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Klassik-CD-Tipp Franco Fagioli: Veni Vidi Vinci"

Konzerte, Liederabende, Arien-Abende, geschweige denn Opernaufführungen. Im Moment alles Fehlanzeige. Umso schöner, wenn die, auf deren Auftritt man sehnlichst hingefiebert hatte, dafür letztes Jahr fleißig im Studio waren – und jetzt neue CDs vorlegen können. Der argentinische Countertenor Franco Fagioli war im März 2019 für eine Aufnahme-Sitzung in Italien, Lonigo, in der Villa San Fermo und hat sich gemeinsam mit dem Ensemble Il pomo d’oro Opernarien von Leonardo Vinci gewidmet. Jetzt ist die neue CD bei der Deutschen Grammophon erhältlich und sie trägt zu recht den Titel "Veni Vidi Vinci".

Von: Annika Täuschel

Stand: 15.05.2020

Illustration: Klassik-CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Leonardo Vinci war um 1730 in Italien einer der berühmtesten Opernkomponisten. Sein Leben und vor allem sein Tod waren selbst Stoff für ein ordentliches Drama: mit 40 Jahren stirbt Vinci in Neapel auf dem Höhepunkt seiner Karriere, der umjubelten Uraufführung seiner Oper "Artaserse". Eines unnatürlichen Todes, vermutlich vergiftet, wegen einer Liebesaffäre. Mit der Liebe und ihren Schwierigkeiten hat er sich ausgekannt: "Sento due fiamme" - Ich spüre zwei Feuer in der Brust:

Zwischen seiner früheren Liebe Medea und der neuen Flamme Enotea ist er hin- und hergerissen, Giasone, in der Oper "Catone in Utica". Ohne zu ahnen, dass die neue eigentlich die alte ist, nur verkleidet. Die Trugschlüsse der Liebe – Leonardo Vinci hat sie in vielen seiner Opern thematisiert und komponiert: "Artaserse", "Alessandro nell’Indie", "Siroe" und "Semiramide". Die Texte dazu stammen allesamt von Pietro Metastasio. Gesungen wurden sie von den Stars des frühen 18. Jahrhunderts: Faustina Bordoni, Carlo Scalzi und die Kastraten Farfallino und Farinelli.

"Veni Vidi Vinci" hat der argentinische Countertenor Franco Fagioli seine neue CD überschrieben, und mit Vinci meint er: Leonardo Vinci. Den neapolitanischen Opernkomponisten, der die Opernhäuser von Neapel, Venedig und Rom mit seinen neuen und avancierten Bühnenwerken beschenkt hat. So erfolgreich, dass auch Konkurrenten und Nachfolger wie Händel und Hasse den Hut vor ihm zogen. Zwölf Arien von Vinci sind darauf, auf Fagiolis neuem Album, aus den bekannten Opern, aber auch Weltersteinspielungen aus heute vergessenen Werken wie L’Ernelinda und Gismondo re di Polonia.

Irre Virtuosenstücke sind dabei, Bravour-Schauspiele, Koloraturen-Feuerwerke im Überschalltempo, bei denen damals die Farinellis und heute Franco Fagioli zeigen, was an faszinierender Stimmakrobatik in ihren Kehlen steckt. Die sind beachtlich. Mehr noch reizen die Stücke, die ruhiger, nachdenklicher sind wie "Quell’usignolo ch’è innamorato" aus Gismondo re di Polonia, oder "Nube di denso orrore", von Vinci gleich in zwei Opern verwendet. Hier zeigt sich der Countertenor Franco Fagioli mit all seinen Stimmkünsten: dem bruchlosen Übergang zwischen den Registern, der grandiosen Atemführung, wunderbar langen Phrasen, traumwandlerisch sicher gestaltet und wie an einem unsichtbaren Faden entlang gezogen. Außerdem hat man bei den langsamen Arien schlicht mehr Zeit, Franco Fagiolis betörendem Timbre zu lauschen, und ja: zu verfallen.

Eigentlich kann man eine neue CD, wenn Fagioli draufsteht, auch ungesehen kaufen – so gut und überlegt sind seine Projekte, so fit ist er stimmlich und so ideal läuft die musikalische Partnerschaft mit dem kleinen Originalklangensemble Il pomo d’oro. Aber die Freude ist natürlich doppelt so groß, wenn das Erwartete sich nach dem Aufreißen des Cellophans dann auch akustisch bestätigt. In diesem Fall: Veni Vidi Vinci. Hier kommen und siegen gleich zwei: der Neapolitaner Leonardo Vinci und der Argentinier Franco Fagioli.


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