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Klassik-CD-Tipp Blomstedt dirigiert Mahlers Sinfonie Nr. 9

Am 11. Juli konnte der Dirigent Herbert Blomstedt seinen 92. Geburtstag feiern. Sein Kalender ist nach wie vor mit Konzertterminen gefüllt: So dirigiert er auch in diesem Sommer wieder bei den Salzburger Festspielen und in der nächsten Saison in Amsterdam, Leipzig, Helsinki oder Dresden. Mit den Bamberger Symphonikern hat Blomstedt im letzten Sommer Gustav Mahlers 9. Sinfonie musiziert. Dieses Ereignis in der Konzerthalle Bamberg wurde aufgezeichnet und ist jetzt auf CD beim Label Accentus erschienen.

Von: Meret Forster

Stand: 12.07.2019

Illustration: Klassik-CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Es gibt Menschen, die sind nicht nur mit stabiler Gesundheit gesegnet, sondern mit zeitlos charismatischer Ausstrahlung. Zu solchen Persönlichkeiten zählt der Ausnahmedirigent Herbert Blomstedt. Nach wie vor steht der 92-Jährige am Pult internationaler Spitzenorchester. Seit 35 Jahren ist er den Bamberger Symphonikern verbunden, dirigierte mit ihnen fast 200 Konzerte, leitete Auslandstourneen und ist seit 2006 Ehrendirigent des Orchesters. Kaum zu glauben, dass Blomstedt und die Bamberger erst letzten Sommer erstmals gemeinsam eine CD aufgenommen haben. Auf dem Programm: Gustav Mahlers 9. Sinfonie.

Emotionale Achterbahn

Es sollte die letzte Partitur werden, die Mahler 1909 vollendete. Die Aufführung erlebte er nicht mehr. Nach der monumentalen 8. Sinfonie mit ihrem Riesenaufgebot an Chören und Solisten, verzichtete er in der Neunten auf jede Art von Text. Diese Sinfonie äußert sich rein instrumental, singt gleichsam ohne Worte und ohne Beteiligung menschlicher Stimmen. Einer emotionalen Achterbahn entspricht dieses Stück. Am Beginn und Schluss stehen langsame Sätze, dazwischen ein Ländler und ein burleskes Rondo, das sich zwar Rondo nennt, aber kurzatmig wird, noch ehe es richtig in Schwung kommt.

Ohne aufgesetztes Pathos

Es kommt zu Übersteigerungen, zum Durcheinander. Doch selbst das scheinbar Derbste ist immer in eine kunstvolle formale Entwicklung eingebettet. Blomstedt und die Bamberger Symphoniker machen die Vielstimmigkeit in diesem Werk wunderbar transparent, mit tendenziell zügigen, besser: organisch flüssigen Tempi. Herbert Blomstedt leitet die Musiker ohne jedes aufgesetzte Pathos oder inszeniertes Innehalten durch das Stück. Er arbeitet die zerrissenen Ausdrucksgesten plastisch heraus, ohne den Blick auf das große Ganze zu verlieren. Auch das Finale, das einem auskomponierten Verstummen gleicht, entfaltet sich so als zwingend logische Konsequenz.

Komplexe Klanglandschaften

Vielen Musikliebhabern ist Herbert Blomstedt bisher primär als bedeutender Bruckner-, weniger als Mahler-Dirigent bekannt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es bislang auch nur eine einzige Mahler-Einspielung mit ihm gibt: Als damaliger Chef des San Francisco Symphony Orchestra hat Blomstedt 1992 Mahlers 2. Sinfonie aufgenommen. Das mag man angesichts der nun vorliegenden Konzertaufzeichnung mit den Bambergern und Mahlers Neunten nur bedauern. Denn so packend wird man als Hörer selten im besten Sinne an die Hand genommen und durch komplexe Klanglandschaften geführt.


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