Bayern 1 - Experten-Tipps


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Bayern 1-Umweltkommissar Erdkabel für Strom unter Autobahnen?

Für neu geplante Stromtrassen will Bayern Erdkabel statt Freilandleitungen verlegen. Doch das ist gar nicht so einfach. Denn es stellt sich die Frage, wo die unterirdischen Kabel verlegt werden können. Unterhalb von Autobahnen - ist das eine Lösung?

Stand: 21.10.2015

Unterirdische Stromtrassen unter der Autobahn | Bild: BR/colourbox.com

Grundsätzlich sind Netzbetreiber und deren Kunden vom Stromtransport durch Erdkabel nicht gerade begeistert. Schließlich sind diese gegenüber Freileitungen sehr teuer. Bislang sind Erdkabel in der Regel nur dort verlegt worden, wo es die Topographie nicht anders erlaubt, zum Beispiel, wo sehr steile Hänge zu überwinden sind.

Aus diesem Grund wird zum Beispiel ein Teilstück der Thüringer Strombrücke, die 2017 in Betrieb genommen werden soll, unter der Erde verlaufen. Die Thüringer Strombrücke soll Windstrom von Lauchstädt in Sachsen-Anhalt bis zu einer Umspannstation nach Redwitz an der Rodach in Oberfranken bringen.

Zeitliche Verzögerung durch Neuplanungen

Das vom Kabinett beschlossene Gesetz, wonach neue große Stromleitungen vorrangig unter der Erde verlegt werden sollen, führt nach Einschätzung von Netzbetreiber Tennet zu jahrelangen Verzögerungen. Durch die gesetzliche Änderung müsse der laufende Planungsprozess nämlich vollständig neu aufgesetzt werden. Das führe zur zeitlichen Verzögerung von drei Jahren, heißt es in der Stellungnahme von Tennet (aus einer Anhörung im Wirtschaftsausschuss des Bundestags).

Neue Kabel sind Neuland

Noch ist keine der vier geplanten Pilotstrecken für eine Erdverkabelung (gemäß §2 im Gesetz zum Ausbau von Energieleitungen, EnLAG) in Betrieb. Die erste Erdkabeltrasse bei Raesfeld/NRW ist zwar vom Übertragungsnetzbetreiber Amprion gebaut, allerdings geht der 3,4 Kilometer lange Abschnitt erst 2016 ans Netz.

Unter der Erde liegen dort zwölf Drehstromkabel, durch die maximal 380 Kilovolt übertragen  werden können. Vorne und hinten sind jeweils sogenannte Kabelübergabestationen gebaut worden. Die Pilotstrecke ist dennoch nicht mit dem geplanten Nord-Süd-Link zu vergleichen. Erstens soll Gleichstrom fließen und zweitens sollen noch leistungsfähigere Kabel verlegt werden - wie das vom Elektronik- und Maschinenbau-Konzern ABB. Das Unternehmen wartet mit einem innovativen Höchstspannungs-Erdkabel auf, das deutlich kostensparender sein soll als herkömmliche Erdkabel. Das neuartige Kabel wird die bisherige maximale Übertragungskapazität von 380 Kilovolt übersteigen können – auf bis zu 525 Kilovolt. Die Bundesnetzagentur hat 2014 im deutschen Stromnetz drei kurze Teilstücke ausgewählt, an denen das neuartige Kabel verlegt und der Betrieb bewertet werden soll. Bislang gibt es dafür noch keine Erfahrungswerte.

Die Trasse in NRW ist über 40 Meter breit. Bäume dürfen nicht darauf wachsen, weil die Wurzeln zu tief graben könnten. Auch sonst muss der Zugang jederzeit gewährleistet sein, deshalb ist es ausgeschlossen, dass Straßen oder gar Gleise darüber verlaufen können. Das ist der negative Aspekt der Erdkabel: Statt Strommasten zieht sich dann eine Schneise durch die Landschaft. Einzig Landwirte dürfen etwas anbauen, wobei die Auswirkungen noch nicht ausreichend erforscht sind. Immerhin geben die Leitungen auch Wärme ab. Etwa 35 Grad direkt an den Kabeln, teils sogar weit mehr.

Bedenken der Landwirte und Umweltschützer

Die Entscheidung der Bundesregierung, die geplante Stromtrasse Süd-Ost vorrangig unterirdisch zu verlegen, sorgt deshalb bei vielen Landwirten in Bayern für Unruhe. Weidens Geschäftsführer des Bauernverbandes Hans Winter will diese Entscheidung nicht hinnehmen. Zu sehr greife eine Erdverkabelung in die landwirtschaftlichen Flächen ein, sie seien auf Generationen nicht mehr zu bewirtschaften. So eine Erdverkabelung sei aufgrund der Wärmeentwicklung und der Eingriffe in den Boden „weitaus schlimmer als eine Öltrasse“, so Winter.

Auch der Bayerische Bauernverband spricht von „erheblichen Eingriffen in den Boden“. Laut Sprecher Markus Peters gebe es derzeit noch sehr viele offenen Fragen über die Auswirkungen auf den Boden, die Technik und auch die Entschädigungen und Ausgleichsflächen.  Der Oberpfälzer Bezirkspräsident Franz Kustner fordert, dass die neuesten Verfahren der Erdverkabelung in Betracht gezogen werden. „Es werden Einschneidungen da sein“, sagt Kustner dem BR. Dass man die Stromleitungen brauche, da seien sich aber alle einig. Jetzt müsse erst geprüft werden, wo eine Erdverkabelung überhaupt Sinn mache. Bis Mitte November lässt sich der Bauernverband die Planungen vorlegen, wo eine Erdverkabelung verlaufen soll. Für Waldgebiete komme eine Verlegung des Gleichstroms in die Erde sowieso nicht in Frage. Ausgenommen hat die Bundesregierung zudem Naturschutzgebiete. Im November soll es eine bayernweite Aufklärungsveranstaltung des Bauernverbandes für Landwirte dazu geben. Kustner fordert für die Erdverkabelung zudem mindestens die gleiche Größe und Anzahl an Ausgleichsflächen wie für Freileitungen, und eine Tiefe der Kabel von mindestens 1,60 m bis 1,70 m.

Explodieren die Kosten?

Die schwarz-rote Vorgabe „Erdkabel statt Monstertrassen“ wird den Bau der großen Nord-Süd-Stromautobahnen nach Schätzungen des Bundes um 3 bis 8 Milliarden Euro verteuern. Die regional unterschiedlichen Netzentgelte werden steigen. Dazu kommen Milliardenkosten aus Steuergeldern für Extra-Maßnahmen, um das Klimaschutzziel bis 2020 noch zu schaffen, etwa hohe Prämien für die Stromkonzerne beim Stilllegen alter Braunkohle-Meiler. Kritiker rechnen sogar noch mit weitaus höheren Kosten wegen der Erdkabel. Allerdings ist es derzeit schwierig, mögliche Mehrkosten genau zu beziffern.

Netzbetreiber 50Hertz veranschlagt für einen Kilometer Freileitung (zweisystemig) Investitionskosten von etwa einer Million Euro. Für einen Kilometer Erdverkabelung dagegen vier bis 16 Millionen Euro, abhängig von den örtlichen Rahmenbedingungen. Erdkabel halten in der Regel 40 bis 50 Jahre, Freileitungen aber 80 bis 100 Jahre. Außerdem ergeben sich für die Erdkabel erhöhte Reparatur- und Ausfallkosten. Über einen Betrachtungszeitraum von 80 Jahren sind Erdkabel aufgrund der höheren Anschaffungskosten, niedriger Lebensdauer und damit verbundenen notwendigen Erneuerungen deutlich teurer als Freileitungen.

Zwischen dem niederrheinischen Wesel und Meppen im Emsland soll bis 2016 eine rund 130 Kilometer lange 380-kV-Leitung gebaut werden. In drei Teilabschnitten wird die Leitung in einem Pilotvorhaben als Erdkabel verlegt. Netzbetreiber Amprion gibt an, dass sich die Hochspannungsleitung von Wesel nach Meppen durch drei erdverkabelte Teilabschnitte deutlich verteuern wird: 450 statt 130 Millionen Euro.

Mehrkosten für Stromkunden

Die Mehrkosten sind von der Bundesnetzagentur genehmigt und werden letztlich durch eine Umlage auf die Netznutzungsgebühren vom Stromverbraucher gezahlt. Der Chef der Deutschen Energieagentur (dena) kam 2011 allerdings zu dem Schluss, man solle das "Kostenargument nicht in den Vordergrund schieben". Er rechnete dem Handelsblatt vor, dass selbst in dem theoretischen Falle, dass alle neuen Leitungen unterirdisch verlegt würden, sich der Anteil am Strompreis auf gerade einmal 0,3 Eurocent pro Kilowattstunde mehr im Vergleich zu einer kompletten Freileitungs-Lösung belaufen würde.

Fazit

Erdkabel einfach unter Autobahnen zu verlegen ist an sich eine nette Idee, aber in der Praxis nicht umsetzbar. Schließlich muss auch die Energiesicherheit gewährleistet bleiben, das heißt, Techniker müssen jederzeit und schnell an die unterirdisch verlegten Kabel kommen können.

Ganz so breit wie bei der Pilotstrecke in Raesfeld/NRW, dürfte die Trasse, die später einmal durch Bayern führen soll, nicht sein. Gleichstromleitungen brauchen nicht ganz so viel Platz wie die Wechselstromleitung bei Münster. Dafür benötigt man aber riesige Konverteranlagen (am Anfang und am Ende), die den Gleichstrom dann wieder in den haushaltsüblichen Wechselstrom verwandeln. Allein der Bau dieser Anlagen dürfte auch noch einmal für Proteste der Anwohner sorgen.


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