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Podcasttipps Rassismus und Polizeigewalt – auch ein deutsches Problem

Seit dem Tod von George Floyd demonstrieren Tausende in den USA gegen Polizeigewalt und Rassismus. Auch in Deutschland haben sich viele "Black Lives Matter" angeschlossen. Denn auch hier werden Menschen diskriminiert, weil sie anders aussehen oder woanders herkommen.

Von: Monika Griebeler

Stand: 30.06.2020

Ein junger Mann mit Kopfhörern und einem Smartphone | Bild: BR, colourbox.com, Montage: BR

Oury Jalloh. Ein junger Mann, 1968 geboren in Sierra Leone, 2005 gestorben in einer Zelle in einem Polizeirevier in Dessau, Sachsen-Anhalt. Gefesselt an Händen und Füßen soll er sich auf einer feuerfesten Matratze selbst angezündet haben. So die Version der Polizei, bestätigt in mehreren Gerichtsprozessen.

"Dass deutsche Polizeibeamte einen wehrlosen Menschen töten. Gar einen Mann in ihrem Gewahrsam in Flammen setzen – der Gedanke galt über ein Jahrzehnt schlicht als tabu. Und doch spricht sehr viel dafür, dass es so war. Dass in der Dessauer Polizeiwache Menschen zu Tode geprügelt wurden und Oury Jallohs Körper zur Vertuschung eines Verbrechens verbrannt wurde."

Journalistin Margot Overrath im Podcast Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau

Zeugenaussagen voller Widersprüche, Polizeiakten mit verschwundene Notizen

Die Journalistin Margot Overath hat jahrelang recherchiert, mit Zeugen gesprochen, Brandexperten, Rechtsmedizinern, Polizisten. Im fünfteiligen WDR-Podcast "Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau" listet sie nun die Widersprüche des Falls so deutlich auf, dass man beim Zuhören nur den Kopf schütteln kann. Sich fragt, wie auch eine Anwältin der Familie, warum die Justiz bis heute daran gescheitert ist, die Verantwortlichen zu bestrafen.

Es gab weitere Todesfälle im Polizeirevier in Dessau

Auch wer schon viel über den Fall weiß, erfährt noch Neues – nämlich ein mögliches Motiv. Denn Overrath schlägt Akten alter Fälle auf und stößt auf Parallelen – von den Namen beteiligter Polizisten über Ungereimtheiten in Polizeiakten, Misshandlungen von Festgenommenen bis hin zu deren Tod.

"Kann es sein, dass Menschen in diesem Land von Polizisten zu Tode gebracht werden? Aus Wut. Aus Rassismus. Sadismus. Oder einfach, weil sie unkontrollierte Macht haben und Täter auf den Korpsgeist der Kollegen vertrauen können – oder sogar auf aktive Vertuschung durch Behörden? Und wäre es möglich, dass wir in Deutschland eine zivilisatorische Lücke haben, weil das aufklärerische Engagement des Rechtsstaats besonders bescheiden ist, wenn die Opfer randständig, arm oder fremd sind?"

Journalistin Margot Overrath im Podcast Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau

"Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau" ist seriös. Sensibel. Gut recherchiert. Und stellenweise brutal – so wie Mord, Rassismus und Polizeigewalt eben sein können. Und das nicht nur in Dessau, sondern auch anderswo in Deutschland.

Die Welt der Schwarzen Menschen erklären

Alice Hasters hat im Moment viel zu tun – weil sie eine derjenigen ist, die gerade zum Beispiel in Talkshows wie "Anne Will" erklärt "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten."

So heißt übrigens auch ihr Buch. Der Podcast, den sie zusammen mit ihrer Freundin Maximiliane Häcke macht, heißt "Feuer und Brot". Und in der aktuellen, 50. Folge geht es um einen "Lagebericht".

Wessen Wut ist es?

Und Hasters erzählt von einer "Black Lives Matter"-Demo in Berlin: "Wenn da Leute ‘I can’t breathe‘ gerufen haben – ich konnte das in dem Moment nicht mitrufen. Dieser Satz löst so viel Schmerz bei mir aus, dass ich das nicht sagen konnte, neben so vielen Menschen, die nie in die Situation von George Floyd kommen werden."

Zwei Freundinnen reden über Rassismus: Die eine, weil sie als Schwarze betroffen ist. Die andere, weil sie sich damit als Weiße auseinandergesetzt hat. Und darum geht es ja eigentlich immer: voneinander lernen.

Lernen über das rassistische System

"Wir alle sind rassistisch sozialisiert. Wir alle sind in eine Welt hineingeboren, wo Rassismus schon da war. Wir alle haben das eingeatmet in unseren Kinderbüchern, Schulbüchern und in der Sprache, überall."

Tupoka Ogette, Anti-Rassismus-Trainerin im Podacst Hotel Matze

Wer sich in der aktuellen Debatte ein bißchen schlauer machen will, dem sei das gut zweistündige Gespräch von Matze Hielscher mit Tupoka Ogette sehr empfohlen. Ogette ist Anti-Rassismus-Trainerin und Autorin des Buchs "Exit Racism".

Im Podcast "Hotel Matze" geht es um Bösewichte unter den Legofiguren und diskriminierungsfreie Kinderbücher, um Alternativen zur Frage "Wo kommst du her?" und um Unsicherheit, was noch erlaubt ist - ganz klug und nachdrücklich.



Die "Podcasttipps der Woche" - immer wieder dienstags um 16.24 Uhr und um 21.24 Uhr auf B5 aktuell. Sollten Sie eine Podcastempfehlung für uns haben, schreiben Sie gerne an B5-Podcast@br.de.


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