Bayern 1 - Experten-Tipps


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Bayern 1-Umweltkommissar Hilft eine Sonderabgabe dem Mehrwegsystem?

Mehrwegflaschen, Einwegflaschen, Flaschen mit Pfand und ohne Pfand aus PET oder Glas - der Verbraucher blickt schlicht nicht mehr durch, viele Flaschen werden nicht recycelt. Kann eine Sonderabgabe helfen?

Stand: 21.09.2016

Illustration: Die Biene steckt in einer Plastikflasche, der Umweltkommissar überlegt ob Einweg- oder Mehrwegflaschen besser sind | Bild: BR/Susanne Baur

Die Entwicklung des guten Mehrwegsystems in Deutschland ist – rein ökologisch betrachtet – ein Trauerspiel. Anfang der 2000er sollte die Mehrwegquote auf 70 Prozent gesteigert werden. Ziel war es damals,  dass  mindestens 72 Prozent aller Getränke in Deutschland in ökologisch vorteilhaften Verpackungen, wie Mehrwegflaschen, Getränkekartons etc. abgefüllt werden. Fakt ist: Die Mehrwegquote sinkt kontinuierlich.

Und zwar verstärkt ausgerechnet seit Mai 2006! Als der Einzelhandel verpflichtet worden ist, alle Einwegverpackungen, auf die Pfand erhoben wurde, zurückzunehmen (wenn sie Pfand-Einwegverpackungen gleichen Materials verkaufen) und somit dem Rücknahmechaos Einhalt geboten werden sollte.

Mittlerweile liegt die Mehrwegquote weit unter 50 Prozent. Bei Fruchtsäften sogar nur bei sieben Prozent. Bei Mineralwasser um die 30 Prozent. Lediglich das Bier trinken die Deutschen nach wie vor gerne (ca. 80 Prozent) aus der Mehrweg-Glasflasche. Nur hier wird die Zielvorgabe des Gesetzgebers noch erfüllt.

Mit der Entscheidung des Getränkekonzerns Coca-Cola, die 0,5 und 1,5-Liter-Flaschen, in Deutschland künftig nur noch als Einwegflaschen anzubieten, hat sich die Situation weiter verschärft. Mittlerweile gibt es im Entwurf für eine neue Verpackungsverordnung gar keine Zielvorgabe mehr. Umweltverbände laufen Sturm und prangern das Einwegsystem als ökologische Einbahnstraße an. Für Coca-Cola, den Bund Getränkeverpackungen der Zukunft oder die Bundesvereinigung der Dt. Ernährungsindustrie (BVE), ist der ökologische Vorteil von Mehrweg nicht erwiesen. Grund genug sich den Fall mal näher anzusehen.

Kunden haben Probleme zu unterscheiden

Wir haben in Deutschland  zwar das weltweit größte Mehrwegsystem,  aber die Verbraucher blicken eigentlich nicht durch. Für viele sind PET-Einwegflaschen, die gegen Pfand an Rückgabeautomaten eingeworfen werden können, Teil des Mehrwegsystems. Die Hälfte der Verbraucher können Mehrweg- nicht von Einwegverpackungen unterscheiden, sagt der Bundesverband des Deutschen Getränkegroßhandels.

Mehr oder weniger bestätigte das der Vorstandschef von Coca-Cola, Ulrik Nehammer, in einem Interview mit der „Welt“. Coca-Cola habe nämlich die Mehrwegverpackungen im Sortiment beworben, aber stattdessen haben sich dennoch der Absatz der Einwegflaschen bei Coca-Cola in den letzten zehn Jahren verdreifacht.

Tatsächlich ist die Kennzeichnung auf den Getränkeflaschen nicht sonderlich deutlich. Für die Verbraucher gelten offensichtlich auch PET-Flaschen, die im Automaten geschreddert werden und für die es 25 Cent zurückgibt, ebenfalls Mehrwegflaschen. Ein entsprechender Gesetzentwurf zu besseren Mehrweg-Kennzeichnung liegt übrigens seit zwei Jahren bereits dem Bundesrat zur Beschlussfassung vor. Allerdings sieht dieser nur die Kennzeichnung am Regal im Supermarkt vor, nicht aber auf der Flasche. Mittlerweile haben sich immerhin mehr als 40 Getränkehersteller und Handelsunternehmen darauf geeinigt, auch die Flaschen besser und deutlicher zu kennzeichnen. Erst bis Ende 2017!

Umweltverbände, wie die Deutsche Umwelthilfe fordern deshalb nicht nur eine deutlichere Kennzeichnung von Einwegflaschen, á là „ACHTUNG – DAS IST EINE EINWEGFLASCHE“, sondern möchten auch eine so genannte „Lenkungsabgabe“ von 20 Cent auf Einweggetränke einführen. Das macht die Produkte teurer und somit – hoffen die Umweltschützer – werden Mehrwegflaschen wieder attraktiver. Die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks hält die „Strafabgabe“ für rechtlich problematisch. Manche Mineralwässer wären damit günstiger, als die 20 Cent, die Verbraucher für die Plastikflasche drauf zahlen müssten. „Das „Prinzip der Verhältnismäßigkeit“ bleibe damit nicht mehr gewahrt, was jedoch ein Grundsatz der Gesetzgebung in Deutschland ist. Mit anderen Worten: Wasser in Einwegplastikflaschen ist hier zu billig, um verteuert werden zu können.

Was ist PET?

PET ist die Abkürzung für den Kunststoff „Polyethylenenterephthalat“. Daraus werden nicht nur Behälter oder Verpackungen hergestellt, sondern auch Fasern oder Textilien. Weltweit sind jährlich etwa 13 ½ Milliarden Kunststoffflaschen im Einsatz. Auf den ersten Blick scheint das Problem der Plastik-Einwegflaschen nicht so dramatisch. Schließlich werden sie hier in Deutschland über die verschiedenen Sammelsysteme wieder zurückgenommen und können somit wiederverwertet werden.

Es gibt zwar Verfahren, die chemisch ein vollständiges Recycling von Flasche zu Flasche in Aussicht stellen, allerdings sind diese Verfahren sehr teuer und benötigen zudem viel Energie. Bei den üblichen Recycling-Verfahren werden PET-Einwegfaschen gesammelt, gewaschen, geschreddert und anschließend eingeschmolzen. Das Granulat ist zwar mittlerweile ein wertvoller Rohstoff, aber weil bei diesem mechanischen Wiederaufbereitungs-Verfahren die Kunststoffmoleküle beschädigt werden, muss zum Großteil fabrikneues PET zugesetzt werden. Fast die Hälfte des Granulats aus zurückgenommenen PET-Flaschen ist nicht mehr zur Herstellung neuer Flaschen geeignet. Und gefärbtes PET taugt allenfalls noch für Textilfasern, aber nicht mehr für klare Wasserflaschen aus Kunststoff. Deshalb hat die PET-Einwegflasche auch bei einer Ökobilanz, die im Auftrag der „Genossenschaft Deutscher Brunnen“ vor ein paar Jahren ermittelt wurde, am schlechtesten abgeschnitten. Miteingerechnet wurden von den Wissenschaftlern dabei die CO2-Emmissionen sowie der Energie- und Rohstoffverbrauch. Die PET-Mehrwegflasche wird dabei noch etwas besser bewertet.

Einwand von Coca-Cola

Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) lehnt eine Lenkungsabgabe auf Einweg-Getränkeverpackungen kategorisch ab. Die Vereinigung verweist nicht nur auf Wahlfreiheit der Verbraucher, sondern auch darauf, dass mit der Einführung des Pflichtpfands Einwegflaschen weitgehend zurückgegeben werden.

Auch Coca-Cola stellt vor allem seine neuen oder recycelten PET sowie die Plant-Bottle™-Flasche heraus, die zu 100 Prozent recyclebar sind. Insgesamt liegt aber auch bei Coca-Cola der Recyclat-Anteil bei den bepfandeten Einweg-PET-Flaschen bei knapp 30 Prozent:  Es ist nicht das erste Mal, dass Coca-Cola versucht das deutsche Mehrwegsystem zu unterlaufen oder auszuhebeln: Bereits 1987 will Coca-Cola die 1,0 Liter Mehrweg-Glasflasche durch eine Einweg-PET ersetzen. Der damalige Umweltminister Töpfer (CDU) führt daraufhin ein Pfand auf Einwegflaschen ein. Die 1,0 Liter-Glasflasche bleibt, stattdessen wird die 1,5 Liter Mehrweg-PET-Flasche eingeführt (die jetzt wieder abgeschafft werden soll).

Die Gründe, die Coca-Cola anführt, sind aus ökonomischer Sicht durchaus nachvollziehbar. Mit den großen 1,5 Liter-Flaschen ist über Mehrweg offenbar kein Geschäft mehr zu machen. Vor allem in Großstädten würden sich wegen der vielen Singlehaushalte Mehrwegkisten mit zehn Flaschen immer schlechter verkaufen. Beim Ausstieg aus der 0,5 Liter Mehrweg-Flasche geht Coca-Cola Deutschland-Boss Nehammer sogar noch einen Schritt weiter. Er sagt, dass die kleine Flasche oft unterwegs gekauft und irgendwo zurückgegeben werde. Sprich: Die langen Wege verwässerten die Ökobilanz des Mehrwegsystems.

"Wir müssen leider feststellen, dass wir im Markt sehr viele Verpackungen verlieren, die einfach nicht zurückgegeben werden (...). Wir haben da Ausfallquoten von etwa zehn Prozent pro Umlauf, und das ist für Mehrweg nicht unbedingt sinnvoll. Wir werden deshalb diese Flaschen durch Glas-Mehrwegflaschen und Plastik-Einwegflaschen ersetzen."

Uwe Kleinert, Leiter für Nachhaltigkeit und Unternehmensverantwortung bei Coca-Cola Deutschland

Mehrweg ist klar umweltfreundlicher

Und dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob es sich um eine Glas- oder PET-Flasche handelt. Entscheidend für die Ökobilanz der Getränkeverpackung ist nämlich zunächst einmal die Wiederverwendbarkeit. Die Glasflasche kann beispielsweise bis zu 50 Mal wiederbefüllt werden. Eine PET-Mehrwegflasche zwar nur 25 Mal, aber dafür ist sie leichter beim Transport und wird im direkten Vergleich mit der Glas-Mehrwegflasche sogar etwas besser bewertet. Die Gutachter haben, hochgerechnet auf 1.000 Liter abgefülltes Wasser, zusammengezählt, dass eine PET-Mehrwegflasche in Bezug auf den fossilen Ressourcenverbrauch etwa 0,7 Kilogramm weniger Rohöl „verschlingt“. Allerdings hängt die Gesamtökobilanz auch sehr stark vom Transportweg ab. Je näher die Quelle und der Abfüller sind, desto besser schneidet die Glasflasche ab.

Auch eine Studie des Umweltbundesamtes belegt eindeutig: „Getränke in Mehrwegflaschen sind am umweltfreundlichsten“ Das mehrfache Befüllen beim Mehrwegsystem spart Rohstoffe, reduziert die Abfälle und erzeugt damit auch weniger Treibhausgase. Dazu kommt noch, dass das arbeitsintensive Reinigen und Wiederbefüllen Arbeitsplätze in der Getränkeindustrie sichert. Das gilt auch, obwohl sich die Ökobilanz bei recycelten Einweg-Pfandflaschen in den letzten Jahren stark verbessert hat.

Problem Mineralwasser

Gerade durch die Dumping-Preise der Lebensmittel-Discounter ist die Mehrwegquote in den letzten Jahren dramatisch gesunken. Kauften die Deutschen in den 90ern noch drei Viertel ihres Mineralwassers in Mehrwegflaschen, werden heute – genau umgekehrt – über 70 Prozent der Wässer in PET-Einwegflaschen abgefüllt und billig verkauft. Das ist vor allem deshalb von Bedeutung, weil Wasser das beliebteste Getränk in Deutschland ist. Der Bundesbürger schleppt im Schnitt etwa 137 Liter Mineralwasser nach Hause. Mittlerweile werden 60 Prozent über die Discounter verkauft und das wirkt sich schlecht auf die Umweltbilanz aus.  Die Deutsche Umwelthilf e.V. in Berlin hat errechnet, dass Mineralwasser in Mehrwegflaschen (egal ob aus Glas oder PET)  im Schnitt insgesamt 260 Kilometer transportiert werden. Einwegflaschen legen von der Produktion bis zum Kunden und wieder zurück zur Entsorgung und dem möglichen Recycling die doppelte Strecke zurück. Begründet wird das mit den Vertriebsstrukturen der Discounter. Die Marktführer setzen allesamt auf zentrale Großabfüllanlagen, die von dort die Filialen beliefern. Regionale Anbieter kommen dabei nicht zum Zug.

"Wir als Umweltschutzverband würden generell empfehlen, kein ausländisches und importiertes Mineralwasser zu trinken, egal ob aus Einweg- oder Mehrweg-PET, weil beides ökologisch nicht sinnvoll ist."

Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe e.V.

Fazit

Deutschland hatte ein exzellentes und bewährtes Mehrwegsystem. Wie sich aber zeigt, haben die Deutschen immer weniger Lust auf Mehrweg. In erster Linie liegt das an den Dumpingpreisen für Mineralwässer. Hier zeigt sich am deutlichsten, wie sehr Kampfpreise für Getränke in Einweggebinden die Mehrwegquote seit Jahren drücken. Andererseits können sich offenbar 80 Prozent der Biertrinker partout nicht vorstellen, ihre Getränk in Einwegflaschen oder Dosen zu kaufen. Es liegt also wie so oft an uns Verbrauchern.

Bei der Plastiktüte hat sich bereits gezeigt, dass es ohne politischen Druck nicht geht. Über Jahre wurde ein Verbot oder eine Zwangsabgabe auf Plastiktüten abgelehnt. Seit Anfang des Jahres geht’s plötzlich und – siehe da – der große Sturmlauf der Verbraucher bleibt aus. Der Absatz ist rückläufig. es geht also.

Ob man 20 Cent für die Einwegflasche nun „Lenkungs-“ oder „Zwangsabgabe“ nennt, einen gewissen erzieherischen Wert hätte es schon. Billigwässer wären mit einem Schlag nicht mehr so billig und der Kaufanreiz weg. Das wissen auch die Discounter, die seit Jahren mit Dumpingpreisen locken.

Die Mehrwegflaschen sind eben ganz klar umweltfreundlicher als vergleichbare Einwegprodukte. Ob sich die Verbraucher für PET-Mehrwegflaschen oder für Glasflaschen entscheiden ist dann schließlich auch Geschmacksache. Ein Problem in Sachen Mehrwegsystem ist jedoch: Die Verbraucher haben Schwierigkeiten Einweg und Mehrweg zu unterscheiden. Vielen Konsumenten gehen davon aus, dass „Pfand“ gleichbedeutend ist mit Mehrweg. Eine einfache und deutliche Kennzeichnung auf den Flaschen würde schon  mal reichen. Dass das erst 2017 kommt und gar nicht von allen Herstellern und Händlern mit getragen wird, ist eher peinlich.


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