B5 aktuell - Programm


0

Klassik-CD-Tipp Verdis "Otello" mit Jonas Kaufmann

Jonas Kaufmann hat mit der mörderischen Verdi-Partie des eifersuchtsgeplagten Helden Otello bisher nicht nur an der Bayerischen Staatsoper Erfolg gehabt, sondern zuvor auch schon am Royal Opera House Covent Garden bei seinem Rollendebüt im Juni 2017, wie eine DVD belegt. Zwei Jahre danach, letzten Sommer in Rom, entstand eine CD mit Kaufmann als Otello, und wie zuvor in London lag die musikalische Leitung bei Antonio Pappano.

Von: Volkmar Fischer

Stand: 26.06.2020

Illustration: Klassik-CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Sein Otello bestätigt das Altbekannte: Den weichen Kern harter Männer signalisiert Jonas Kaufmann gern durch fahl aus dem Gaumen kommende Laute. Im Piano-Sektor mangelt es der Stimme an klanglicher Dichte, tragfähiger Substanz. Doch powert der baritonal grundierte Tenor robust wie ein Gewichtheber, lässt er vokal die Muskeln spielen – so findet er zu stattlicher Eloquenz. Und genießt es, musikalisch effektiv die Wut eines Menschen malen zu dürfen, der sich betrogen glaubt.

Ein Mann, der sich in die Wahnvorstellung hineinsteigert, seine Frau sei ihm untreu. Die Glaubwürdigkeit des Stücks steht und fällt aber nicht mit dem Tenor, sondern mit dem Bariton: mit der Statur des Intriganten! Bei der Neueinspielung war auch und gerade für Jago eine Spitzenbesetzung am Start. Der Spanier Carlos Alvarez schafft es mit Leichtigkeit, bedrohlich dämonische Farben auszubreiten – mit dem Ziel, dem neidischen Typen angemessen mephistophelische Züge zu verleihen.

Dem Dirigenten dieser Aufnahme merkt man an, dass er seinen Verdi allgemein gut und gerade "Otello" bis in kleinste Verästelungen hinein kennt. Antonio Pappano hat das rechte Augenmaß für eine vernünftige Balance zwischen Notentext und Emotion: schon damals in Covent Garden, zwei Jahre vor dieser römischen Studioproduktion an der Accademia di Santa Cecilia. Und jetzt gelingt Pappano, den Eindruck hervorzurufen, als hätten wir es mit dem spannungsgeladenen Live-Mitschnitt einer kompletten Aufführung zu tun. Als wäre man die Oper in den zweiwöchigen Aufnahmesitzungen chronologisch durchgegangen, Seite für Seite der Partitur. Aus Kostengründen war es zwar wie üblich ein abenteuerliches Springen von hinten nach vorne und zurück – aber das merkt keiner! Die Sänger bringen überzeugende Rollenporträts zustande. Und das gilt auch für Federica Lombardi in der Rolle der Desdemona: Sie entwirft das Bild einer vollkommen unemanzipierten Frau, und für die Glaubwürdigkeit ihrer Passivität schadet das überhaupt nicht. Insgesamt ist dieser "Otello" wirklich ein großer Wurf.


0