B5 aktuell - Programm


0

Klassik-CD-Tipp Jonas Kaufmann / Helmut Deutsch: "Selige Stunde"

"Fast wie eine Ehe" - so empfinden Helmut Deutsch und Jonas Kaufmann ihre rund 30-jährige künstlerische Zusammenarbeit: Als Corona-bedingt die großen Bühnen im Frühjahr dicht machten, war schnell die Idee geboren, sich selbst und den aus den Konzertsälen verbannten Musikliebhabern mit einem bunten Liedprogramm eine Freude zu machen. Romantische Lieder von Schubert, Beethoven, Brahms, Mendelssohn und anderen, lauter Lieblingsstücke für eine "Selige Stunde".

Von: Alexandra Maria Dielitz

Stand: 11.09.2020

Illustration: Klassik-CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

 

Dieses Lied von Alexander Zemlinsky gab dem Album den Namen: „Selige Stunde“. Ansonsten gibt es kaum Raritäten in dieser populären Zusammenstellung, in der Beethovens Adelaide neben Silchers Ännchen von Tharau steht, Strauss‘ Allerseelen neben Schumanns Mondnacht, Mozarts schüchternes Veilchen neben Schuberts launischer Forelle.

Im Lied fallen kleine Mäkel wie das hauchig verschattete Piano oder angestrengte Spitzentöne natürlich besonders auf – zumal die Aufnahme angesichts geschlossener Tonstudios im privaten Rahmen stattfinden musste. Das macht andererseits auch den Reiz des Albums aus – denn so unmittelbar und direkt hat man Jonas Kaufmann wohl noch nie gehört. Und dabei zeigt sich, dass Liedgesang für ihn keineswegs nur Stimmbandgymnastik zwischen schwergewichtigen Opernrollen ist. Unterstützt von einem musikalischen Dialogpartner wie Helmut Deutsch ist er ein hervorragender Gestalter feinster Nuancen. Sein Singen ist uneitel und unsentimental, wahrhaftig, intim und berührend. Und das dunkle Leuchten seines baritonal gefärbten Tenors noch immer bezaubernd.

Liebe, Sehnsucht, Stille, Nacht und Abschied – darum kreisen die 27 Lieder von 17 verschiedenen Komponisten. Reichlich Gelegenheit für Kaufmann, sein enormes Ausdrucksspektrum aufzufächern. Zumindest da, wo es etwas zu gestalten gibt: Alois Melichars Verkitschung einer Chopin-Etüde mit dem Titel In mir klingt ein Lied war bei Karel Gott genauso gut aufgehoben. Aber wie Kaufmann auf Mendelssohns Flügeln des Gesanges ferne Märchenwelten evoziert, in Brahms‘ Da unten im Tale volkstümlichen Ton mit leiser Bitterkeit mischt oder in Strauss‘ Zueignung von zarter Innigkeit zu leidenschaftlicher Dramatik gelangt, das ist beeindruckend. Und wenn er mit fahler Stimme Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ intoniert, wird klar, dass wohl auch Bekenntnishaftes in diesem bunten Album steckt. Fernab vom Weltgeschehen nur noch seinem "Lied" zu leben - das dürfte das Gefühl eines Sängers in diesen Zeiten ziemlich genau beschreiben. Wie gut, dass in der Kunst und im Traum, das Paradies ganz nahe ist!

 


0