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Klassik-CD-Tipp Schuch spielt Ligeti und Beethoven

Der Pianist Herbert Schuch ist bekannt für seine ungewöhnlichen Programme. In seinen zwei letzten Einspielungen hat er zum Beispiel Bach mit Messiaen und Schubert mit Janacek gekreuzt. Diesem Prinzip bleibt er auch auf seiner neuesten Aufnahme treu. Darauf erklingt die elfteilige Musica Ricercata, ein Frühwerk von György Ligeti, im Wechsel mit den späten Bagatellen Ludwig van Beethovens. Tobias Stosiek hat reingehört.

Von: Tobias Stosiek

Stand: 10.05.2019

Illustration: Klassik-CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Einen ziemlich pathetischen, ja angeberischen Auftakt hat sich Ligeti da einfallen lassen. Doch was dann folgt, verleiht dem Oktavtremolo der ersten zwei Takte eine ironische Pointe: nämlich nicht das vielleicht erwartbare Virtuosengedonner, sondern eine Klangwüste. Karg und eintönig, im wortwörtlichen Sinn.

"Neue Musik aus dem Nichts heraus bauen…" so beschrieb György Ligeti, der ursprünglich Mathematiker hatte werden wollen, sein kompositorisches Credo. Und tatsächlich folgt seine Musica Ricercata einem strengen Konstruktionsprinzip. Das erste Stück besteht aus nur einem Ton, zu dem sich erst am Schluss ein zweiter gesellt. Das zweite Stück besteht aus drei Tönen, das dritte aus vier und so weiter, bis im elften Stück alle zwölf Töne der Tonleiter erklingen. Das klingt konzeptuell verkopft, ist in der Durchführung aber ziemlich aufregend, weil Ligeti – bei allem Minimalismus – zeigt, welcher Schatz an Klangfarben in so einem Flügel steckt. Die Musica Ricercata ist ein Regenbogen in der grauen Uniform eines Sowjetfunktionärs.

Moment… das ist doch… soll das jetzt ein Scherz sein? – Kann man schon so sehen, oder besser gesagt: hören. Allerdings heißt der Witzbold nicht György, sondern Herbert. Herbert Schuch, um genau zu sein. Der Pianist verschränkt Ligetis Frühwerk nämlich mit einem Spätwerk Beethovens, den Bagatellen op. 119. Immerhin handelt es sich bei diesen von Beethoven sogenannten "Ciclus von Kleinigkeiten" auch um Miniaturen, die ihrer Kürze zum Trotz, das gesamte Spektrum seiner musikalischen Ausdruckswelt wiederspiegeln: lyrisch und keck, komisch und kämpferisch.

Schuch erkennt darin einen – wie es im Booklet heißt – "logischen Zusammenhang" zwischen den beiden Werkzyklen. Auch das klingt erstmal konzeptuell verkopft, ist in der Durchführung aber schlicht genial! Vor allem in den Momenten, in denen Beethoven so erscheint, als wäre er ein Kind nicht des 18. sondern des 20. Jahrhunderts.

Fast ein bisschen gruselig, wenn man nicht sofort kapiert, was da gespielt wird. Die Aufnahme lebt von solchen Irritationen, klingenden Kippfiguren, bei denen unklar ist, ob man noch Ligeti oder schon Beethoven lauscht.

Aber nicht nur auf Beethoven, auch auf Ligeti wirft Schuchs originelle Zusammenstellung ein neues Licht: Die Musica Ricercata ist sozusagen "Detox" für die Ohren. Sie entschlackt und schärft die Sinne. Wenn dann wieder eine Bagatelle an der Reihe ist, dann ist das ein bisschen wie beim Fastenbrechen. Von zu viel Zucker, würde einem schlecht. Eine Prise reicht. Glücklicherweise ist Herbert Schuch den Tasten ein Meister der feinen Dosierung. Manieriert, übertrieben gestaltet ist da nichts. Eine echt fantastische Einspielung!

Die CD ist bei Avi in Co-Produktion mit BR-Klassik erschienen.


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