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Klassik-CD-Tipp Akademie für Alte Musik mit Beethoven und Knecht

Mal was Anderes zum Beethoven-Jahr: Die Akademie für Alte Musik Berlin stellt Beethovens "Pastorale" einer ähnlichen "Natur-Symphonie" seines Vorläufers Justin Heinrich Knecht gegenüber. Die Parallelen sind verblüffend. Das Orchester begegnet beiden Werken mit lyrischer Empfindsamkeit und erfrischender Musizierlust.

Von: Fridemann Leipold

Stand: 20.03.2020

Illustration: Klassik-CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Munter plätschert der Gebirgsbach in Justin Heinrich Knechts Großer Symphonie mit dem malerischen Titel "Das musikalische Porträt der Natur". Beethoven muss diese "Natur-Symphonie" von 1785 gekannt haben, als er 20 Jahre später seine "Pastorale" schrieb – darauf deuten schon die ähnlichen poetischen Satztitel hin. Bei Beethoven klingt die "Szene am Bach" eleganter, fast schon romantisch – und die Akademie für Alte Musik Berlin liefert dazu ihren farbigen historischen Sound, glasklar wie Quellwasser.

Im Zentrum beider Symphonien steht ein heftiges Gewitter, das Knecht und Beethoven drastisch auskomponiert haben. Erstaunlich, wie gekonnt der Schwabe Knecht eine Generation vor Beethoven das damalige Instrumentarium für solche Klangeffekte nutzte. Die Akademie für Alte Musik ist zwar eher klein besetzt, aber der Einsatz der alten Pauken macht doch ordentlich Wirkung und sorgt für krachende Donnerschläge.

In Beethovens 6. Symphonie klingt das Unwetter naturalistischer, kühner, fast schon wagnerisch – obwohl Beethoven im Untertitel zu seiner "Pastorale" betont: "Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei". In der wilden Interpretation der Berliner Akademie wird die Dramatik geradezu handgreiflich spürbar: Der Mensch ist den Naturgewalten ausgeliefert.

Umso erlösender wirkt dann in beiden Symphonien die Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer der Natur, wenn das Schlimmste vorbei ist. Bei Knecht klingt das ungemein festlich – und erinnert nebenbei an den Jubel in Bachs "Weihnachtsoratorium".

Beiden Symphonien widmet sich die Akademie für Alte Musik Berlin mit derselben Hingabe. Man kann nur staunen, wie präzise das Ensemble auch Beethovens großangelegte "Pastorale" stemmt – ohne Dirigent, nur mit Sichtkontakt zum Konzertmeister Bernhard Forck. Wunderbar ätherisch klingt der friedliche Schluss bei den Berlinern. Sie spannen weite Melodiebögen und "singen" auf ihren Instrumenten, dass es einem unter die Haut geht.

Angaben zur CD

Justin Heinrich Knecht: "Le Portrait musical de la Nature ou Grande Symphonie" G-Dur
Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 6 F-Dur op. 68 "Pastorale"
Akademie für Alte Musik Berlin
Konzertmeister: Bernhard Forck
Label: harmonia mundi


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