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Klassik-CD-Tipp Ludwig van Beethoven: Missa solemnis op.123

Es gibt oft aufgeführte Werke von Ludwig van Beethoven, die lange als unspielbar galten und auch nach zweihundert Jahren den Nimbus nicht verloren haben, vollendet kaum realisierbar zu sein. Die Große Fuge zum Beispiel, und auch die "Missa solemnis". An die hat sich jetzt René Jacobs mit dem RIAS-Kammerchor und dem Freiburger Barockorchester gemacht. Mit sehr spannendem Resultat, meint jedenfalls Oswald Beaujean, der sich die Neuaufnahme angehört hat.

Von: Oswald Beaujean

Stand: 19.02.2021

Illustration: Klassik-CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Für den berühmten Philosophen Theodor W. Adorno war Beethovens "Missa solemnis" ein "verfremdetes Hauptwerk", es bleibe "rätselhaft-unverständlich". Vor so manches Rätsel stellt die "Missa solemnis" das Publikum ohne Zweifel – und die Ausführenden erst recht. Denn die treibt Beethoven immer wieder in Grenzbereiche des Machbaren, wer das Stück selber einmal gesungen hat, weiß, wovon ich rede. Doch ganz so unverständlich ist Beethovens Missa dann auch wieder nicht, und vielleicht wäre auch Adorno zu einer anderen Einschätzung gekommen, hätte er das Werk einmal in einer Interpretation wie jetzt in derjenigen des RIAS-Kammerchores und des Freiburger Barockorchesters unter der Leitung von René Jacobs hören können.

Kontraste in Dynamik und Tempo

René Jacobs hat sich tief in den von diesem Meisterwerk aufgerissenen Deutungshorizont vergraben. Beethovens sehr persönliche Gläubigkeit, sein durchaus individueller Katholizismus, sein Verständnis von und sein Umgang mit den im lateinischen Credo formulierten Dogmen, die wie in nur wenigen seiner Werke radikalen, ja schreienden Kontraste in Dynamik und Tempo, für all das und vieles mehr findet Jacobs' Neuaufnahme ungemein schlüssige Lösungen. Und die sind nicht nur in einem klugen Gespräch im Booklet nachzulesen, sondern, was viel wichtiger ist, auch in der klingenden Umsetzung zu erleben.

Reich der Utopie

Nicht, dass Beethovens "Missa" plötzlich leicht verdaulich würde oder dass selbst dem fantastischen RIAS-Kammerchor Berlin wie den vier ausgezeichneten Solisten nicht die unfassbare Anstrengung anzuhören wäre, die das Stück verlangt. Glatt geht die "Missa solemnis" nicht auf, darf das auch nicht. Immer wieder bleibt auch in dieser glänzenden Interpretation ein unerfüllter, vielleicht unerfüllbarer Rest, der das Stück auf erst recht faszinierende Weise ins Reich der Utopie verweist. Es gibt diese Werke, mit denen wir nie zu Ende sein werden. René Jacobs liefert eine fast perfekte Deutung, in der der von Beethoven wohl initiierte utopische Charakter immer mitschwingt.

Höhere, heilende Welt

Bleibt zu erwähnen, wie vollendet die Akademie für Alte Musik Berlin musiziert. Kein Wermutstropfen also? Das Benedictus ist ein Kernmoment der "Missa". Jacobs selbst spricht von Musik, die aus einer "höheren, heilenden Welt" komme. Recht hat er. Um sich von dem bei ihm schneidenden Violinsolo in höhere Welten tragen zu lassen, muss man allerdings schon ein kompromissloser Verfechter der historisch informierten Aufführungspraxis sein. Ein Königreich für einen Hauch Vibrato. Doch was sind schon fünf von 72 Minuten ansonsten hinreißender Musik.


"Ludwig van Beethoven - Missa solemnis op. 123", gespielt vom Freiburger Barockorchester, gesungen vom RIAS Kammerchor unter der Leitung von René Jacobs ist bei Harmonia Mundi erschienen.


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