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Klassik-CD-Tipp Francesco Piemontesi spielt Franz Schubert

Francesco Piemontesi geht diesen rätselhaften, geradezu überlebensgroßen Stücken auf den Grund. Jede der drei Sonaten unternimmt eine Reise durch emotionale Extremzustände. Und Piemontesi spielt das gnadenlos, mit aller gebotenen Härte. Dabei kennt sein Anschlag alle Nuancen, klingt aber immer hell und offen.

Von: Bernhard Neuhoff

Stand: 29.11.2019

Illustration: Klassik-CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Es gibt Interpreten, die längst nicht so berühmt sind, wie sie verdient hätten. Francesco Piemontesi ist so einer. Für mich gehört er schon jetzt, mit Mitte 30, zu den ganz großen Pianisten der Gegenwart. Klar, viele Kritiker und Klavier-Nerds kennen und bewundern ihn. Aber da er nun mal nicht bei einem Major Label unter Vertrag ist, das mit starkem Vertrieb und entsprechender PR seinen Namen bekannt macht, ist der sympathische Schweizer immer noch kein Weltstar. Was Piemontesi, wenn es allein nach künstlerischer Qualität ginge, längst sein müsste. Sein neues Album mit den drei letzten Sonaten von Franz Schubert ist eine großartige Chance für alle Klavierfans, sich von seinem überragenden Können begeistern zu lassen.

Piemontesi geht diesen rätselhaften, geradezu überlebensgroßen Stücken auf den Grund. Jede der drei Sonaten unternimmt eine Reise durch emotionale Extremzustände. In dieser Musik steckt einfach alles drin: Euphorie und Verzweiflung, abgründige Ruhe und mitreißende Energie. Und das überstrahlt von einer süchtig machenden, in jedem Ton zum Herzen sprechenden Schönheit. Hier steckt wirklich Schuberts Essenz.

Zwar ist diese Musik voller Nostalgie, aber sie ist alles andere als gemütlich. Hier geht es um heftige, verstörende, teilweise krasse Gefühle. Es gibt Stellen, die in ihrer alle Konventionen sprengenden Dramatik wie eine auskomponierte Katastrophe klingen - etwa im langsamen Satz der A-Dur-Sonate.

Immer wieder gibt es beim späten Schubert solche Abschnitte, bei denen einem sozusagen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Piemontesi spielt das gnadenlos, mit aller gebotenen Härte. Aber er verfällt nie in übertriebene Neurotik, bleibt auch in den Extremen ganz klar.

Sein Anschlag kennt alle Nuancen, klingt dabei aber immer wunderbar hell und offen. Viele Pianisten verbinden mit Schubert ja gern einen verschleierten, weichen, eher dunklen Klavierklang. Das ist falsch verstandene Wiener Gemütlichkeit. Nein, Schuberts Musik braucht keine Nebelschleier. Piemontesi spielt sehr durchsichtig, aber alles andere als kühl. Die Musik leuchtet wie ein vom Föhn blankgefegter Septemberhimmel in den Alpen. Und man staunt, wie weit man sehen kann und wie deutlich sich alles abzeichnet.

Einfach bewundernswert ist Piemontesis langer Atem. Klug baut er Steigerungen auf, zielsicher steuert er auf Höhepunkte zu. Plastisch ordnet er die verschiedenen Stimmen im Vorder- und Hintergrund an, gibt er Themen Raum und Tiefe. Dabei bleibt er immer natürlich und völlig unmanieriert – und so gelingen ihm unglaublich berührende Momente, wenn nach einem dramatischen Ausbruch die Melodien sich wieder einfach nur selbstvergessen aussingen dürfen. 

Zwei der drei letzten Sonaten auf dieser auch klanglich exzellenten Aufnahme sind Studioeinspielungen. Ausgerechnet die letzte und längste, die fast 45 Minuten dauernde B-Dur-Sonate, ist live im Konzert aufgenommen. Man reibt sich ungläubig die Augen. Selbst wenn die eine oder andere Stelle nachträglich korrigiert sein sollte, wie bei Live-Aufnahmen allgemein üblich: Dieses Konzert am 14. Februar 2018 war ganz offensichtlich eine Sternstunde. Nochmal: Francesco Piemontesi ist ein großartiger Pianist – und dieses Album ist unbedingt hörenswert.


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