Bayern 1 - Experten-Tipps


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Kakao Schokolade ohne bitteren Beigeschmack

Eine Tafel Schokolade schmeckt gerade in der Weihnachtszeit besonders fein. Zart schmelzend und geschmacksintensiv sollte sie sein. Doch bei allem Genuss, sollte auch an den Kakao gedacht werden. Dessen Herstellung verdient besondere Beachtung und braucht deutliche Verbesserungen.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 01.12.2015

Illustration: Der Umweltkommissar sitzt auf einer Kakaofrucht und trinkt eine Schokomilch, die Biene isst ein Stück Schokolade | Bild: BR/Susanne Baur

Der erste Eindruck

Kakao wird nicht von ungefähr „braunes Gold“ genannt. Der Appetit auf Schokolade wächst jährlich. 2013 haben wir Menschen weltweit 70.000 Tonnen mehr Schokolade gegessen, als im selben Zeitraum an Kakao produziert wurde. Gut, dass Kakao auch gelagert wird. Denn bei einem solchen Verbrauch hilft selbst die Rekord-Kakaoernte 2014 der Elfenbeinküste nicht viel weiter. Dabei ist die Elfenbeinküste der weltweit größte Kakaoexporteur. Mehr als ein Drittel des gehandelten Kakaos stammt von dort. Seitdem die Chinesen jedoch Schokolade für sich entdeckt haben, wächst der Appetit auch im bevölkerungsreichsten Land der Erde stetig an.

Auch wir Deutschen schlecken Kakao in allen möglichen Variationen

11,5 Kilogramm Kakao verspeist der Bundesbürger durchschnittlich pro Jahr und natürlich vor allem zur Weihnachtszeit. Allein 2014 sind hierzulande von den Süßwarenherstellern 146 Mio. Schoko-Nikoläuse produziert worden. Trotz dessen der Verband der Süßwarenindustrie angibt, dass immer mehr nachhaltig produzierter Kakao in den Süßigkeiten enthalten ist - konkrete Zahlen gibt es dafür nicht - ist das weltweite Kakaogeschäft knallhart. Vor allem für kleine Kakaobauern, die Spekulationen auf dem Weltmarkt ausgeliefert sind oder dem Preisdruck großer Konzerne. Auch der Raubbau der Natur geht trotz vieler Bemühungen weiter, weil vom „braunen Gold“ viele profitieren wollen.

Die Kakaopflanze braucht Wasser und „frisst“ Regenwald

Bevor aus dem aztekischen „xocolatl“ über die Jahrzehnte und Jahrhunderte Schokolade wurde, brauchte es den spanischen Eroberer Cortez und Zucker. Den Europäern, war der Kakao anfangs viel zu bitter. Mittlerweile kommt der meiste Kakao aber nicht mehr aus Südamerika, sondern aus Afrika. Vor allem an der Westküste, in Ghana, Elfenbeinküste oder auch Nigeria und Kamerun, werden etwa 70 Prozent des gesamte Kakaos für den Weltmarkt produziert.

Kakaobohnen sind die Samen des Kakaobaumes. Etwa ein halbes Jahr dauert es, bis die Früchte nach der Blüte reif sind. Der Kakaobaum trägt das ganze Jahr über Früchte, die Ernte erstreckt sich also über zwölf Monate. Von Oktober 2013 bis Ende September 2014 kamen mehr als 1,74 Millionen Tonnen Kakaobohnen in der Elfenbeinküste: ein Fünftel mehr als im Vorjahreszeitraum.

So wächst der Kakaobaum

Der Kakaobaum braucht es warm und schön feucht. Idealerweise wird er unter naturnahen Bedingungen in Wald oder zwischen Schattenbäumen kultiviert – das gilt vor allem für Bio-Kakao. Ein großer Teil wird aber auf gerodetem Land in voller Sonne angebaut - obwohl es der Baum eher schattig mag. Dafür braucht es dann wiederum eine intensive Bewässerung und natürlich besondere Pflanzenschutzmaßnahmen. Kein Wunder, dass für Produktion von einem Kilo Kakaobohnen rund 27.000 Liter Wasser benötigt werden. Laut Word Wildlife Fundation (WWF) macht der externe Wasser-Fußabdruck des Kakaos etwa 16 Prozent der gesamten nach Deutschland importierten Landwirtschaftsprodukte aus. Da kann nur noch der Kaffee mithalten. 

Spekulationsobjekt Kakao

Der Markt für Kakao ist einer der instabilsten: Anfang der 2000er lag der Weltmarktpreis für eine Tonne Rohkakao bei etwa zwischen 850 bis zu 735 US-Dollar. Schon ein Jahr später lag die Tonne Rohkakao bei 2.360 US-Dollar. Derzeit schwankt der Preis bei etwa 3.000 Dollar pro Tonne. Weit mehr als drei Viertel des gesamten Handels mit Kakao, wird von einigen wenigen Unternehmen kontrolliert, z.B. von der Schweizer Gruppe Barry Callebaut und dem US-Konzern Cargill.

"Er ist der kleinste funktionierende Terminmarkt überhaupt. Und damit attraktiv. Mit relativ kleinen Summen, können Sie relativ große Preisbewegungen erzeugen, ohne selbst irgendein Interesse am Kakao zu haben."

Andreas Christiansen, Vorsitzender des Vereins der am Rohkakaohandel beteiligten Firmen e.V.

Kakao wird vor allem an den großen Rohstoffbörsen in New York und London gehandelt. Es geht vor allem um die Absicherung. Das bedeutet Produzenten können ihre Ernte zu einem festen Preis verkaufen und die Schokoladenhersteller wissen, was auf sie zukommt. Dabei spielen nicht nur Wetter oder Krankheiten eine Rolle, sondern auch die Nachfrage auf dem Weltmarkt. Oftmals kann die zu erwartende Ernte nur vage geschätzt werden und der tatsächliche Ertrag entspricht später nicht der Prognose. Aber auch Rekordernten sorgen nicht unbedingt für einen Preisverfall, wenn die Nachfrage höher ist. Verschiedene Fonds und Spekulanten treiben den Preis teilweise in ungeahnte Höhen. Deshalb sind die Ausschläge auch bei Rohkakao viel größer als bei anderen Rohstoffen wie Weizen oder Soja.

Ausbaden müssen es die Kakaobauern

Vor allem in Westafrika wird der Kakaoanbau immer noch von zahlreichen Kleinbauern betrieben, die sich teilweise in Kooperativen zusammenschließen, um überhaupt existieren zu können. Das Problem ist, dass die Einnahmen oftmals nicht für notwendige Investitionen reichen (z. B. neue Kakaobäume), dass der Ertrag deshalb unterdurchschnittlich ist, wodurch statt Erntehelfer verstärkt Kinder eingesetzt werden. Ein Teufelskreis, der mithilfe von zertifizierten Kakaobetrieben, die am Fairtrade-Programm teilnehmen, durchbrochen werden soll. Nach Berechnungen des Ökonomie-Instituts Südwind e.V. verdienen Kleinbauern aus Westafrika, die am Fairtrade-Programm  teilnehmen, mit ihrem Rohkakao etwa sechs Cent pro Tafel Milchschokolade. Kleinbauern, die nicht daran teilnehmen dagegen maximal die Hälfte davon.

Zertifikate und Initiativen

Beim zertifizierten fairen Handel zahlen Importeure einen Mindestpreis von 2.000 US-Dollar pro Tonne fair gehandeltem Kakao. Der Fairtrade-Mindestpreis ist die Preisuntergrenze für Käufer. Liegt der Marktpreis höher, muss der höhere Marktpreis gezahlt werden. Nach Angaben von „Fairtrade International“ konnten dadurch „Fairtrade-Kleinbauern in Westafrika 2010 und 2011 – einem Zeitraum, in dem der höhere Marktpreis als Preisuntergrenze galt – höhere Einkünfte als konventionelle Farmer zu verzeichnen. Dies belegt, dass die höheren Einnahmen der Fairtrade-Kakao-Kooperativen durch den Fairtrade- Mindestpreis und der zusätzlichen Fairtrade-Prämie auch bei den Kleinbauern ankommen.“

Zusätzlich zum Kaufpreis erhalten die Kakao-Kooperativen eine Fairtrade-Prämie in Höhe von 200 US$ pro Tonne Kakaobohnen. Alle beteiligten Produzentenorganisationen sind dabei verpflichtet, einen Entwicklungsplan zu erarbeiten, in dem die künftige Verwendung der Prämie genau festgelegt wird und dieser Plan muss bei der Mitgliederversammlung auch zur Genehmigung vorgelegt werden. Die Höhe der Prämie ist festgelegt und kann von den Kakao-Käufern nicht verhandelt werden

Die Zutaten für Fairtrade-Schokolade sollten, soweit vorhanden, aus zertifiziertem fairem Handel stammen und auf der Zutatenliste entsprechend gekennzeichnet sein. Da für Schokolade nicht alle Zutaten aus fairem Handel erhältlich sind, müssen mindestens 51 % der Rohstoffe, also Kakao und Zucker, aus fairem Handel stammen. Die übrigen Rohstoffe müssen unter Bedingungen gewonnen und verarbeitet worden sein, die sich zumindest mit denen des fairen Handels vereinbaren lassen. Dazu gehören unter anderem umweltfreundliche Produktion und der Verzicht auf Kinderarbeit. Für die Verwendung des Fairtrade-Siegels müssen die Lizenznehmer Gebühren in Höhe von 22 Cent pro Kilogramm Schokolade zahlen. Sie werden zusätzlich zum festgelegten Mindestpreis gezahlt und verringern daher nicht das Einkommen der Produzenten.

Die "Großen" denken langsam um

Trotzdem erreicht Fairer Handel noch zu wenige Kleinbauern und Kooperativen. Deshalb ist Anfang 2014 auch ein neues „Kakao-Programm“ vorgestellt worden, das es den Süßwarenherstellern ermöglicht Fairtrade-Kakao auch als Einzelrohstoff zu beziehen und über mehrere Sortimente oder für die Gesamtproduktion zu verwenden und zertifiziert auszuweisen. Kritiker sehen darin eine Aufweichung der Kriterien, Fairtrade Deutschland dagegen eine Chance den Absatz von fair gehandeltem Kakao stark anzukurbeln. Schließlich sind mit Mars, REWE, Lidl, Kaufland oder der Confiserie Riegelein mächtige Kooperationspartner in Sachen Kakao dabei. 

Auch Alfred Ritter, 61-jähriger Enkel des Firmengründers von Ritter Sport, dem Schokoladenhersteller aus dem schwäbischen Waldenbuch, hat vor seinem Ausscheiden aus dem Unternehmen bereits eine Kakao-Initiative auf den Weg gebracht. 2012 ließ er im Osten Nicaraguas rund 2.000 Hektar Land kaufen, um dort eine eigene Kakao-Plantage mit nachhaltigen Standards aufzuziehen. 2017 sollen die ersten Schokoladentafeln mit eigenem Ritter-Kakao produziert werden. Langfristig will der schwäbische Schokoladenhersteller ein Drittel seines Bedarfs von dort decken.

Fazit

Es tut sich etwas im knallharten Kakao-Geschäft. Zumindest haben auch die großen Player gemerkt, dass es langfristig nicht gut ankommt, wenn Kakao vor allem mit Kinderarbeit, Umweltzerstörung und der Ausbeutung von Kleinbauern in Verbindung gebracht wird. Mondelez International (bis 2012 noch Kraft Foods Inc.) mit den Marken Milka, Suchard oder Toblerone, aber auch Nestlé und Marsversuchen mit verschiedenen Initiativen die Anbaugemeinschaften unterstützen, um nicht nur die Anzahl von Kindersklaven in den Anbaugebieten reduzieren, sondern auch um das Netto-Einkommen der Bauern zu verbessern und die Ökosysteme besser zu schützen.

Auch um eine Idee zu bekommen, wie viel eine handwerklich einwandfrei hergestellte und umweltbewusste Schokolade kosten würden, produziert die  Grenada Chocolate Company, in Zusammenarbeit mit dem holländischen Transportunternehmen Fairtransport und Rococo Chocolates seit 2012 die erste 100% CO2-neutrale Schokolade. Bei der Herstellung wird dabei nicht nur auf CO2-Neutralität und faire Preise für die Kakaobauern geachtet, sondern die fertige Schokolade wird auch noch mit einem Segelschiff von Grenada über den Atlantik nach Großbritannien verschifft. Das hat seinen Preis: Etwa 16 Euro kostet hier die Tafel Schokolade!


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