Bayern 1 - Experten-Tipps


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Fairtrade Schokolade Nachhaltige Schokolade - gibt es die überhaupt?

Eine Tafel Schokolade schmeckt gerade in der Weihnachtszeit besonders fein. Zart schmelzend und geschmacksintensiv sollte sie sein. Doch bei allem Genuss sollte auch an den Kakao gedacht werden. Dessen Herstellung verdient besondere Beachtung und braucht deutliche Verbesserungen.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 23.11.2020 | Archiv

In Belize werden Kakaobohnen kontrolliert | Bild: mauritius images

Der erste Eindruck

Von wegen "süß". Kakao hat einen schlechten Ruf. Kinderarbeit, Ausbeutung und Umweltzerstörung werden mit dem Anbau von Kakao in Verbindung gebracht. Gerade in Westafrika. Von dort kommen etwa 70 Prozent des gesamten Kakaos weltweit. Auch der Nationalpark Taï, eines der letzten Gebiete von tropischem Regenwald in der Elfenbeinküste, ist ständig bedroht durch eine weitere Abholzung, um landwirtschaftliche Flächen für den Kakaoanbau zu schaffen, sagt Abdoulaye Diarassouba, Direktor des Weltkulturerbes.

Pro Kopf Verbrauch von Schokolade in Deutschland

Über 11 Kilogramm Kakao verspeist der Bundesbürger durchschnittlich pro Jahr und natürlich vor allem zur Weihnachtszeit. Allein 2019 sind hierzulande von den Süßwarenherstellern 151 Mio. Schoko-Nikoläuse produziert worden.Obwohl der Verband der Süßwarenindustrie angibt, dass immer mehr nachhaltig produzierter Kakao in den Süßigkeiten enthalten ist - konkrete Zahlen gibt es dafür nicht - ist das weltweite Kakaogeschäft knallhart.

Vor allem für kleine Kakaobauern, die Spekulationen auf dem Weltmarkt ausgeliefert sind oder dem Preisdruck großer Konzerne. Auch der Raubbau an der Natur geht trotz vieler Bemühungen weiter, weil vom "braunen Gold" viele profitieren wollen.

Stiftung Warentest: Dunkle Schokolade im Test

Die Stiftung Warentest hat 24 Bitterschokoladen mit einem Kakaogehalt von 60 bis 75 Prozent getestet (11/2020); dabei wurden die Kandidaten auf Geruch, Geschmack, Aussehen und Mundgefühl verkostet und im Labor getestet - auf Schadstoffe, mögliche Keime und ob die Verpackungsangaben korrekt waren.

Ergebnis: 13 Schokoladen erhielten ein "gut", darunter die eher teuren Testsieger Hachez Edle Bitter und Lindt Excellence Edelbitter Mild; aber auch die preiswerten Dunklen etwa von Aldi (Moser Roth Edel Bitter), Lidl (J.D. Gross Ecuador), Edeka (Schweizer Edel Zartbitter Schokolade) schnitten gut ab - und haben sogar ein Nachhaltigkeitssiegel vorzuweisen. Den Mindestkakaoanteil hielten bis auf Test-Schlusslicht Rotstern Edelbitter Schokolade ("ausreichend") alle Kandidaten ein.

Bei sechs Schokoladen bemängelten die Tester erhöhte Schadstoffwerte - etwa die Mineralölrückstände Moah und Mosh bei den Produkten von Rewe (Feine Welt Madagaskar Edelbitter) und Heilemann (Confiserie Vietnam Edelbitter); die gefundenen Mengen sind zwar nicht akut schädlich, die Schokolade sollte deshalb aber besser nicht täglich genascht werden.

Faitrade Schokolade

Schuld daran sind natürlich auch wir. Die Schokoladenvernichter. Schließlich wollen wir's billig. So billig wie möglich. Und die großen Konzerne drücken für uns die Preise.
Bei Fairtrade-Schokolade wird zumindest versucht, mit einem Garantiepreis und Prämien der Ausbeutung von Kakaobauern entgegenzuwirken. Umgekehrt müssen Vorgaben eingehalten werden. Aufklärung ist alles, sagt Andrea Wilhelmi-Somé von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit aus Deutschland GIZ:

"Da ist es einfach wichtig, dass sensibilisiert und kommuniziert wird - und auch in der Bevölkerung und in der Privatwirtschaft klargemacht wird, dass diese Wälder geschützt werden müssen..."

UTZ Siegel

Neben Fairtrade ist immer öfter auch das UTZ-Siegel auf Kakao-Produkten zu sehen. Zumindest ein erster Schritt, findet Daniela Krehl von der Verbraucherzentrale Bayern.

"UTZ ist ganz klar kein Fairtrade-Siegel. Bei den UTZ zertifizierten Produkten handelt es sich häufig um Preiseinstiegsprodukte, also Produkte, die viel im Discounter angeboten werden, wo einfach nicht die Bereitschaft da ist, einen Mehrpreis zu bezahlen, um den Kaffee- oder Kakaobauern zu unterstützen."

Daniela Krehl, Verbraucherzentrale Bayern.

Auch wenn einige Kakao-Unternehmen mittlerweile etwas Verantwortung übernehmen, wir Verbraucher sind auch in der Pflicht. Und sind eigentlich angehalten mehr für Schokolade zu zahlen. Der Anteil von Bio-Schokolade ist verschwindend gering. Fairtrade garantiert immerhin Mindestpreise und das UTZ-Siegel auf Schokolade ist nur ein erster Schritt.  Damit die Schkolade auch richtig schmeckt.

Wasserverbrauch Kakao

Bevor aus dem aztekischen „xocolatl“ über die Jahrzehnte und Jahrhunderte Schokolade wurde, brauchte es den spanischen Eroberer Cortez und Zucker. Den Europäern war der Kakao anfangs viel zu bitter. Mittlerweile kommt der meiste Kakao aber nicht mehr aus Südamerika, sondern aus Afrika. Vor allem an der Westküste, in Ghana, Elfenbeinküste oder auch Nigeria und Kamerun werden etwa 70 Prozent des gesamten Kakaos für den Weltmarkt produziert.

Kakaobohnen sind die Samen des Kakaobaumes. Etwa ein halbes Jahr dauert es, bis die Früchte nach der Blüte reif sind. Der Kakaobaum trägt das ganze Jahr über Früchte, die Ernte erstreckt sich also über zwölf Monate.

So wächst der Kakaobaum

Der Kakaobaum braucht es warm und schön feucht. Idealerweise wird er unter naturnahen Bedingungen in Wald oder zwischen Schattenbäumen kultiviert – das gilt vor allem für Bio-Kakao. Ein großer Teil wird aber auf gerodetem Land in voller Sonne angebaut - obwohl es der Baum eher schattig mag. Dafür braucht es dann wiederum eine intensive Bewässerung und natürlich besondere Pflanzenschutzmaßnahmen. Kein Wunder, dass für die Produktion von einem Kilo Kakaobohnen rund 27.000 Liter Wasser benötigt werden. Laut Word Wildlife Foundation (WWF) macht der externe Wasser-Fußabdruck des Kakaos etwa 16 Prozent der gesamten nach Deutschland importierten Landwirtschaftsprodukte aus. Da kann nur noch der Kaffee mithalten. 

Spekulationsobjekt Kakao

Der Markt für Kakao ist einer der instabilsten: Anfang der 2000er Jahre lag der Weltmarktpreis für eine Tonne Rohkakao bei etwa zwischen 850 bis zu 735 US-Dollar. Schon ein Jahr später lag die Tonne Rohkakao bei 2.360 US-Dollar. Derzeit schwankt der Preis bei etwa 2.300 US-Dollar pro Tonne. Weit mehr als drei Viertel des gesamten Handels mit Kakao wird von einigen wenigen Unternehmen kontrolliert, zum Beispiel von der Schweizer Gruppe Barry Callebaut und dem US-Konzern Cargill.

"Er ist der kleinste funktionierende Terminmarkt überhaupt. Und damit attraktiv. Mit relativ kleinen Summen können Sie relativ große Preisbewegungen erzeugen, ohne selbst irgendein Interesse am Kakao zu haben."

Andreas Christiansen, Vorsitzender des Vereins der am Rohkakaohandel beteiligten Firmen e.V.

Kakao wird vor allem an den großen Rohstoffbörsen in New York und London gehandelt. Es geht vor allem um die Absicherung. Das bedeutet, Produzenten können ihre Ernte zu einem festen Preis verkaufen und die Schokoladenhersteller wissen, was auf sie zukommt. Dabei spielen nicht nur Wetter oder Krankheiten eine Rolle, sondern auch die Nachfrage auf dem Weltmarkt. Oftmals kann die zu erwartende Ernte nur vage geschätzt werden und der tatsächliche Ertrag entspricht später nicht der Prognose. Aber auch Rekordernten sorgen nicht unbedingt für einen Preisverfall, wenn die Nachfrage höher ist. Verschiedene Fonds und Spekulanten treiben den Preis teilweise in ungeahnte Höhen. Deshalb sind die Ausschläge auch bei Rohkakao viel größer als bei anderen Rohstoffen wie Weizen oder Soja.

Ausbaden müssen es die Kakaobauern

Vor allem in Westafrika wird der Kakaoanbau immer noch von zahlreichen Kleinbauern betrieben, die sich teilweise in Kooperativen zusammenschließen, um überhaupt existieren zu können. Das Problem ist, dass die Einnahmen oftmals nicht für notwendige Investitionen reichen (z. B. neue Kakaobäume), dass der Ertrag deshalb unterdurchschnittlich ist, wodurch statt erwachsener Erntehelfer verstärkt Kinder eingesetzt werden. Ein Teufelskreis, der mithilfe von zertifizierten Kakaobetrieben, die am Fairtrade-Programm teilnehmen, durchbrochen werden soll. Nach Berechnungen des Ökonomie-Instituts Südwind e.V. verdienen Kleinbauern aus Westafrika, die am Fairtrade-Programm  teilnehmen, mit ihrem Rohkakao etwa sechs Cent pro Tafel Milchschokolade. Kleinbauern, die nicht daran teilnehmen, dagegen maximal die Hälfte davon.

Zertifikate und Initiativen

Beim zertifizierten fairen Handel zahlen Importeure seit 2018 einen Mindestpreis von 2.400 US-Dollar pro Tonne fair gehandeltem Kakao. Der Fairtrade-Mindestpreis ist die Preisuntergrenze für Käufer. Liegt der Marktpreis höher, muss der höhere Marktpreis gezahlt werden. Nach Angaben von "Fairtrade International" konnten dadurch Fairtrade-Kleinbauern in Westafrika 2010 und 2011 – einem Zeitraum, in dem der höhere Marktpreis als Preisuntergrenze galt – höhere Einkünfte als konventionelle Farmer verzeichnen. Dies belegt, dass die höheren Einnahmen der Fairtrade-Kakao-Kooperativen durch den Fairtrade- Mindestpreis und der zusätzlichen Fairtrade-Prämie auch bei den Kleinbauern ankommen.

Alle beteiligten Produzentenorganisationen sind dabei verpflichtet, einen Entwicklungsplan zu erarbeiten, in dem die künftige Verwendung der Prämie genau festgelegt wird und dieser Plan muss bei der Mitgliederversammlung auch zur Genehmigung vorgelegt werden. Die Höhe der Prämie ist festgelegt und kann von den Kakao-Käufern nicht verhandelt werden.

Die Zutaten für Fairtrade-Schokolade sollten, soweit vorhanden, aus zertifiziertem fairem Handel stammen und auf der Zutatenliste entsprechend gekennzeichnet sein. Da für Schokolade nicht alle Zutaten aus fairem Handel erhältlich sind, müssen mindestens 51 Prozent der Rohstoffe, also Kakao und Zucker, aus fairem Handel stammen. Die übrigen Rohstoffe müssen unter Bedingungen gewonnen und verarbeitet worden sein, die sich zumindest mit denen des fairen Handels vereinbaren lassen. Dazu gehören unter anderem umweltfreundliche Produktion und der Verzicht auf Kinderarbeit. Für die Verwendung des Fairtrade-Siegels müssen die Lizenznehmer Gebühren in Höhe von 22 Cent pro Kilogramm Schokolade zahlen. Sie werden zusätzlich zum festgelegten Mindestpreis gezahlt und verringern daher nicht das Einkommen der Produzenten.

Die "Großen" denken langsam um

Trotzdem erreicht Fairer Handel noch zu wenige Kleinbauern und Kooperativen. Deshalb ist Anfang 2014 auch ein neues "Kakao-Programm" vorgestellt worden, das es den Süßwarenherstellern ermöglicht, Fairtrade-Kakao auch als Einzelrohstoff zu beziehen und über mehrere Sortimente oder für die Gesamtproduktion zu verwenden und zertifiziert auszuweisen. Kritiker sehen darin eine Aufweichung der Kriterien, Fairtrade Deutschland dagegen eine Chance, den Absatz von fair gehandeltem Kakao stark anzukurbeln. Schließlich sind mit Mars, REWE, Lidl, Kaufland oder der Confiserie Riegelein mächtige Kooperationspartner in Sachen Kakao dabei. 

Fazit

Es tut sich etwas im knallharten Kakao-Geschäft. Zumindest haben auch die großen Player gemerkt, dass es langfristig nicht gut ankommt, wenn Kakao vor allem mit Kinderarbeit, Umweltzerstörung und der Ausbeutung von Kleinbauern in Verbindung gebracht wird. Mondelez International (bis 2012 noch Kraft Foods Inc.) mit den Marken Milka, Suchard oder Toblerone, aber auch Nestlé und Mars versuchen mit verschiedenen Initiativen die Anbaugemeinschaften zu unterstützen, um nicht nur die Anzahl von Kindersklaven in den Anbaugebieten zu reduzieren, sondern auch um das Netto-Einkommen der Bauern zu verbessern und die Ökosysteme besser zu schützen.

Auch um eine Idee zu bekommen, wie viel eine handwerklich einwandfrei hergestellte und umweltbewusste Schokolade kosten würde, produziert die Grenada Chocolate Company, in Zusammenarbeit mit dem holländischen Transportunternehmen Fairtransport und Rococo Chocolates seit 2012 die erste 100 Prozent CO2-neutrale Schokolade. Bei der Herstellung wird dabei nicht nur auf CO2-Neutralität und faire Preise für die Kakaobauern geachtet, sondern die fertige Schokolade wird auch noch mit einem Segelschiff von Grenada über den Atlantik nach Großbritannien verschifft. Das hat seinen Preis: Etwa 16 Euro kostet hier die Tafel Schokolade!

Podcast "Besser Leben. Nachhaltig im Alltag mit dem Umweltkommissar"

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