Bayern 1 - Experten-Tipps


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Kleidung Baumwolle umweltfreundlicher als Kunstfaser?

Funktionskleidung besteht aus künstlichen Fasern. Kann das umweltfreundlich sein? Baumwolle klingt da schon viel natürlicher. Wie es um die Ökobilanz der Fasern bestellt ist, ermittelt der Bayern 1-Umweltkommissar.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 03.07.2013

Illustration: Die Biene schwitzt in einem Baumwoll-T-Shirt, der Umweltkommissar wandert in einem Sporttrikot aus Kunstfasern | Bild: BR/Susanne Baur

Jede zweite Textilfaser, die weltweit verarbeitet wird, stammt aus der Chemiefabrik. Das klingt nicht nach Natur und schon gar nicht so, wie wir uns Kleidung auf unserer Haut vorstellen, aber es muss auch nicht grundsätzlich schlecht sein. Vor allem Sport- und Outdoor-Bekleidung sind heutzutage ohne synthetische Stoffe gar nicht mehr vorstellbar. Schließlich geht es gerade in diesem Bereich um Reißfestigkeit, atmungsaktive Textilien und Stoffe, die isolierend wirken.

Allerdings werden synthetische Textilien aus dem Grundstoff Erdöl hergestellt. Ein nicht nachwachsender Rohstoff. Und daraus ergibt sich auch ein hoher Energiebedarf bei der Herstellung.

Baumwolle hingegen klingt so natürlich, gedeiht auf dem Acker und ist nachwachsend. Aber so einfach ist die Sache eben nicht.

Was steckt hinter Polyester und Fleece?

Die synthetische Kunstfaser Polyester basiert wie dessen "Faserpelz" Fleece auf dem Rohstoff Erdöl. Die Umweltbilanz dieser Textilien setzt sich damit nicht nur aus der problematischen Rohölproduktion zusammen, sondern miteinberechnet werden muss auch die sehr energieintensive Herstellung der Fasern. Bei der Erzeugung einer synthetischen Faser wird etwa doppelt so viel Energie verbraucht wie bei der Herstellung von Baumwollfasern. Diesen großen Unterschied beim Ressourcenverbrauch gibt es aber in der weiteren Verarbeitung nicht mehr. Das heißt er fällt beim Spinnen, Färben oder einer Veredelung der Textilien dann in etwa gleich aus.

Aus Erdöl werden Fäden

An solchen Spinnmaschinen entstehen aus Erdöl Polyesterfasern.

Bei Polyester wird durch verschiedene Umwandlungsprozesse aus Erdöl eine sehr zähflüssige, fadenziehende Masse hergestellt, die anschließend durch sehr feine Düsen gepresst wird. Daraus entstehen dann Fäden, die zur weiteren Textilherstellung verwendet werden können. Diese Polyesterfasern sind weltweit die wirtschaftlich wichtigsten Kunstfasern. Daraus entstehen fast zwei Drittel aller Chemiefaserproduktionen.

Polyesterfasern sind deshalb so beliebt, weil sie als besonders form- und reißbeständig gelten und dabei noch sehr elastisch sind. Zudem nehmen diese Fasern nur wenig Feuchtigkeit auf. Sie können deshalb zu atmungsaktiven Textilien verarbeitet werden. Entsprechend beliebt sind die Bekleidungen deshalb im Freizeit- und Outdoor-Bereich. Polyesterfasern werden auch oft mit Schur- oder Baumwolle gemischt und finden sich in Anzügen, Röcken, Blusen oder Kleidern wieder.

Fleece

Aus einer Weiterentwicklung der Polyesterfasern entstehen dann die Fleece-Stoffe. Maschinen schneiden hierzu hauchfein die Schlingen der Maschenware auf. Dadurch entsteht ein Flor, also ein Faserpelz auf dem Grundmaterial, der eine sehr feinporige und fühlbar flauschige Oberfläche hat. Da in diesem Faserpelz viele kleine Luftkammern eingeschlossen sind, weist das Fleece eine isolierende und wärmende Wirkung auf. Fleece lässt sich leicht waschen, ist allerdings nicht wasserdicht und wird vor allem für Sweatshirts, Kappen und Mützen verwendet.

Flaschen zu Fleece-Shirts

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Die Herstellung von Chemiefasern ist mittlerweile wesentlich umweltverträglicher geworden, als das noch vor einigen Jahren der Fall war. Das liegt vor allem daran, dass sich Kunstfasern gut recyceln lassen. Die langen Ketten des Moleküls Polyethylenterephalat stecken nämlich auch in PET-Flaschen. Bei den üblichen Recycling-Verfahren werden PET-Einwegfaschen gesammelt, gewaschen, geschreddert und anschließend eingeschmolzen. Diese Masse kann wiederum, gepresst durch haarfeine Düsen, in Kunstfasern verwandelt und anschließend verarbeitet werden.

Aus etwa 25 PET-Flaschen kann so eine neue Fleecejacke entstehen. Außerdem wird bei der Herstellung von Polyester bis zu 25 mal weniger Wasser benötigt als beim Anbau von Baumwolle. Und es ist auch möglich, bei der Verarbeitung von Kunstfasern auf umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien zu verzichten. 

Umweltsiegel

Die Textilsiegel "Blauer Engel" und der "bluesign® standard" berücksichtigen neben der Umweltauswirkung des gesamten Herstellungsprozesses auch soziale Anforderungen, die an das jeweilige Produkt gestellt werden, also die Einhaltung gewisser sozialer Mindeststandards. Allerdings gibt es bislang nicht sehr viele Produkte, die diese Siegel tragen.

Synthetische Fussel landen im Meer

Wie der irische Meeresbiologe Mark Browne 2012 in einer Studie zeigen konnte, verliert Fleecekleidung bei jedem Waschgang rund 2.000 winzige Kunststofffasern. Diese Kunststoff-Kleinstfasern werden von den wenigsten Sieben in der Waschmaschine oder in Kläranlagen aufgefangen und gelangen deshalb auch in die Meere. So war beispielsweise kein einziger der 18 in sechs Kontinenten getesteten Strände frei von synthetischen Fasern. Besonders stark war die Konzentration rund um große Städte, die grundsätzlich den meisten Müll absondern.

Auch in den untersuchten Kläranlagen ist immer wieder eine hohe Konzentration von Kunststofffasern festgestellt worden. Die Erklärung fanden Wissenschaftler bei einem Test: Dabei sind Textilien aus Kunstfaser mehrmals in Waschmaschinen privater Haushalte gewaschen und anschließend das Abwasser analysiert worden. Vor allem bei Fleecebekleidung sind besonders viele Fussel verloren gegangen. Deshalb ist zu vermuten, dass ein großer Teil des Mikroplastikmülls über unsere Waschmaschinen in Kläranlagen und anschließend die Meere gelangt.

Das Baumwoll-Problem

Baumwolle ist ein sehr altes landwirtschaftliches Produkt. Schon vor 7.000 Jahren ist die Pflanze in Süd- und Mittelamerika kultiviert und angebaut worden.

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Baumwolle ist sehr empfindlich und braucht eines in rauen Mengen: Wasser! In einem einzigen T-Shirt stecken bis zu 2.000 Liter Wasser, die vor allem beim Baumwollanbau anfallen – das entspricht ca. zehn vollen Badewannen. Angebaut wird Baumwolle aber gerne ausgerechnet in sehr trockenen Gebieten, weil Regen die gesamte Ernte vernichten könnte, wenn sich die Knospen mit Wasser vollsaugen und verfaulen. Deshalb müssen – so grotesk das auch klingt – fast zwei Drittel der weltweiten Baumwollanbaufläche künstlich bewässert werden. Das ist rund die Hälfte aller bewässerten Flächen auf der Welt.

Der Baumwollanbau ist damit für etwa sechs Prozent des globalen Süßwasserverbrauchs verantwortlich. Um dem noch die Krone aufzusetzen, laufen Baumwollpflanzen ständig Gefahr, von Schädlingen befallen zu werden, weil das heiße Klima und die ständige Feuchte hierfür den idealen Nährboden bilden. Das Ergebnis ist, dass massenweise Insektizide über den Anbauflächen ausgekippt werden. Für kein anderes landwirtschaftliches Anbauprodukt werden so viele Pflanzengifte eingesetzt.

Die Folgen dieser intensiven Landwirtschaft sind versalzte Böden, sinkende Grundwasserspiegel und die Umleitung von Flüssen. Das erschreckende Ergebnis lässt sich vor allem beim Aralsee feststellen, einem der größten Binnenmeere der Welt. 70 Prozent des Sees sind mittlerweile ausgetrocknet, auch eine Folge des Baumwollanbaus in der Region.

Außerdem stammen mittlerweile fast drei Viertel der weltweit geernteten Baumwolle aus genveränderten Pflanzen. Hauptproduzenten sind China, Indien und die USA. Von den Arbeitsbedingungen auf den vielen Feldern, in zahlreichen Entwicklungsländern gar nicht zu reden.

Was sagt das Bio-Label für Baumwolle aus

Für Bio-Baumwolle gilt grundsätzlich das, was für andere Bio-Produkte auch gilt: Sie müssen gemäß der Richtlinien für ökologischen Landbau angebaut werden.

Das Umweltinstitut München e.V. hat errechnet, dass man mit dem Kauf eines einzigen Baumwoll-T-Shirts aus biologischer Baumwolle rund sieben Quadratmeter Anbaufläche vor Pestiziden und Kunstdünger bewahrt. Allerdings muss auch ganz klar gesagt werden, dass das Bio-Siegel sich NUR auf die angebaute Baumwolle bezieht. Es sagt nichts über die Verarbeitung des Kleidungsstücks aus und ist auch keine Gewähr dafür, dass die Klamotten zu bestimmten sozialen Mindeststandards produziert worden sind. Um das zu gewährleisten, müssen die Kunden nach weiterführenden Zertifizierungen Ausschau halten.

Bio-Baumwolle bleibt natürlich dennoch eine anspruchsvolle Pflanze, die viel Wasser und gute Böden benötigt, um optimal angebaut werden zu können. Trotzdem stellt die Bio-Baumwolle eine gute Alternative dar, weil bestimmte Spritzmittel und der Einsatz von genveränderten Pflanzen verboten sind. Vergleicht man geerntete Bio-Baumwolle allerdings mit dem weltweiten Bedarf, wird schnell klar, dass es gar nicht möglich ist, dem nachzukommen.

Fazit

Das wichtigste Kriterium für eine gute Ökobilanz von Kleidung ist Langlebigkeit. Egal, ob es sich um Stoffe aus Baumwolle, Bio-Baumwolle oder Chemiefasern handelt: Je länger Kleidung getragen wird, desto besser fällt auch die Umweltbilanz aus.

Je länger die Kleidung getragen werden kann, desto besser für die Ökobilanz - und den eigenen Geldbeutel ...

Denn auch wenn Textilien ökologisch korrekt hergestellt werden, stecken doch in jeder Hose, in jedem Hemd oder T-Shirt jede Menge Ressourcen wie Wasser, Boden oder Energie.

Eine Kunstfaser kann es in jeder Beziehung mit einer Baumwollfaser aufnehmen. Unter Umweltaspekten betrachtet, schneidet eine Fleecejacke, die aus PET-Flaschen recycelt worden ist, sogar wesentlich besser ab als eine entsprechende Jacke, die aus herkömmlichen Baumwollfasern gewebt worden ist.

Ganz entscheidend für die Ökobilanz ist der Weg, den ein  Kleidungsstück zurücklegt. Schließlich kann die Baumwolle aus Burkina Faso kommen, jedoch zur weiteren Verarbeitung eine Asienrundreise durch China, Indien und den Philippinen unternehmen, um anschließend genäht und gefärbt wieder in einem deutschen Modegeschäft zu landen. Diese Arbeitsschritte, die stets dem niedrigsten Lohn folgen, verbrauchen natürlich auch Unmengen an Energie.


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