Bayern 1 - Experten-Tipps


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Auswertung von Studien Rotes Fleisch - Gefahr für die Gesundheit oder doch nicht?

Rotes Fleisch ist ungesund! Vor allem in Form von Wurst oder Salami, sagen viele Experten seit Jahren. Stimmt gar nicht, behauptet nun ein internationales Forscherteam. Oder zumindest: Man könne es nicht genau sagen. Es bleibt also Verwirrung.

Stand: 01.10.2019 16:14 Uhr

aufgeschnittene Salami und Hartwurst, verschiedene Sorten | Bild: colourbox.com

Rotes Fleisch, also Rind- und Schweinefleisch, steht seit vielen Jahren im Verdacht, gesundheitsschädlich zu sein. Viele Krankheiten sollen damit in Zusammenhang stehen: Krebs, Herzkreislauferkrankungen oder Diabetes. Ein internationales Forscherteam sagt nun: Das stimmt so vielleicht gar nicht.

"Vielleicht lässt sich das Risiko reduzieren - vielleicht aber auch nicht."

Ass. Prof. Bradley Johnston, Epidemiologe, Dalhousie Universität Halifax, Kanada

Wer ist diese internationale Forschergruppe?

Wer zu viel Wurst isst, stirbt laut Studien früher.

Die Gruppe nennt sich "NutriRECS" und ist ein Zusammenschluss von Ernährungs- und Gesundheitswissenschaftlern, die bestehende Studien neu auswertet. Die Forscher kommen von den Universitäten Dalhousie und McMaster aus Kanada und von den polnischen und spanischen Cochrane-Zentren, die schon lange aufwändige Meta-Analysen im Gesundheitswesen ausführen und auswerten. NutriRECS wolle nach eigenen Angaben "die üblichen allgemeinen Ernährungsempfehlungen aufbrechen".

Wie kommen die Forscher zu ihrem Urteil?

Die Forscher haben zunächst versucht, aussagekräftige Studien zum Thema "Rotes Fleisch und Gesundheit" zu finden. Das ist gar nicht so einfach, denn viele Ernährungsstudien sind zum Beispiel nur sogenannte "Beobachtungsstudien". Dabei werden Teilnehmer im Nachhinein gefragt, welche Nahrungsmittel sie innerhalb eines vorher definierten Zeitpunkts zu sich genommen haben. Dass sich alle richtig erinnern, kann nicht gesichert werden, ihre Aussagekraft ist also nur begrenzt.

Am Ende fanden die Forscher nur 12 Studien, die ihren Ansprüchen entsprochen haben. Das Ergebnis der Studie, die in der Zeitschrift Annals of Internal Medicine veröffentlich wurde: Es gebe keinen statistischen Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Diabetes, Herzkrankheiten und 13 verschiedenen Krebsarten.

Können wir also wieder sorglos rotes Fleisch essen?

Leider lässt sich auch aus der neuen Meta-Analyse kein eindeutiger Schluss ziehen. Das geben die Autorinnen und Autoren selbst zu. Denn die Datenlage zur Ernährung mit rotem Fleisch sei insgesamt unbefriedigend. Es könnte also sogar sein, dass man die Gesundheitsgefahr von rotem Fleisch unterschätze. Insgesamt aber gebe die Studienlage momentan auch nicht her, dass rotes Fleisch besonderes gesundheitsgefährdend sei.

Was sagen andere Experten?

Amerikanische Krebsforscher dagegen kritisieren die Meta-Analyse deutlich:

"Das ist so, als würden wir sagen: Wir wissen, dass Fahrradhelme Leben retten können, aber manche Radfahrer ziehen es vor, den Wind in ihren Haaren zu spüren. Tatsächlich haben nur wenige Radfahrer Unfälle, aber trotzdem sind sich alle einig, dass man Helme tragen sollte."

Marjorie McCullough, American Cancer Society.

Auch der World Cancer Research Fund möchte seine bisherigen Empfehlungen vorläufig nicht verändern:

"Wir vertrauen weiterhin den seit 30 Jahren vorgenommenen Forschungen."

Giota Mitrou, World Cancer Research Fund

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat kritische Anmerkungen zu der Metastudie: Die DGE hält es unter anderem nicht für sinnvoll,

"Ernährungsempfehlungen nur an dem einen Kriterium 'Minimierung des individuellen Krankheitsrisikos' auszurichten. Für die DGE ist es bedeutsam, bei den Empfehlungen ein Lebensmittel in seinem kulturellen Kontext und in Verbindung mit dem Verzehr anderer Lebensmittel zu sehen; ebenso sind gleichzeitig die Umweltkonsequenzen mit zu berücksichtigen."

DGE

Fleischlos fürs Klima?

Darüber hinaus ist laut Kritikern die Aussage "esst einfach weiter rotes Fleisch" vor dem Hintergrund von Massentierhaltung und Klimakrise nicht zu empfehlen. Viele Menschen verzichten auf Fleisch und andere tierische Produkte, weil sie das Klima schützen wollen. Gleichzeitig gibt es aber auch einen Trend zum reinen Fleischesser.

Das essen wir

Männer verzehren fast doppelt so viel Fleisch, Wurstwaren und Fleischerzeugnisse wie Frauen. In der Woche verspeisen Männer fast 1.1100 Gramm Fleisch, Frauen kommen auf 600 Gramm. Die Empfehlung der Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt maximal 300 bis 600 Gramm pro Woche.


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