Bayern 1 - Experten-Tipps


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Bayern 1-Umweltkommissar Bilanz 25 Jahre "Grüner Punkt"

Vor 25 Jahren wurde der Grüne Punkt eingeführt, um weniger Verpackungsmaterial zu produzieren und mehr Material in den Stoffkreislauf zurückzuführen. Gut 90 Prozent der Deutschen kennen ihn und trennen fleißig Müll. Doch hat er sein Ziel erreicht?

Stand: 07.10.2015

Umweltkommissar mit Torte | Bild: Grafik:BR; colourbox.com

Vor 25 Jahren eingeführt, sagt der Grüne Punkt nichts darüber aus, ob die Verpackung, auf der er zu sehen ist, auch tatsächlich recycelt wird. Er ist lediglich ein Hinweis darauf, dass der Hersteller des Produkts die gesetzlichen Abgaben für die Müllverwertung bereits entrichtet hat. Dadurch ist er von der gesetzlichen Verpflichtung befreit, die leeren Verpackungen unentgeltlich zurückzunehmen. Die gesetzliche Recyclingquote ist auch nicht sonderlich ambitioniert, sodass derzeit etwa nur 36 Prozent der Plastikverpackungen mit dem Grünen Punkt tatsächlich recycelt werden müssen.   

Holpriger Start

In den 90er-Jahren begann alles mit viel gutem Willen: Millionenfach wurden Gelbe Säcke an deutsche Haushalte verteilt. Damit sollten mehr Wertstoffe aus dem Müll gefischt werden, um daraus wieder neue Produkte herzustellen. Organisiert wird das Sammeln und Sortieren vom Dualen System Deutschland (DSD).

Der Anfang des dualen Systems war holprig. Zunächst gab es noch keine entsprechenden Sortier- und Verwertungsanlagen für die Menge an Wertstoffen, die plötzlich getrennt wurden. Außerdem fehlte die hochmoderne Technologie der Anlagen, die wir heute haben. So wurde viel Müll einfach nur verbrannt oder illegal ins Ausland abtransportiert. Für die Menschen bestand deshalb kein großer Anlass, ihren Müll zu sortieren.

Hat der Grüne Punkt was gebracht?

Zumindest ist über die Jahre bei den Deutschen das Gefühl gewachsen, dass es wichtig ist, Müll zu trennen. Aber wieso überhaupt Müll trennen, wenn es doch sowieso hochmoderne Sortieranlagen gibt, die das alles machen? Aus verschiedenen Gründen. Der Wichtigste: Die Sortiermaschinen funktionieren nicht effektiv, wenn der Müll nicht richtig getrennt ist. Bei Essensresten in einem Container mit Wertstoffen ist die Säuberung trotz moderner Maschinen kaum noch effizient zu bewerkstelligen – dann werden die getrennten Wertstoffe eben doch als Restmüll verbrannt. Außerdem verbrauchen Sortieranlagen sehr viel Energie und Zeit. Mülltrennung ist also laut Untersuchungen ökologisch vorteilhaft. Je mehr man auf die Mülltrennung achtet, desto mehr unterstützt man das System, bei dem der Müll am Ende wiederverwertet und nicht verbrannt wird.

Ein wesentlicher Aspekt bei der Einführung des Grünen Punkts war die Reduzierung von Plastikverpackungen. Letztlich sind aber die Kosten des Dualen Systems und der Verwaltungsaufwand, der mit dem Grünen Punkt anfallen, auf die Bürger umgelegt worden. Der Anreiz für die Unternehmen, weniger Plastikmüll zu produzieren und Verpackungsmüll zu vermeiden, ist daher nicht sonderlich hoch.

"Tatsächlich sehen wir einen deutlichen Anstieg der Verpackungsmengen. Deshalb muss man sagen, dass das Prinzip der Produktverantwortung, was hinter der Sammlung  und dem Recycling von Verkaufsverpackungen im Gelben Sack steht, bislang nicht zur gewünschten Abfallvermeidung führt."

Thomas Fischer, Deutsche Umwelthilfe

Der Grüne Punkt müsste reformiert werden

Die Ursprungsidee des Grünen Punkts, weniger Verpackungsmaterial zu produzieren und mehr Material in den Stoffkreislauf zurückzuführen, ist nur teilweise gelungen. Zumindest die Recyclingmöglichkeiten haben sich in den letzten 25 Jahren enorm verbessert.

"Die Dualen Systeme sind dringend reformbedürftig. Die 25 Jahre alte Ursprungsidee, die Produzenten stärker im Sinne der Kreislaufwirtschaft in die Verantwortung zu nehmen und Verpackungsmaterial zu reduzieren, war damals gut und richtig. Nach einem Vierteljahrhundert allerdings steht fest, dass das Mehrwegsystem in seiner jetzigen Form vor dem Kollaps steht und Kunststoffverpackungen deutlich zugenommen haben."

Katherina Reiche, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU)

Nach einem Gutachten (2014) im Auftrag des Spitzenverbandes der kommunalen Wirtschaft ist die Menge der Kunststoffverpackungen im gleichen Umfang gestiegen wie die privaten Konsumausgaben. Produktverantwortung kann nicht Privatisierung der Entsorgung heißen, meint deshalb Katharina Reiche, die Interessen der VKU fest im Blick. Seit Gründung der Dualen Systeme hat sich die Entsorgung in Deutschland von einer reinen Abfallwirtschaft kontinuierlich in Richtung einer Kreislaufwirtschaft entwickelt.

So eine Privatisierung mit zehn dualen Systemen ist ein Irrweg, sagt auch Harald Hoffmann vom BUND, letztendlich müssen es private Unternehmen verwerten, aber die organisatorische Verantwortung sollte wieder in der Hand der Kommunen liegen. Deshalb drängen die Kommunen auch darauf, dass die Bundesregierung bei den anstehenden Verhandlungen zum neuen Wertstoffgesetz die kommunale Hoheit und die kommunalen Unternehmen stärkt.

Neues Gesetz

Mittlerweile streiten etwa zehn duale System um die Verwertung des Mülls. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) und die kommunalen Spitzenverbände haben sich mit ihren Vorstellungen für die Ausgestaltung des Wertstoffgesetzes an das Bundesumweltministerium gewandt. Die Verbände fordern in einem künftigen Wertstoffgesetz die kommunale Verantwortung für das Einsammeln der Wertstoffe ein.

Das BMUB hat im Juni 2015 zumindest ein Eckpunktepapier zum Gesetz veröffentlicht, das vorsieht, die Sammel- und Entsorgungszuständigkeit der dualen Systeme auf weitere Wertstoffe aus privaten Haushalten auszuweiten. Die Verbände wollen sich mit den Systembetreibern über eine Standardkostenvergütung für die kommunalen Sammelleistungen verständigen, wenn die gesetzlichen Weichen entsprechend gestellt werden. Die Standardisierung der Kostenerstattung für den kommunalen Sammelaufwand verhindert auch, dass die Hersteller mit unverhältnismäßigen Kosten belastet werden.

Neue Tonne

Alles könnte auf eine sogenannte Wertstofftonne hinauslaufen, in die Verpackungen sowie andere Haushaltsabfälle aus Metall und Kunststoff hineingehören. Durch die Einführung von Wertstofftonnen könnten etwa sieben Kilo Wertstoffe pro Kopf und Jahr zusätzlich fürs Recycling gesammelt werden - rechnet der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv).

In Berlin wird diese Wertstofftonne seit zwei Jahren getestet, während man sich andernorts seit zehn Jahren über die Einführung streitet. Rein darf: der Joghurt-Becher genauso wie das Quietsche-Entchen, der alte Kochtopf ebenso wie die Konservendose. Das ist das Prinzip der Einheitstonne, mit deren Einführung 2013 auch der Konflikt zwischen der kommunalen Berliner Stadtreinigung und dem privaten Entsorger Alba beendet wurde. Bis dahin hatte der privaten Entsorger alle Verpackungen mit einer gelben Tonne eingesammelt. Die kommunale Stadtreinigung stellte vielerorts ihre orange Box direkt daneben, in die Berliner neben Verpackungen noch einiges mehr einwerfen durften: altes Holz, Textilien, Elektrokleingeräte wie den kaputten Mixer oder Fön. Allerdings darf der Elektroschrott nicht mehr in die Wertstofftonne, denn viele Geräte sind dadurch zerstört worden.

Fazit

Mag sein, dass der Grüne Punkt mal eine interessante Idee war, in der Realität hat er jedoch nicht das gebracht, was sich Umweltverbände, Politik und Bürger erwartet haben: Nämlich weniger Verpackungsmüll! Im Gegenteil! Deshalb ist auch unbedingt eine Reform vonnöten. Auch wenn damit ein riesiger Verwaltungsapparat ganz neu strukturiert werden müsste.

Derzeit wird im Hintergrund dermaßen gestritten, dass das eigentliche Ziel - weniger Verpackungsmüll und bessere Verwertung des Restmülls – etwas aus dem Blick geraten ist.   


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