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Klassik-CD-Tipp Vladimir Jurowski und das London Philharmonic Orchestra mit Musik von Rachmaninow

Wenn der Name Vladimir Jurowski fällt, werden Klassik-Fans hellhörig – denn der 47-jährige russische Dirigent wird 2021 als Nachfolger von Kirill Petrenko neuer Generalmusikdirektor an der Bayerischen Staatsoper in München. Seine Chefposition beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin behält er zunächst bei, aber die Leitung des London Philharmonic Orchestra gibt er dann ab. Beim orchestereigenen Label LPO sind jetzt Konzertmitschnitte aus London mit Jurowski auf CD erschienen, die Lust auf Musik von Sergej Rachmaninow machen.

Von: Fridemann Leipold

Stand: 09.08.2019

Illustration: Klassik-CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Sanft schaukeln die Wellen, darauf ein Boot mit einem weißen Sarg, einer verschleierten Gestalt und einem Ruderer. Die Barke steuert auf eine Insel mit schwarzen Zypressen und hohen Felsen zu. Grabkammern erwarten die Besucher auf dem berühmten Gemälde "Die Toteninsel" von Arnold Böcklin, das Sergej Rachmaninow zu seiner gleichnamigen Tondichtung inspiriert hat. Vladimir Jurowski steigert die Spannungskurve vom impressionistisch fahlen Beginn zu Ausbrüchen höchster Qual wie in Wagners "Tristan".

Es ist diese flammende Intensität zwischen Tristesse und Aufbegehren, die Jurowskis Rachmaninow-Interpretationen so mitreißend macht. Das London Philharmonic Orchestra folgt ihm mit schneidender Brillanz und sattem Klang. Noch stärker als in der "Toteninsel" scheint in der Ersten Symphonie das "Dies irae"-Motiv aus der lateinischen Totenmesse auf, das zu Rachmaninows lebenslanger Obsession werden sollte.

Duftige Eleganz und virtuose Holzbläser-Soli entlockt Jurowksi seinen Londoner Musikern im Scherzo, das die düstere Grundstimmung von Rachmaninows Erstling nur vorübergehend aufhellt.

Durch und durch russisch ist diese Musik – und man kann das Uraufführungs-Fiasko von 1897 nur den miserablen Bedingungen damals zuschreiben. Der Flop seiner Ersten Symphonie stürzte den jungen Rachmaninow in eine schwere Krise, aus der er erst durch Psychotherapie wieder herausfand. Noch weniger verstehen kann man den einstigen Misserfolg, wenn Jurowski im folkloristischen Finale die Kosaken tanzen lässt.

Straff, präzise und vibrierend vor Energie begegnet Jurowski dem oft geschmähten Rachmaninow, mit Sinn für die melodischen Qualitäten und die tiefe Melancholie des "letzten Romantikers". Jurowski hat keine Scheu vor Pathos – sehr wohl aber vor Sentimentalität und Kitsch. München kann sich auf Vladimir Jurowski freuen!

Angaben zur CD

Sergej Rachmaninow:
- "Die Toteninsel", Symphonische Dichtung op. 29
- Symphonie Nr. 1 d-Moll op. 13
London Philharmonic Orchestra
Leitung: Vladimir Jurowski
Label: LPO


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