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Klassik-CD-Tipp Paavo Järvi dirigiert Béla Bartók

Berühmt wurde er durch seinen Beethoven-Zyklus: Die gefeierte Gesamteinspielung aller Beethoven-Symphonien von Paavo Järvi mit der deutschen Kammerphilharmonie gilt als epochemachend, als Meilenstein. Doch Järvi ist keineswegs festgelegt auf ein bestimmtes Repertoire. Der estnische Dirigent liebt genauso die Musik des 20. Jahrhunderts. Und er arbeitet mit den besten Orchestern rund um den Globus. Gerade hat Järvi mit dem NHK Symphony Orchestra in Tokyo drei Meisterwerke von Béla Bartók eingespielt: Die Musik für Saiteninstrumente, das Divertimento und die Tanzsuite, erschienen beim Label RCA.

Von: Bernhard Neuhoff

Stand: 14.02.2020

Illustration: Klassik-CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Es gibt Musik, die sofort Bilder vors innere Auge ruft. Der langsame Satz aus Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta gehört dazu. Irgendetwas Unheimliches spielt sich ab, eine unterschwellige Bedrohung, die sich plötzlich nähert. Diese Musik erzeugt eine ganz unmittelbare körperliche Reaktion: Gänsehaut. Bartók komponierte einen Psychothriller, lange bevor das Genre im Film etabliert war. Kein Wunder, dass Regisseure von dieser Musik fasziniert waren. Schon in den 50er Jahren untermalten diese Klänge Horrorszenen in der Kultserie "The Vampira Show". Und 1980 steigerte Kinoregisseur Stanley Kubrick in seinem Meisterwerk "The Shining" mit Bartóks Musik die nervenzerreißende Spannung.

Natürlich hatte Bela Bartók keine Filmszenen im Kopf, als er 1936 seine Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta schrieb. Diese faszinierende Albtraum-Musik hatte damals einen ganz anderen Hintergrund: Bartók spürte die heraufziehende Gefahr von Krieg und Faschismus. In seiner Jugend war Bartók ein glühender ungarischer Nationalist gewesen. Auch musikalisch – schließlich liebte er die urtümliche ungarische Bauernmusik über alles. Doch je älter er wurde, desto mehr durchschaute er jeden Nationalismus als Irrtum. Gerade seine Forschungen über die Volksmusik des Balkans brachte ihn vom Nationalismus ab: Die Bauern und Hirten teilten ihre Tänze und Lieder über alle Sprachbarrieren hinweg. Reich wird die Musik durch Austausch, nicht durch Grenzen. Als in seiner Heimat Ungarn Rechtsradikale an die Macht kamen, protestierte Bartók gegen antisemitische Gesetze. 1940 emigrierte er in die USA.

Die Liebe zur Volksmusik hat Bartók nie verloren. Sie inspiriert mit ihren mitreißenden Rhythmen alle seine Werke, meist in den schnellen, tänzerischen Sätzen. In den langsamen Sätzen fesselt immer wieder Bartóks Fähigkeit, faszinierende Seelenlandschaften in ein magisch-unheimliches Licht zu tauchen.

Drei Meisterwerke von Bartók hat Dirigent Paavo Järvi auf seiner neuen CD kombiniert: Die Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta und das Divertimento für Streicher aus den dreißiger Jahren und die Tanzsuite aus den frühen 20ern. Mit dem NHK Symphony Orchestra, Japans berühmtestem Orchester, gibt er Bartóks Musik, was sie braucht: Magische Aura in den langsamen Sätzen, rhythmischen Drive in den schnellen.

Järvi ist ein Meister des kontrollierten Temperaments. Er versteht sich auf die hohe Kunst, Energien zu entfesseln – und ihre Wirkung durch Präzision zu steigern. Mit dem NHK Symphony Orchestra steht ihm ein erstklassiges Ensemble zu Verfügung, das bis an die hinteren Pulte höchste Motivation mitbringt. Bartóks Gänsehautmomente funktionieren auch ohne Kino. Wenn sie so intensiv beschworen werden wie auf dieser CD, entstehen die Bilder vor dem inneren Auge. Und das Schönste dabei ist: Jeder ist frei in seiner Phantasie.


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