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Klassik-CD-Tipp Johannes Brahms: Klavierquintett, Klavierstücke

So geschmeidig und elegant ist Brahms nicht oft zu hören wie jetzt vom Quatuor Hermès und dem Pianisten Geoffroy Couteau. Die fünf jungen Franzosen musizieren ungemein transparent und klangsinnlich. Doch gleichzeitig bieten sie die unbedingt nötige Expressivität und eine gute Portion emotionalen Tiefgang. Eine Neuaufnahme, die eigentlich keine Wünsche offen lässt und mit der Geoffroy Couteau nahtlos an seine sehr gelungene Gesamteinspielung des Klavierwerks von Brahms anknüpft.

Von: Oswald Beaujean

Stand: 12.04.2019

Illustration: Klassik-CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR


Johannes Brahms hat mit seinem Klavierquintett gerungen – auch wenn man es ihm in seiner endgültigen Fassung nicht anhört. Als Streichquintett begonnen, an dem sein Freund, der große Geiger Joseph Joachim herummäkelte, zur Sonate für zwei Klaviere umgearbeitet, die der Freundin und Vertrauten Clara Schumann nicht restlos gefiel, 1864 schließlich als Klavierquintett mit durchaus sinfonischen Zügen beendet: dieses Opus 34 hat wirklich eine bewegte Geschichte. Herausgekommen ist der Höhepunkt der frühen Kammermusik von Brahms. Es ist ein Werk, das wie eigentlich stets bei ihm bis ins letzte Detail ausgefeilt und durchgearbeitet ist. Zugleich aber entfaltet es ganz unmittelbar eine mitreissende emotionale Wucht und straft all jene Lügen, die so gerne kolportieren, Brahms seien keine Melodien eingefallen. Kein Wunder, dass das Klavierquintett das vielleicht beliebteste Kammermusikwerk von Brahms ist.

So großartig und differenziert das Quintett auch ist, seine unglaubliche Ausdrucksfülle kann auch etwas Erschlagendes haben. Selten schickt Brahms Musiker wie Zuhörer auf eine solche Achterbahnfahrt. Die Gefahr des interpretatorischen Scheiterns ist beträchtlich, dann nämlich, wenn emotionaler Überdruck zu Lasten der delikaten Klangbalance geht oder diese gar erdrückt. Geoffroy Couteau und das Quatuor Hermès hüten sich klug davor, dieser Gefahr zu erliegen. Vor einem guten Jahrzehnt haben sich die vier jungen Franzosen, zwei Damen, zwei Herren, in Paris zum Streichquartett zusammengefunden und jetzt mit ihrem Landsmann Couteau zusammengetan. Sie lösen das dichte Gewebe in ein Gespinst zauberischer und durchsichtiger Klangfarben auf. Nichts klingt hier dick oder wattiert, Streicher wie Pianist heben Strukturen hervor, lassen Mittelstimmen aufblühen, verleihen dieser Musik eine selten zu hörende Eleganz und Geschmeidigkeit. Selbst dem Allegro zu Beginn, das als veritabler Kopfsatz einer großen Sinfonie durchgehen könnte, nehmen die fünf alle Schwere. Was nicht bedeutet, dass sie dieser Musik auch nur ansatzweise ihren Tiefgang und ihre expressive Kraft schuldig blieben, im Gegenteil.

Mit klugen, nie überzogenen Tempomodifikationen, einem ebenso ausgewogenen wie nuancierten Klang, schaffen die fünf optimale Transparenz bei höchster Ausdrucksintensität. Eine wunderbare Einspielung, insofern keine ganz große Überraschung, als Geoffroy Couteau sich vor drei Jahren bereits mit einer exzellenten Aufnahme des Gesamtwerks für Klavier solo von Brahms präsentierte. Da ist man auch nicht böse, den acht Klavierstücken op.76 aus dieser schönen Gesamtaufnahme auf dem aktuellen Album wieder zu begegnen. Auch das Quatuor Hermès ist hörbar bestens mit Brahms vertraut und findet gemeinsam mit Couteau zu einer sehr persönlichen, eben leicht französischen Deutung.


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