und setzt Fresszellen ein, die sich die Farbpigmente mit der Zeit einverleiben und versuchen, sie abzutransportieren.  Die Pigmente werden vom Körper als Verunreinigung wahrgenommen, und der kann damit nichts weiter anfangen, außer zu versuchen, diese Verunreinigung irgendwie zu entfernen. In den Lymphknoten kann das im Extremfall zu Vergrößerungen oder Entzündungen führen. Und es ist außerdem noch nicht geklärt, ob die gefundenen Stoffe, die zweifelsfrei aus Tätowiermitteln stammen, auch tatsächlich dort bleiben. Bislang konnten die Stoffe nur in Lymphknoten von diesen Personen nachgewiesen werden, die in der Nähe der Tätowierungen waren.

Langzeitstudien, die mehr und umfangreichere Erkenntnisse zulassen, sind nur schwer möglich. Tierversuche für kosmetische Stoffe sind in der EU nämlich verboten. Dabei würde Andreas Luch vom BfR bei Schweinen – die Haut ist dem Menschen ähnlich – gerne über Jahre beobachten, ob schwarze oder farbige Pigmente noch weiter wandern, als nur bis zu den nächstgelegenen Lymphknoten.  

Problematische Tätowierfarben

In den Tätowierfarben finden sich immer wieder Stoffe, die problematisch sind, also Allergien auslösen können oder – in hohen Konzentrationen – sogar als krebserregend gelten. Die Tätowierer selbst haben wenig Möglichkeiten, da vorbeugend tätig zu werden. Schließlich gibt es eine EU-Tätowiermittelverordnung, eine Art Negativliste für Stoffe. Darin sind aber lediglich Stoffe aufgeführt sind, die nicht verwendet werden dürfen, wie beispielsweise Azofarbstoffe, die eine "freisetzbare kanzerogene Arylaminkomponente" enthalten, sprich: Ein krebserzeugendes Potential haben.

Tätowierfarben aus Deutschland sind auch entsprechend etikettiert. Für ausländische und meist nicht-europäische Farben gilt das aber nicht. Insgesamt ist mittlerweile etwa jeder siebte Deutsche tätowiert. In der Altersgruppe zwischen 25 und 34 sind es aber schon bis zu 40 Prozent.

Lösen Tätowierungen Krebs aus?

Deshalb wäre das Wissen um die Langzeitwirkung von Tattoos auch so wichtig. Bislang gibt es – auch das muss deutlich gesagt werden – keinen wissenschaftlichen Beweis, dass Tätowierungen Krebs auslösen. Aber es werden eben immer wieder krebserregende Stoffe in Tätowiermitteln gefunden. So genannte „Polycyklische aromatische Kohlenwasserstoffe“ beispielsweise oder Nitrosamine, aber auch Nickel. Ein Allergieauslöser.

Die Tattoo-Shops versuchen, sich vorab mit unterschriebenen Erklärungen ihrer Kunden abzusichern. Dabei wird natürlich gefragt, ob irgendwelche Allergien bekannt sind und ob sich die allergieauslösenden Stoffe möglicherweise in Tattoofarben wiederfinden. Allerdings spielen Tätowierungen selbst  bei Langzeitstudien in diesem Bereich keine Rolle. Das bemängelt auch Andreas Luch vom Bundesinstitut für Risikobewertung: "Es gibt heute keine einzige epidemiologische Studie, die schlichtweg danach gefragt hat: ‚Haben Sie eine Tätowierung? Wenn ja, wie groß ist die und seit wann ist die existent‘. Das wird auch bei den großen Studien, die in Deutschland derzeit durchgeführt werden, nicht gefragt."

Tattoo-Entferung - Risiken

Früher stand beim Tätowieren die Sorge um mangelnde Hygiene im Vordergrund. Ein höheres Infektionsrisiko bei Hepatitis C, Entzündungen oder Rötungen nach dem Stechen oder Ähnliches. Was die Professionalität angeht, haben die meisten Kunden heute aber ein gutes Gefühl. Schließlich ist in Deutschland alles sehr streng geregelt. Wenn man sich also nicht gerade in irgendwelchen Hinterhofecken stechen lässt, ist das Risiko relativ begrenzt.

Und obwohl sich immer mehr Menschen tätowieren lassen, stellt der Münchner Hautarzt Georg Schuhmachers, zumindest in seiner Praxis, auch keine signifikante Zunahme von Entzündungen bei frischen Tattoos fest.

Was ihm aber schon auffällt: Immer mehr wollen sich ihre Tattoos wieder entfernen lassen. Geschätzt die Hälfte aller gestochenen Tattoos soll nach einer Weile wieder weg. Ein oft langwieriger Prozess, der nicht garantiert, dass die Tätowierung völlig verschwindet. Gerade das Weglasern birgt gewisse Risiken. Dr. Georg Schuhmachers: "Das ist ja nicht nur bei den Tätowiermitteln, sondern auch bei den Mitteln für das Permament-Tattoo bei den Damen der Fall. Auch da werden unterschiedlichste Stoffe gebraucht. Gerade bei Farbnuancen. Die machen manchmal deutliche Schwierigkeiten, sie einerseits wieder zu entfernen und andererseits gibt’s Berichte, dass in seltenen Fällen beim Entfernen krebserregende Stoffe entstehen könnten. Es gibt aber keinen nachgewiesenen Fall, soweit ich weiß." Blausäure ist beim Weglasern jedoch schon entdeckt worden, auch nicht gerade ein Stoff, den man gerne im Körper trägt.

Tatsächlich werden die Farbpigmente beim Lasern zertrümmert. Die dabei entstehenden Substanzen sind auch toxikologisch nicht unproblematisch. Andreas Luch vom BfR in Berlin: "Man sieht die Tätowierung zwar nicht mehr, aber es sind Fragmente da. Diese Fragmente sind kleiner geworden und dadurch auch mobiler. Möglicherweise sind sie auch löslicher geworden, gehen ins Blutgefäßsystem und verteilen sich im Körper." Je größer die Tätowierung, desto größer letztlich das Risiko. Letztlich geht es für Wissenschaftler, wie Andreas Luch, auch nicht um ein Verbot von Tattoos, sondern um Aufklärung und um Bewusstwerdung: "Es ist wichtig zu wissen, dass es immer um Chemikalien geht. Das muss man wissen, bevor man so was machen lässt. Ich kann mir vorstellen, dass das sicher nicht befriedigend ist, aber es gibt an dieser Stelle keine Entwarnung und sicher kein Motiv ohne Risiko."


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