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Klassik-CD-Tipp "The Prison" von Ethel Smyth

Im Dialog mit seiner Seele bereitet sich ein namenloser Gefangener auf den nahenden Tod vor. Aus dem metaphysischen Stoff hat die britische Spätromantikerin Ethel Smyth tönende Philosophie gemacht. Mit seiner packenden Ersteinspielung von "The Prison" leistet der amerikanische Dirigent James Blachly mit seinen Ensembles echte Pionierarbeit: Gekonnt lotet er die klangsinnliche Tonsprache von Ethel Smyth zwischen Verzweiflung und Verklärung aus.

Von: Fridemann Leipold

Stand: 08.01.2021

Illustration: Klassik-CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

In seiner Zelle sitzt ein namenloser Gefangener und wartet auf den nahenden Tod. Seine ausweglose Situation reflektiert er im Dialog mit seiner Seele, die Ethel Smyth in "The Prison" mit einem Sopran besetzt hat.

Wie in der antiken Tragödie kommentiert der Chor das metaphysische Geschehen – hier sind es Echostimmen aus dem Jenseits.

"The Prison", halb Vokalsymphonie, halb Oratorium, handelt von den letzten Dingen: von der Überwindung der irdischen Existenz, vom Todeskampf und vom Loslassen. Wenn der Gefangene von der Schönheit der Natur träumt, imitiert Smyth Vogelstimmen – lange vor Olivier Messiaen.

Ein "Choralvorspiel in der Gefängnis-Kapelle" ist das Zentrum von "The Prison". Den deutschen Choral, der an Bachs Passionen erinnert, hat Smyth ungemein farbig instrumentiert. James Blachly und sein Experiential Orchestra musizieren diesen Moment des Innehaltens mit einer Innigkeit, die zu Herzen geht.

Auf einer großen Griechenland-Reise lernt Ethel Smyth antike Skalen kennen, die sie gleichfalls in "The Prison" verwendet. Wenn der Experiential Chorus die Unsterblichkeit der menschlichen Leidenschaften beschwört, klingt das archaisch wie griechisch-orthodoxe Kirchenmusik.

Schließlich schafft es der Gefangene, sein wahres Selbst von seinem Ich, seinem Ego zu lösen. Die packende Ersteinspielung von "The Prison" lebt auch von der Gestaltungskraft des großartigen schwarzen Bassbaritons Dashon Burton.

Da kann Sarah Brailey als Seele des Gefangenen mit ihrem flackernden Sopran leider nicht mithalten. Aber Dirigent James Blachly leistet mit den von ihm gegründeten Experiential Chorus and Orchestra Erstaunliches. Und bringt die spätromantische Ausdruckskraft von Smyth eindrucksvoll zur Geltung. Der am Ende erreichte Seelenfrieden des Gefangenen wird von Trompetensignalen begleitet – wie in Beethovens Oper "Fidelio", die Ethel Smyth hoch geschätzt hat. "The Prison" – das ist wahrhaft tönende Philosophie.

Angaben zur CD

Ethel Smyth: „The Prison“, Symphonie für Sopran, Bassbariton, Chor und Orchester nach Worten von Henry Bennet Brewster (Ersteinspielung)

Sarah Brailey, Sopran (His Soul)
Dashon Burton, Bassbariton (The Prisoner)
Experiential Chorus
Experiential Orchestra
Leitung: James Blachly

Label: Chandos


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