Bayern 1 - Experten-Tipps


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Nachhaltiger Tourismus So ökologisch ist die Hotelbranche

In einem Hotel werden die Zimmer täglich gereinigt und die Betten jeden Tag frisch gemacht - das ist ungeschriebenes Gesetz. Doch wie umweltfreundlich ist die Branche. Der Umweltkommissar hat recherchiert.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 20.08.2019

Zimmermädchen im Hotelbad | Bild: mauritius-images

Nachhaltigkeit im Hotel- und Gastgewerbe

Trotz "Fridays for Future", der Diskussion um Klimawandel oder die CO2-Steuer: Wir Deutschen fliegen gern in den Urlaub. Die Zahl der Fluggäste steigt von Jahr zu Jahr. 2018 erreichten die Zahlen wieder Rekordniveau. Vor allem ins Ausland, aber zunehmend auch in Deutschland. In Bayern. Denn für fast 60 Prozent der Deutschen ist Nachhaltigkeit im Urlaub zumindest ein wichtiges Thema. Laut aktueller Umfrage der Forschungsgemeinschaft "Urlaub und Reisen e.V." ist es knapp einem Viertel der Urlauber sehr wichtig und wird in der Reisegestaltung miteinberechnet.

Dem wollen oder müssen auch Hotels künftig stärker Rechnung tragen. Umweltfreundliches Handeln wird quasi vorausgesetzt, sagt Gerhard Engelmann vom Deutschen Hotel und Gaststättenverband Bayern in Nürnberg: "Ja, das ist selbstverständlich. Das wird immer stärker. Gäste legen zum Beispiel nicht mehr so großen Wert darauf, dass eine tägliche Zimmerreinigung vorgenommen wird."

Ist die tägliche Zimmerreinigung notwendig?

Während es mittlerweile Standard ist, dass am Frühstücksbuffet im Hotel kaum noch Einwegmarmeladen zu finden sind oder, dass Handtücher im Bad nur noch dann ausgewechselt werden, wenn der Gast sie vorsätzlich auf dem Boden liegen lässt, ist die tägliche Zimmereinigung immer noch üblich. Schon seit ein paar Jahren können zum Beispiel auch die Gäste des Westin-Grand Berlin auf die standardisierte Zimmereinigung verzichten. Für viele Gäste ist sie sowieso nicht mehr zeitgemäß. Schließlich, sagen die meisten, staubsauge oder putze ich zuhause auch nicht täglich.

Dabei könnte in der Hotellerie genau hier einiges an Ressourcen eingespart werden, ganz im Sinne der Nachhaltigkeit. Das rechnet zumindest Phillip Winter von A&O in Berlin vor. Bei der Hotelkette können die Gäste seit Mai auf das tägliche Putzen des Hotelzimmers verzichten. "Bleibereinigung" heißt das im Fachjargon.

"Bei uns werden pro Bleibereinigung 7,5 Liter Wasser verbraucht. Dass heißt durch Toilettenspülung, Reinigung der Waschbecken, Duschen und beim Wischen der Böden und Oberflächen. Dazu laufen die Staubsauger pro Zimmer für fünf Minuten mit einer Leistung von 850 Watt. Das bedeutet, Stand heute, dass wir insgesamt 135.000 Liter Wasser gespart haben. Dazu kommen 36.000 Müllbeutel, die wir eingespart haben und knapp 1.300 Kilowattstunden Strom."

Phillip Winter, A&O in Berlin

Nach einer Testphase im April, hat die A&O-Hostelkette im Mai das Angebot auf alle 39 Häusern in Europa ausgeweitet und damit offenbar einen Nerv bei den Gästen getroffen. Freiwillig kann jeder Gast auf die tägliche, standardisierte Zimmerreinigung verzichten. Natürlich, das ist nicht von der Hand zu weisen, bei aller Nachhaltigkeit, sparen auch die Hotels Kosten, wenn nicht jeden Tag durchgewischt wird. Aber mehr auch nicht, sagt Phillip Winter von A&O in Berlin. "Naja, uns geht's ja wirklich um die Energiekosten, die wir einsparen wollen und nicht ums Personal. Die Reinigungskraft kommt ja trotzdem zum Dienst und hat die ganz normalen Aufgaben zu verrichten. Demgegenüber steht auch das Freigetränk mit dem wir versuchen die Gäste zu ködern, auf die tägliche Zimmerreinigung zu verzichten." Mit solchen Anreizen versuchen auch andere Hotels ihre Gäste zum Verzicht zu überreden.

Täglich putzen ist Pflicht

Tatsächlich gibt die derzeitige Hotel-Klassifizierung schon ab dem ersten Stern vor, dass täglich die Zimmer gereinigt werden müssen. Das ist Standard und auch im entsprechenden Kriterienkatalog so festgelegt. Mit vier oder fünf Sternen ist sogar der tägliche Wechsel der Bettwäsche drin. Manchmal sind auch die Handtücher weg und neu ausgelegt, obwohl der Gast sie wieder auf die Stange gehängt hat. Einfach weil das Verfahren auch für die Reinigungskräfte entsprechend standardisiert ist.

Und schließlich ist es auch die Frage, inwieweit Hotelgäste den "Verzicht" auch mittragen. Schließlich haben sie ja auch für den Luxus bezahlt. Wobei Gerhard Engelmann von der DeHoGa Bayern den Nachhaltigkeitsgedanken der Gäste auch in den preislich höher angesiedelten Kategorien durchaus wiederfindet.

"Ich denke, dass sowohl im Luxussegment, als auch in den billigen Kategorien, nicht viel nimmt. Es kommt auf den Gast an und wir stellen eben fest, dass der Gast verstärkt den Umweltgedanken auch mit sich trägt und verstärkt auch sagt, jeden Tag braucht ihr nicht das Zimmer zu reinigen und einmal die Woche genügt für mich ein Bettwäschewechsel."

Gerhard Engelmann, DeHoGa Bayern

Neue Kriterien für Hotel-Sterne

Alle fünf Jahre werden die europaweit geltenden Richtlinien für die Hotelklassifizierung überarbeitet. Von den Mitgliedstaaten der "Hostelstars Union", zu denen auch Deutschland gehört. Ab 2020 ist es wieder soweit, dann gelten auch für die Mitlieder des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DeHoGa) neue bzw. überarbeitete Kriterien für die entsprechende Sterne-Klassifizierung. Was auffällig ist: Es sind weniger. Statt 270 nur noch 250. Neben der fortschreitenden Digitalisierung, spielt vor allem die Nachhaltigkeit eine zunehmend größere Rolle. "Und zwar gibt es sowohl für die Zimmerreinigung wie auch für den Bettwäschewechsel in Zukunft eine Opting-out-Möglichkeit", sagt Gerhard Engelmann von der DeHOGa Bayern, "das heißt, dass der Gast letztlich wählen kann, wann er denn sein Zimmer gereinigt und die Bettwäsche gewechselt haben will." Daneben gibt's auch für den weitgehenden Plastikverzicht im Badezimmer oder Ladestationen für Elektrofahrzeuge Punkte auf dem Sternekonto. Im Oktober wird der Kriterienkatalog dann verabschiedet.

Dann kann jeder Hotelgast gleich beim CheckIn angeben, wenn er auf die tägliche Reinigung verzichten möchte. Frische Handtücher oder Toilettenpapier gibt's natürlich trotzdem, wenn man's braucht. Übrigens auch Gäste der A&O-Hostelkette, die eine Woche oder länger bleiben, werden in ihrem Zimmer nicht ganz allein gelassen, verspricht Phillip Winter von A&O: "Ab fünf Tagen, kommen wir gucken ..."

Links:

www.aghz.de
https://reiseanalyse.de/wp-content/uploads/2019/03/RA2019_Erste-Ergebnisse_DE.pdf
https://www.deutschertourismusverband.de/impulse/nachhaltiger-tourismus.html
http://nachhaltigkeit-tourismus.blogspot.com/


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Christian, Mittwoch, 21.August 2019, 11:26 Uhr

1. Man muss nicht bis 2020 warten

Auf meinen Dienstreisen (und auch privaten Reisen) praktiziere ich es schon seit Jahren so, dass ich einfach das "Do-Not-Disturb" Schild hängen lasse. Einerseits weil ich nicht jeden Tag ein geputztes Zimmer benötige und andererseits weil ich nicht jeden Tag jemand Fremdes in meinem Hotelzimmer haben möchte. Meistens wird sich an das Schild gehalten und man findet einen netten Zettel an der Tür, dass man sich an der Rezeption melden möchte wenn man noch eine Reinigung oder Sonstiges benötigt.