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Klassik-CD-Tipp "LIEDER" von Elīna Garanča mit Malcolm Martineau

Längst gehört sie zu den gefragtesten Operndiven der Welt. Elīna Garanča liebt Vielfalt und Kontraste. Insofern passt es ins Bild, dass sie jetzt, während sie sich auf gewichtige Rollendebüts vorbereitet, ihr erstes Lied-Album vorlegt. Dass sie "immer noch flüstern" kann, will sie damit beweisen, dass die große Bühne sie also keineswegs abgestumpft hat. Der perfekte Partner hierfür ist der schottische Pianist Malcolm Martineau. Dass die beiden bereits ein eingespieltes Team sind, beweist die unter dem schlichten Titel "Lieder" erschienene CD hinlänglich, findet Alexandra Maria Dielitz.

Von: Alexandra Maria Dielitz

Stand: 20.11.2020

Illustration: Klassik-CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Mal hell strahlend, mal dunkel glühend immer mit samtigem Timbre, perfektem Übergang zwischen den Registern großer Legato-Kultur und einem betörenden Farbspektrum. Eine üppige Opernstimme muss den intimen Rahmen des Liedes nicht sprengen, zumindest wenn sie so souverän geführt wird wie von Elīna Garanča. Die Verse blühen nur so auf in ihrer klugen Klanggestaltung. Unangebrachtes Bühnenpathos lässt sie beiseite, doch interpretiert sie unmittelbar, zupackend und natürlich, fern von jeder deutschen Kunstlied-Manieriertheit.

Ein intimes Zusammensein

Für ihr erstes Solo-Recital-Album spannte Elīna Garanča eine Auswahl von Brahms-Liedern aus verschiedenen Schaffensperioden zusammen mit Robert Schumanns "Frauenliebe und Leben" op. 42. Der achtteilige Zyklus stammt aus Schumanns "Liederjahr" 1840, als die ersehnte Hochzeit mit Clara ihn in einen wahren Schaffensrausch versetzte. Die Gedichte von Adalbert von Chamisso beschreiben die Gefühlswelt einer Frau als Verliebte, Braut, Mutter und schließlich Witwe. Dass die den Liedern zugrunde liegende weibliche Selbstaufgabe "als niedere Magd" des Mannes nicht mehr zeitgemäß sei, wurde verschiedentlich kritisiert. Zu Unrecht, wie Elīna Garanča findet, denn hier gehe es nicht um Kochlöffel oder Bügeleisen, sondern um eine geistige Dimension:

"Es geht um ein intimes Zusammensein, wo man sagt: Ich und mein Mann, wir gehören so zusammen, dass all diese Kraftgetriebe über die Position, um Geld, Emanzipation, das alles fällt weg. Ich habe in meinem erfolgreichen Leben kein Problem zu sagen: Ich will aber jemandem gehören. Und ich verliere mich nicht."

Zitat von Elīna Garanča

Überzeugend und erfrischend

Dass Elīna Garanča sich diese Lieder zwischen jugendlichem Überschwang und fassungslosem Weltabschied ganz zu eigen gemacht hat, spürt man in jedem Moment. Und dass sie bereits seit einiger Zeit Liederabende mit Malcolm Martineau am Flügel gibt, ist auch unüberhörbar. Die beiden fühlen und atmen förmlich zusammen, kosten kleinste Klang- und Tempoveränderungen aus. Es entsteht eine unglaublich dichte Atmosphäre, die auch aus den Pausen und Klaviernachspielen spricht. Bescheiden meint Elīna Garanča, sie als Nicht-Muttersprachlerin könne zum klassischen deutschen Liedrepertoire lediglich ihr persönliches Statement aus der Außenperspektive geben. Doch das ist sehr überzeugend und erfrischend!

Angaben zur CD

Elīna Garanča "LIEDER" begleitet von Malcolm Martineau
Robert Schumann und Johannes Brahms
Label: Deutsche Grammophon


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