B5 aktuell - Programm


0

Klassik-CD-Tipp Angela Hewitt spielt Beethoven-Variationen

Die kanadische Pianistin Angela Hewitt liebt Großprojekte, und sie liebt die Klaviermusik von Bach und Beethoven. Bachs Gesamtwerk für Tasteninstrumente liegt in vielfach beachteten CD-Aufnahmen von ihr bereits vor. An einer umfassenden Interpretation von Beethovens Klaviermusik arbeitet Angela Hewitt seit einigen Jahren. Fast alle 32 Klaviersonaten hat sie mittlerweile eingespielt. Ihr jüngstes Album zum Ende des Beethovenjahres 2020 widmet sie Beethoven-Variationen.

Von: Meret Forster

Stand: 16.10.2020

Illustration: Klassik-CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Ganz ehrlich: Als Klavierschülerin konnte ich anno dazumal Variationen nicht allzu viel abgewinnen. Und es ist und bleibt meiner Meinung nach eine ganz besondere pianistische Herausforderung, ein musikalisches Thema, das anfangs vorgestellt und dann vielfach und auch kunstvoll verändert – also variiert – wird, durchgehend transparent zu machen und lebendig zu gestalten. Doch genau diese Kunst beherrscht die Kanadierin Angela Hewitt ganz vorzüglich. "Variationen" heißt ihr neues Beethoven-Album. Neben den bekannten Eroica-Variationen hat sie auch weniger populäre Zyklen eingespielt, darunter die gerne unterschätzten 32 Variationen über ein eigenes Thema in c-Moll.

Als Beethoven am Ende seines Lebens eine Bekannte diese Variationen üben hörte, erkannte er seine eigene Komposition nicht. Und als man ihm sagte, sie sei von ihm, gab er zurück, dass er wohl ein Esel gewesen sein müsse, solchen Unsinn zu schreiben. Zu diesem Zeitpunkt schien das Jahr 1806 weit entfernt zu sein, ein Jahr, in dem Beethoven neben diesen Variationen auch seine vierte Sinfonie und sein Violinkonzert geschrieben hatte. Und doch sind sie ein hervorragendes Werk, in dem Beethoven eine grandiose Gesamtstruktur konstruiert. Und wenn Angela Hewitt diese Struktur mit ihrer Interpretation erkundet, erschließen sich Details genauso bezwingend wie der Blick auf das große Ganze. Wie diese Pianistin mit fein nuancierter Phrasierung und stets kernigem Anschlag die unterschiedlichen Charaktereigenschaften der Variationen gestaltet, ist einfach mitreißend. Das gilt auch für die Eroica-Variationen, die wohl am meisten auf virtuose Schaustellung ausgerichtet sind.

Angela Hewitts Beethoven-Spiel ist unsentimental, niemals gefühlig, sondern unglaublich lebendig und inspiriert. Dazu trägt ihre phänomenale Pedalkunst bei. Und vielleicht mag auch die große Vertrautheit mit dem geliebten Instrument - einem cFazioli-Flügel - damit zusammenhängen. Schließlich ist dieses Album unfreiwillig ein Vermächtnis geworden. Denn dieser besondere italienische Konzertflügel, auf dem Angela Hewitt seit Jahren ihre CDs eingespielt hat, ist im Anschluss an diese Aufnahmen in Berlin von professionellen Transporteuren fallen gelassen worden und nicht wieder zu reparieren. Dieser Verlust war erschütternd für die Pianistin, wie sie im Booklet schreibt. Die aktuelle Variationen-CD legt jedenfalls Zeugnis ab von der riesigen Klangpalette des Instruments, die Angela Hewitt so gekonnt zu entlocken wusste. Jede Variationen-Skepsis erübrigt sich damit ein für allemal.


0