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Klassik-CD-Tipp Nicholas Angelich spielt Prokofjew

Nicholas Angelich ist ein Pianist, der kein großes Aufsehen um sich und seine Person macht. Der US-Amerikaner lebt schon seit fast 40 Jahren in Paris, wo er 13-jährig als Student am Conservatoire supérieur aufgenommen wurde und bei Aldo Ciccolini und Yvonne Loriod in die Lehre ging. Sein Repertoire erstreckt sich vom klassischen Kanon bis in die Gegenwart. Leidenschaftlich gern spielt er Kammermusik und immer wieder die Klaviermusik von Johannes Brahms. Sein aktuelles Album hat er Sergeij Prokofjew gewidmet, dessen Musik er detailgenau erkundet.

Von: Meret Forster

Stand: 12.02.2021

Illustration: Klassik-CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Besessen und wütend, dann wieder unglaublich zart und zerbrechlich ist diese Klaviermusik. Geschrieben hat sie Sergeij Prokofjew, der selbst ein ausgezeichneter Pianist war und seinem Instrument gleichermaßen Virtuoses und Klangsinnliches entlocken konnte. Neun Klaviersonaten hat Prokofjew komponiert. Ihr Entstehungszeitraum erstreckt sich über sein gesamtes Leben. Die 8. Sonate aus dem Jahr 1944 gehört zu den sogenannten "Kriegssonaten" und bringt extreme Ausdrucksgesten zusammen: dramatisch oder bösartig grummelnde Momente ebenso wie lyrisch verträumte.

Klangintensive Erkundung

Nicholas Angelich erkundet den faszinierenden Spannungsbogen dieses gut halbstündigen Werks sehr behutsam, detailgenau und mit unglaublich differenziertem Klang. Hierfür nimmt er sich Zeit, insbesondere im ersten Satz. Ganze vier Minuten mehr etwa als Yuja Wang räumt er sich ein und drei Minuten mehr als Daniil Trifonov in seiner jüngsten Einspielung. Auch der Prokofjew-Vertraute und Zeitgenosse Swjatoslaw Richter spielte diesen Kopfsatz schneller. Bei Angelich geht die zeitlich ausgedehntere Deutung aber nicht zulasten des Gesamtzusammenhangs. Er spielt diese Sonate auch nicht romantisierend. Es ist vielmehr eine intime und klangintensive Erkundung, der man gebannt folgt.

Angelich - kongenialer Interpret

Nicholas Angelich kombiniert auf seinem neuen Album die 8. Sonate mit Auszügen aus der für Klavier gesetzten Ballettsuite "Romeo und Julia" und Prokofjews "Visions fugitives". Bei den Visions fugitives (flüchtigen Visionen) handelt es sich um eine Reihe von zwanzig zum Teil sehr kurzen Stücken, die keine Titel tragen, sondern nur Hinweise auf Charakter oder Bewegung. Mal gesanglich, mal trostlos, dann auch sarkastisch oder aggressiv klingen diese Miniaturen. Und mit dieser reichen Ausdrucks- und Farbpalette finden sie in Nicholas Angelich einen kongenialen Interpreten. Die sensible Anschlagskunst dieses Pianisten lässt Schattierungen hervortreten, die beeindruckend sind.

Detailgenaue Sicht auf Prokofjew

So legt Nicholas Angelich mit seinem Prokofjew-Album eine äußerst detailgenaue, nie effektorientierte Sicht auf Prokofjews Klaviermusik vor. Es ist die poetische Dimension dieser Stücke, die ihn primär interessiert und die er mit seinem Spiel wunderbar transparent macht. Das tut er auf eine klarsichtige und feine Art und Weise, niemals geschmäcklerisch oder verklärend. Sein Publikum nimmt er neugierig und fasziniert mit.


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