Bayern 1 - Experten-Tipps


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Fracking Mit Hochdruck zum Gas in der Tiefe

Tief unter der Erde ruhen riesige Erdgasreserven, fest eingeschlossen in Schiefergestein. Mit Fracking lässt sich das Gas fördern, doch die Technik gilt als riskant und umweltschädlich.

Stand: 17.01.2017

Erdgas ist ein begehrter Rohstoff. Das Erdgas, das auf herkömmliche Weise gefördert wird, lagert in Hohlräumen tief in der Erde unter gasdichten Schichten. Wenn man diese Hohlräume anbohrt, lässt es sich relativ einfach nach oben an die Erdoberfläche bringen. Das wird als konventionelle Gasförderung bezeichnet. Schiefergas ist dagegen fest in Tongestein eingeschlossen und kann nur durch sogenannte unkonventionelle Förderung - Fracking - erschlossen werden. Niemand weiß, wie viel Erdgas in Deutschland als Schiefergas im Boden steckt und wie viel davon gefördert werden könnte. Doch die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe schätzt, dass es die konventionellen Erdgasressourcen um ein Vielfaches übersteigt.

Gasgewinnung mit Fracking

Die deutschen Schiefergas-Vorkommen liegen hauptsächlich im Norden, zum Beispiel im Emsland und im Münsterland. Dort hat die Firma Exxon-Mobil bereits Probebohrungen vorgenommen. Potenzielle Fördergebiete gibt es aber auch in Baden-Württemberg bei Konstanz und Biberach. In Bayern kämen Gebiete in Oberfranken und der Oberpfalz für Bohrungen in Frage. Doch die Fracking, die unkonventionelle Gasförderung, ist umstritten, denn die eingesetzten Methoden, bekannt vor allem aus den USA, sind aus Umweltsicht rabiat und sehr umstritten.

Fracking wird in in Deutschland ab sofort durch ein neues Gesetz geregelt, das der Bundestag am 24. Juni 2016 verabschiedete und dem der Bundesrat am 8. Juli zustimmte.

Unkonventionelle Förderung nein - Probebohrungen ja

Einigung über Regelung

Unkonventionelles Fracking (in Schiefer-, Ton-, Mergel- und Kohleflözgestein) ist nach dem neuen Gesetz vom Juni 2016 grundsätzlich verboten. Deutschlandweit sind aber vier Probebohrungen zu wissenschaftlichen Zwecken in sogenannten unkonventionellen Lagerstätten von Erdgas erlaubt.
Diese Probebohrungen sollen jedoch nur möglich sein, wenn die betroffenen Bundesländer ihnen zustimmen. Das heißt, jedes einzelne Bundesland entscheidet darüber, ob es Probebohrungen für die Wissenschaft zulässt. Kommerzielles Fracking an diesen Lagerstätten wird verboten. 2021 soll der Bundestag das Verbot erneut überprüfen.

Trinkwasserschutz

Konventionelles Fracking im Sandstein, das schon seit vielen Jahren in Deutschland angewandt wird, bleibt überall dort verboten, wo es um Trinkwasser geht, also in Wasserschutz- und Heilquellenschutzgebieten, an Talsperren und Seen wie dem Bodensee, die zur öffentlichen Wasserversorgung dienen. Nicht nur das Bergrecht, auch das Wasserrecht bestimmt künftig, wo Erdgas gefördert werden darf. Insgesamt soll diese Änderung zum Trinkwasserschutz beitragen.
Die Bierbrauer, die sich in Bezug auf das Fracking um die Qualität des Trinkwassers sorgten, haben die geplante Verschärfung der Fracking-Regelung in Deutschland als "wichtigen Schritt" zum Schutz des Trinkwassers begrüßt.

BUND dagegen

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) nennt die Einigung "haarsträubend". Die Gefahren, die die Methode für Gesundheit, Natur und Trinkwasser berge, seien nicht gebannt, sagte der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger. Umweltschützer befürchten vergiftetes Trinkwasser oder sogar Erdbeben durch Fracking. Zudem werde die Ära der fossilen Brennstoffe verlängert.
Auch die Partei der Grünen empfinden den Entwurf als "Mogelpackung" und schaffe über Probebohrungen den Einstieg in eine spätere, großflächigere Fracking-Förderung, so der Energieexperte der Grünen, Oliver Krischer.

Kritik vom Umweltinstitut

Auch das Umweltinstitut München e.V. hält das Gesetz nicht für ein Verbot, sondern ganz im Gegenteil für die Hintertür schlechthin:
"Das verabschiedete Gesetzespaket macht den Weg frei für Fracking in Deutschland. Es ist maßgeschneidert für die Öl- und Gasindustrie, die ab sofort rechtssicher im Sandstein fracken kann. Auch für Schiefergasfracking lässt die Regierung eine Hintertür offen. Das Gesetzespaket bietet keinen ausreichenden Schutz für Klima, Umwelt und Gesundheit," lautet die Kritik.

Technik mit hohem Druck

Auch wenn es englisch klingt: Das Wort "Fracking" ist eine deutsche Erfindung. Der Begriff wurde als Kurzform abgeleitet von "Hydraulic Fracturing", dem Aufbrechen von Gestein im tiefen Untergrund. Diese Bohrtechnologie ist im Grunde nichts Neues:

"In Deutschland wird seit mehreren Jahrzehnten gefrackt. In Deutschland sind in den letzten fünfzig Jahren etwa 350 Fracks durchgeführt worden."

Professor Marco Bohnhoff, Deutsches Geoforschungszentrum Potsdam

Allerdings wird bei diesem sogenannten "konventionellen Fracking" in Deutschland Sandstein angebohrt. Schwieriger ist aber die Erdgasförderung in Schiefergestein. Diese wird vor allem in den USA betrieben und als "unkonventionelles Fracking" bezeichnet.

Unkonventionelles Fracking

Beim Fracking wird Wasser mit hohem Druck in den Erdboden gepresst. Dort erzeugt es viele kleine Risse, in die die Flüssigkeit eindringt. Zur Stabilisierung dieser Risse wird Sand mit in die Tiefe gepumpt. Außerdem werden dem Wasser-Sand-Gemisch Chemikalien zugesetzt. Sie sollen unter anderem das Bohrgestänge vor Korrosion schützen und das Wachstum von Bakterien verhindern. Das macht die Fracking-Technik allerdings gefährlich für die Umwelt. Einige dieser Substanzen, zum Beispiel Salz- und Ameisensäure, sind giftig oder gelten als krebserregend. Zudem befinden sich im Untergrund auch Quecksilber und andere Schwermetalle, die beim Fracking ausgewaschen werden und mit dem Brauchwasser an die Erdoberfläche kommen. Darüber hinaus strömen über die Bohrlöcher möglicherweise auch Gase wie das krebserregende Benzol nach oben.

Viele Bohrstellen

Weil das Erdgas im Tonschiefer sehr fein verteilt ist, wird beim unkonventionellem Fracking nicht nur senkrecht in die Tiefe, sondern auch zur Seite gebohrt. Wenn die Bohrung die relativ dünne Gesteinsschicht mit dem Gas erreicht hat, biegt die Spitze des Bohrkopfs waagrecht ab. Dann kann sie einige hundert Meter weiter geführt werden. Daher braucht man etwa ein Bohrloch pro Quadratkilometer. Fracking-Fördergebiete sind deshalb regelrecht mit Bohrtürmen gespickt. Eine andere Nutzung des Untergrunds, zum Beispiel für Geothermie, ist auf diesen Flächen nicht mehr möglich.

Wohin mit der giftigen Brühe?

Aus dem Wasserhahn strömt brennbares Methan. Allerdings ist umstritten, ob tatsächlich Fracking dafür die Ursache ist.

Wenn die Bohrung erschöpft ist, wird der Druck unter der Erde reduziert. Ein Teil des Wassers strömt daraufhin wieder nach oben. In den USA, wo Fracking schon häufig zum Einsatz kommt, wird es zunächst oft in großen Teichen gelagert. Anschließend wird das Wasser gereinigt und in natürliche Gewässer geleitet oder wieder in den Untergrund gepresst, etwa in ehemalige Lagerstätten von konventionellem Erdgas. Es gibt allerdings die Befürchtung, dass dabei das Grundwasser verunreinigt werden könnte.

Kurze Förderdauer

Ein weiterer Kritikpunkt an Fracking lautet: Der Förderzeitraum ist weit kürzer als bei herkömmlichen Gasquellen. Zunächst ist die geförderte Gasmenge hoch, fällt aber bald kontinuierlich ab. Oft wird dann erneut gefrackt. Nach wenigen Jahren sind die Vorräte meist erschöpft und eine neue Bohrung an einem anderen Ort ist fällig. Herkömmliche Erdgasfelder lassen sich hingegen oft über Jahrzehnte ausbeuten.

Fracking-Fakten

Undichte Bohrlöcher verunreinigen Trinkwasser

Fracking-Bohrungen können dazu führen, dass Gas ins Grundwasser eindringt. Allerdings ist nicht das Ausbrechen des Gesteins selbst die Ursache, sondern Mängel oder Schäden an den Bohrlöchern. Das ist das Ergebnis eine Studie von Wissenschaftlern um Thomas Darrah von der Duke University in Durham im US-Bundesstaat North Carolina. Ihre Ergebnisse haben sie im September 2014 in der Fachzeitschrift PNAS veröffentlicht. Darrah und seine Kollegen analysierten Proben von 131 Trinkwasserbrunnen in Pennsylvania und Texas danach, ob und wie viel Edelgase und Kohlenwasserstoffe das Wasser enthielt. Dabei entdeckten sie acht verschiedene Gruppen von Proben, die ähnliche Verunreinigungen mit Erdgas aufwiesen.

Undichte Bohrlöcher verunreinigen Trinkwasser (2)

Anschließend untersuchten sie, welche Isotope der Gase im Wasser vorhanden waren. So ließ sich bestimmen, woher diese Verunreinigungen stammten. Dabei zeigte sich, dass das Erdgas im Wasser aus der unmittelbaren Nähe der Bohrlöcher herrührte. Nach Ansicht der Wissenschaftler waren diese anscheinend schlecht abgedichtet oder ihre Zementierung beschädigt. Fracking kann also das Grundwasser verunreinigen. Anders als befürchtet wandert das Gas aber wohl nicht aus dem aufgebrochenen Gestein dorthin, sondern stammt aus Lecks, die sich bei sorgfältigerer Arbeitsweise vermeiden ließen.

Ende des Fracking-Booms?

Dank Fracking stieg in den USA in den vergangenen Jahren die geförderte Erdgasmenge deutlich an. Anfang 2014 gab es jedoch Anzeichen, dass der Boom zu Ende gehen könnte. Investoren steckten deutlich weniger Geld in Fracking-Gebiete. Ein Grund dafür ist, dass durch ein Überangebot die Preise für Erdgas gefallen sind. Ein anderer, dass die Schiefergesteine nicht so ergiebig sind, wie zunächst vermutet.

Umweltrat: Fracking für die Energiewende entbehrlich

Im Mai 2013 veröffentlichte der Sachverständigenrat für Umweltfragen eine Einschätzung zum Thema Fracking. Danach ist die Gewinnung von Erdgas durch Fracking für die Energiewende entbehrlich. Die Technologie sollte wegen gravierender Wissenslücken über die Umweltauswirkungen vorläufig noch nicht kommerziell eingesetzt werden.

Gutachten des Umweltbundesamt mit Auflagen

Am 6. September 2012 veröffentlichte das Umweltbundesamt gemeinsam mit dem Bundesumweltministerium ein Gutachten zu den Umweltauswirkungen von Fracking. Darin heißt es, dass Fracking nur unter strengen Auflagen und nicht in Trinkwasserschutzgebieten erlaubt werden sollte. "Die Fracking-Technologie, mit der Erdgas aus unkonventionellen Lagerstätten gefördert wird, kann zu Verunreinigungen im Grundwasser führen. Besorgnisse und Unsicherheiten bestehen besonders wegen des Chemikalieneinsatzes und der Entsorgung des anfallenden Abwassers, dem sogenannten Flowback." (aus der gemeinsamen Pressemitteilung vom 06.09.2012)

Mehr Erdbeben als in Kalifornien

Das Aufbrechen des Gesteins steht auch unter dem Verdacht, Erdbeben auszulösen. Beispielsweise wurde an Silvester 2011 in Ohio ein Beben mit der Stärke 4,0 auf der Richterskala registriert. Wissenschaftler der Columbia University in New York sehen bei diesem Ereignis einen Zusammenhang mit dem Verpressen von Fracking-Bohrwasser. Im Jahr 2014 traten laut Marco Bohnhoff vom Deutschen Geoforschungsinstitut in Oklahoma mehr Erdbeben auf als in Kalifornien. Dabei gilt Kalifornien als der am stärksten von Erdbeben bedrohte Staat der USA, während in Oklahoma kaum Erdbeben gemessen wurden. Bis 2007, als dort man dort begann intensiv zu fracken.

Brauchwasser als Verursacher

Verfärbtes Wasser aus einem Brunnen im Fracking-Gebiet in Pennsylvania

Interessanterweise war es jedoch nicht das Fracking selbst, das die Erdbeben auslöste, sondern eine Begleiterscheinung des gesamten Prozesses. Beim Fracking werden riesige Mengen an Wasser in den Boden gepresst, die schließlich wieder an die Oberfläche zurück fließen. Diese Brauchwasser wird in den meisten US-Bundesstaaten so entsorgt, dass man es an anderer Stelle und über einen längeren Zeitraum in den Boden zurück "verpresst" werden, wie es im Fachjargon heißt. Das Wasser breitet sich unterirdisch aus und aktiviert vermutlich Erdbebenzonen in der Umgebung, an denen es dann zu Erdbeben kommt.

Viel Aufwand

Aber auch wenn die Umwelt keinen Schaden nehmen sollte: Der Ertrag der Erdgasförderung mit Fracking wäre in Deutschland vermutlich viel geringer als in den USA. Nur ein Bruchteil des deutschen Erdgasverbrauchs könnte aus Schiefergas gewonnen werden. Der Einsatz dieser Technik erscheint daher nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich zweifelhaft.


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