B5 aktuell - Programm


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Klassik-CD-Tipp Schostakowitsch: Symphonie 13 (Babij Jar)

Fridemann Leipold stellt Ihnen die CD "Symphonie 13" von Dmitrij Schostakowitsch vor. Der Klassik-CD-Tipp der Woche - immer samstags um 10.25 Uhr, 12.25 Uhr und 14.25 Uhr auf B5 aktuell.

Von: Fridemann Leipold

Stand: 22.05.2020

Illustration: Klassik-CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Babij Jar steht für eines der schlimmsten Verbrechen der Nazis: 1941 erschossen SS-Truppen in der gleichnamigen Schlucht bei Kiew innerhalb von 36 Stunden annähernd 34.000 Juden. Ein Massaker, das in der Sowjetunion lange totgeschwiegen wurde. Der junge Dichter Jewgenij Jewtuschenko wurde erst 1961 darauf aufmerksam – und setzte den Opfern mit seinem Gedicht "Babij Jar" ein Denkmal. Darin zog er Parallelen zwischen dem Judenmord in der Ukraine und dem unausrottbaren Antisemitismus in der Sowjetunion – und brach damit ein Tabu. Dieser aufrüttelnde Text animierte Dmitrij Schostakowitsch spontan zur Vertonung: Mit vier weiteren Jewtuschenko-Gedichten machte er daraus eine fünfsätzige Vokalsymphonie. 75 Jahre nach Kriegsende ist die 13. Symphonie von Schostakowitsch "Babij Jar" aktueller denn je. Riccardo Muti hat sie mit seinem Chicago Symphony Orchestra 2018 aufgeführt – der Konzertmitschnitt ist jetzt beim orchestereigenen Label CSO RESOUND erschienen.

Monumentale 13. Symphonie von Dmitrij Schostakowitsch

Düster schreitend wie ein Trauermarsch beginnt die monumentale 13. Symphonie von Dmitrij Schostakowitsch. Vom ersten Ton an trifft Riccardo Muti mit dem Chicago Symphony Orchestra die beklemmende Atmosphäre dieses Spätwerks – mit straffer Hand und schneidender Präzision. Und wenn dann der kraftvolle Männerchor des Orchesters als grölender Mob zum Judenmord aufruft, bekommt man eine Gänsehaut.

Seine Vorliebe für sarkastische Töne hat Schostakowitsch im zweiten Satz ausgelebt. Er feiert darin den Witz subversiv als politische Waffe. Mit der ihm eigenen Vehemenz präsentiert Muti dieses Kabinettstück, tänzerisch zündend und grell überdreht. Wie der Komponist hier jüdische Volksmusik verarbeitet hat, erinnert an Gustav Mahlers Montagetechnik.

Hinter jeder Ecke lauert Gefahr

Die überall lauernden Ängste vor Spitzeln und Denunzianten im vierten Satz hat Schostakowitsch in die tiefsten Regionen verlegt – mit einem bedrohlichen Solo der Bass-Tuba und dumpfen Gong-Schlägen. Effektvoll schöpft Muti die Instrumentationskunst des Komponisten aus: Wie in einem Horrorfilm lauert hinter jeder Ecke Gefahr.

Großen Anteil an der Überzeugungskraft dieser Aufnahme hat der phänomenale russische Bassist Alexey Tikhomirov. Im visionären Finale dieser Symphonie gelingen ihm Momente von lyrischer Schönheit – da lässt Schostakowitsch einen Hoffnungsschimmer aufleuchten.

Flammender Appell gegen das Vergessen

Riccardo Muti und seinem exzellenten Orchester ist eine modellhafte Interpretation wie aus einem Guss gelungen. Der überwältigenden Intensität dieser Aufführung aus Chicago, die aufnahmetechnisch brillant eingefangen ist, kann sich niemand entziehen. "Babij Jar" geht uns hier alle an: als klingendes Mahnmal und flammender Appell gegen das Vergessen.


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