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Klassik-CD-Tipp Jakub Józef Orlinski: "Facce d’amore"

Es war nur eine Frage der Zeit, dass der junge polnische Countertenor Jakub Józef Orlinski seinem Debütalbum "Anima Sacra" mit geistlichem Repertoire irgendwann eine Sammlung von Opernarien folgen lassen würde: Inzwischen ist es geschehen! Unter dem italienischen Titel "Facce d’amore", also "Gesichter der Liebe", entstand die Aufnahme im März 2019, ein gutes Jahr nach dem Debütalbum, wieder im Veneto, genauer: Lonigo, Villa San Fermo. Und wieder assistiert dem Sänger das Ensemble "Il pomo d’oro" unter der Leitung von Maxim Emelyanychev. Beim französischen Label Erato ist das Album erschienen.

Von: Volkmar Fischer

Stand: 07.02.2020

Illustration: Klassik-CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Er ist auch schon als Breakdancer aufgetreten: der 29-jährige Countertenor Jakub Józef Orlinski! Bei diesem Sänger kommen Model-Qualitäten zum stimmlichen Können. Sein Vortrag einer Vivaldi-Arie bei YouTube hat mehrere Millionen Klicks hervorgerufen, weil sein sportives Outfit die musikalisch grandiose Interpretation ungewöhnlich sexy zur Geltung brachte. Den bisherigen Eroberungen des Senkrechtstarters in der Opernwelt, den Festspielen von Aix-en-Provence und Glyndebourne neben den Städtischen Bühnen Frankfurt, werden sicher weitere folgen. Jakub Józef Orlinski ist keine Eintagsfliege.

Bei Höhenflügen müssen sich Countertenöre wohl fühlen, sonst brauchen sie gar nicht loszulegen. Wenn dann aber einer auch noch mit üppigem Tiefgang aufwartet, verdient er jede Beachtung. Um seine Unerschrockenheit zu demonstrieren, egal in welcher Region der Tonskala er gerade gefordert ist, nutzt Orlinski eine Arie aus der beinahe vergessenen Oper "Nerone" von Giuseppe Maria Orlandini. In diesem Fall scheint der römische Kaiser, die porträtierte Bühnenfigur, von Liebe wie von einer Art Größenwahn befallen zu sein. Giovanni Antonio Boretti oder Francesco Bartolomeo Conti heißen so gut wie unbekannte Tonsetzer der Barockzeit, deren Arien der junge Mann aus Polen hier stolz in Ersteinspielungen herausbringt. Aber natürlich sind auch Publikumslieblinge dabei.

Das berühmte "Lascia ch’io pianga" aus Georg Friedrich Händels Oper "Rinaldo" klingt in der leicht modifizierten Fassung aus "Amadigi di Gaula" anders als gewohnt – aber genauso apart! Nirgends innerhalb dieses Programms steht Orlinski unter dem Verdacht emotionaler Erpressung: Er singt und gestaltet jederzeit dezent und geschmackvoll. Manchmal glüht sein Instrument förmlich, auf langem und sehr langem Atem. Umso mehr Freude hat man an konzentriertem Zuhören. Und das 20-köpfige Ensemble "Il pomo d’oro" tut munter mit: Sein Name, zu Deutsch "Der goldene Apfel", spielt auf eine Barockoper von Antonio Cesti an. Die Musizierfreude schließt Ernsthaftigkeit in artikulatorischen Fragen nicht aus. Im Ganzen ein rundum gelungener Blick auf die widersprüchlichen Gesichter der Liebe – "Facce d’amore"!


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