Bayern 1 - Experten-Tipps


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Bayern 1-Umweltkommissar Wie nachhaltig gehen wir mit unseren Sachen um?

Kühlschrank, Handy, Fernseher: Was hat es mit der "geplanten Obsoleszenz" von Elektrogeräten auf sich? Ist tatsächlich alles Schrott nach Ablauf der Garantie? Oder sorgen auch wir Verbraucher mit unserem Konsumverhalten für Massen von Elektroschrott?

Stand: 10.06.2015

Illustration: Der Unweltkommissar tauscht einen alten Wasserkocher und ein altes Handy gegen neue aus, was der Biene nicht gefällt | Bild: BR/Susanne Baur

Der erste Eindruck

Schon seit einigen Jahren wird über einen generellen Eindruck diskutiert: Neu gekaufte Geräte oder Produkte halten heutzutage wesentliche weniger lang als früher. Kaum ist die Garantie abgelaufen, geht der Kühlschrank oder der Elektroherd kaputt.

Mehr noch: Die Industrie soll sogar ganz bewusst sogenannte Sollbruchstellen einbauen – in der Fachsprache „geplante Obsoleszenz“ genannt – um die Lebensdauer ihrer Produkte so auf absehbare Zeit zu begrenzen. Die Gelackmeierten sind die Verbraucher und die Umwelt. Denn dadurch landen Berge von Schrott der Industriegesellschaften meist in der dritten Welt - und gefährden dort Mensch und Natur.

Das teure Laptop im Eimer: geplante Obsoleszenz oder einfach nur Pech?

Allerdings: Dieser geplante Verschleiß ist nur schwer bis gar nicht nachzuweisen und – je nach Produktart – auch anders gelagert. Gut für die Industrie, denn verlässliche Basisdaten gibt es bislang nicht. Was auch an der aufwändigen Untersuchungsanordnung liegt, die solche Nachweise mit sich bringen. Um den Verschleiß einer Waschmaschine in zehn Jahren zu simulieren, muss sie bei der Stiftung Warentest ganze neun Monate im Dauereinsatz sein. Das verdeutlicht den immensen Aufwand, der betrieben werden muss, um hersteller- und produktübergreifend eine gültige Aussage über die Langlebigkeit einer Maschine zu treffen.

Das Umweltbundesamt (UBA) hat eine Studie in Auftrag gegeben (in Zusammenarbeit mit dem Öko Institut Freiburg und der Uni Bonn), die solche Basisdaten sammeln und zusammenführen soll. Erste Zwischenergebnisse sind bekannt. Grund genug, sich den Fall „Obsoleszenz“ mal näher anzuschauen.

Es gibt Auffälligkeiten. Mehr nicht!

Ziel der Studie war es auch, die Debatte um Nachhaltigkeit mit Daten zu unterfüttern. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollten dafür Ergebnisse der Jahre 2004 bis 2012 auswerten und analysieren. Es ging darum, Belege für die Nutzungs- und vor allem die Lebensdauer von ausgewählten elektronischen Geräte zu finden und anschließend auch die Ursache für den Ausfall der Geräte.

Eines ist sicher: Qualität zahlt sich aus.

Eines ist sicher: Wir nutzen eine Waschmaschine, einen Kühlschrank oder einen Fernseher nicht mehr so lange, wie es noch unserer Eltern oder Großeltern getan haben. Bei den Haushaltsgroßgeräten (Wäschetrockner, Waschmaschinen etc.) liegt die sogenannte „Erst-Nutzungsdauer“ im o.g. Zeitraum immerhin noch bei 13 Jahren im Schnitt. Auffällig ist nur, dass der Anteil der Geräte, die schon in den ersten fünf Jahren kaputt gehen, stärker angestiegen ist (von 3,5 Prozent auf 8,3 Prozent der untersuchten Geräte). Wie sich bei der „Stiftung Warentest“ auch gezeigt hat, bewähren sich gerade Produkte, die in der Anschaffung teurer sind, was ihre Langlebigkeit angeht. Auch diese ersten Ergebnisse sind kein Beweis dafür, dass die Hersteller ihre Geräte absichtlich, schon nach Ablauf der Garantie, kaputt gehen lassen, aber hier kann immerhin politisch der Hebel angesetzt werden, meint Dr. Ines Oehme vom Umweltbundesamt (UBA): „Unter 5 Jahren sollte man nicht die Notwendigkeit haben, ein Haushaltsgroßgerät zu reparieren.“

Derzeit beraten die Verbraucherschutzminister der Länder darüber, wie Hersteller künftig verpflichtet werden können, die durchschnittliche Lebensdauer und Reparierbarkeit von Konsumprodukten auszuweisen. Einen entsprechenden Antrag hat Niedersachsen eingebracht:

"Von Staubsaugern über Waschmaschinen bis hin zu Hüftgelenken – wir brauchen die Kennzeichnung, wie lange sie im Durchschnitt halten."

Christian Meyer (GRÜNE), ehe. Vorsitzender der Verbraucherschutzministerkonferenz der Länder in Osnabrück

Ähnlich wie die Autobranche hätten die Hersteller von Elektro- und anderen Geräten die Möglichkeit, ihre Produkte auf Qualität und Langlebigkeit zu testen. Dann könnten sie die Verbraucher auch verlässlich darüber informieren, wie lange das Gerät voraussichtlich seinen Dienst tun werde. Ein Gesetz, das diese Kennzeichnung vorsieht, ist übrigens kürzlich in Frankreich in Kraft getreten. Hierzulande fehlt  Verbrauchern oft die Orientierung, was die Langlebigkeit von Produkten angeht. 

Wir selbst verkürzen oft die Nutzungsdauer

Immer größer, immer besser: Fernseher haben schnell ausgedient.

Dass die Verbraucher selbst gerne „alte“ Geräte durch neue, modernere Modelle ersetzen, obwohl es die anderen noch tun, zeigt sich besonders deutlich bei den Fernsehern. Die Röhrenfernseher liefen in den deutschen Haushalten etwa zehn bis zwölf Jahre – in Schnitt. Die modernere Flachbildschirme werden schon nach etwa fünf bis sechs Jahren ersetzt. Aber nur ein Viertel der Verbraucher kauft sich ein neues Gerät, weil das alte defekt war. Im Jahr 2012 – das weist die UBA-Studie nach – haben über 60 Prozent ihre noch funktionierenden Flachbildschirmfernseher durch ein noch besseres Gerät ersetzt.

Immer noch funktionsfähig? Lieber öfter mal was Neues!

Auch bei den Mobiltelefonen zeigt sich ein ähnliches Bild: Nur ein Prozent kaufen sich alle Jahre ein neues Handy, aber immerhin 37 Prozent tun es alle zwei Jahre - auch wenn das alte noch funktioniert. Bei satten 70 Prozent überlebt ein Mobiltelefon nicht das vierte Jahr, auch wenn es tadellos funktioniert. „Psychische Obsoleszenz“ nennen das die Experten. Hersteller und Werbung suggerieren uns, dass ein neues Modell her muss, weil wir sonst nicht mehr auf der Höhe sind, technisch abgehängt oder von vorgestern. Und es funktioniert!

Nachhaltigkeit schwer gemacht

Funktionale Obsoleszenz - ohne Updates läuft irgendwann nichts mehr.

Gerade im IT-Bereich gibt es noch eine weitere Facette, wie Hersteller die Verbraucher am langen Arm verhungern lassen können. „Funktionale Obsoleszenz“ wird die Möglichkeit genannt, einfach keine Updates mehr zur Verfügung zu stellen. Damit laufen Geräte langsamer, verschiedene Funktionen können nicht mehr genutzt werden, und die Möglichkeit, mit der Familie oder Freunden zu kommunizieren, ist teilweise eingeschränkt. Das kann dermaßen nerven, dass man am Ende doch ein neues Gerät kauft, auch wenn es das alte eigentlich noch tut.

Von Akkus, die so verbaut sind, dass sie nicht ausgetauscht werden können, oder von Geräten, die so verklebt werden, dass sie nicht zu öffnen sind, ohne zugleich beschädigt zu werden, gar nicht erst zu reden. Es gibt zahlreiche Fälle, die aufzeigen, dass die Hersteller bereits auf die eine oder andere Art und Weise versuchen, die Langlebigkeit ihrer eigenen Produkte gezielt einzuschränken.

Fazit

Auch wenn es schick ist und die Sache vereinfacht: Die Langlebigkeit von Produkten, die wir nutzen, ist nicht durch die Bank weg gesunken. Und es wird nicht seitens der Industrie durchweg Schrott produziert, damit wir – wenn die Garantiezeit abgelaufen ist – wieder eine neues Gerät kaufen müssen, weil das alte defekt ist, oder weil sich eine Reparatur nicht mehr lohnt. Diese Fälle gibt es, keine Frage, aber es gibt eben keine Beweise, die das flächendeckend wirklich belegen. 

Nur mal ein Beispiel aus dem Bereich der Haushaltskleingeräte: Hier zeigt die Analyse der erhobenen Daten aus der UBA-Studie, dass sich die durchschnittliche Erst-Nutzungsdauer von elektrischen Stab- und Handmixern über die Jahre kaum verändert hat. Dass das eine oder andere Gerät manchmal auch früher den Geist aufgibt, ist klar, aber verbaute Sollbruchstellen sind hier nicht nachzuweisen. Das gilt auch für Notebooks: „Ein eindeutiger Trend, etwa dass Notebooks im Zeitverlauf signifikant früher kaputt gehen, ist aus den Daten nicht ableitbar“, heißt es in der Studie.

Obsoleszenz-Blog

Mehr Infos zum Thema hier:

Trotzdem: Ökologisch sinnvoller wäre es, wenn Kühlschränke im Schnitt 20 Jahre (derzeit 13,0) und Notebooks etwa sieben Jahre (derzeit 5-6 Jahre) durchhalten würden. Eine ausgewiesene Lebenserwartung der Produkte seitens der Hersteller wäre deshalb wünschenswert. Das würde einerseits die Industrie etwas unter Druck setzen, andererseits überlegt sich der eine oder andere vielleicht doch, etwas mehr Geld für ein qualitativ hochwertiges Produkt auf den Tisch zu legen, wenn es im Gegenzug – auch sichtbar beim Kauf – dafür länger hält! 

"Es ist einfach eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es geht einerseits um das Handeln von Herstellern und Handel, als auch der Verbraucherinnen und Verbraucher."

Dr. Ines Oehme vom UBA

Schließlich liegt es auch an uns, ein Gerät länger zu nutzen, wenn es noch einwandfrei funktioniert und nicht jedem Trend bedingungslos zu folgen. 


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