B5 aktuell - Programm


1

Klassik-CD-Tipp Anna Gourari: Elusive Affinity

Dass Anna Gourari eine Meisterin des musikalischen Zeitsprungs ist, das hat sie schon einmal bewiesen: mit "Canto Oscuro" - eine Einspielung, in der sie barocke mit zeitgenössischen Nachtstücken gekreuzt hat. Mit "Elusive Affinity" legt sie nun ein Album vor, das ähnlich aufgebaut ist. Die Musik Johann Sebastian Bachs umrahmt hier Werke noch lebender Komponisten wie Wolfang Rihm oder Giya Kancheli. Ob es der Pianistin gelingt, die "flüchtigen Ähnlichkeiten" zwischen diesen Komponisten hörbar zu machen, weiß Tobias Stosiek.

Von: Tobias Stosiek

Stand: 07.06.2019

Illustration: Klassik-CD mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Bach macht den Anfang. Ganz beiläufig, vertraut – als wäre man schon eine Weile im Gespräch mit ihm. Und mit ihr, mit Anna Gourari. Die ihn sprechen lässt. Straight und gelassen. Nur zwischen den Zeilen, da schimmerts melancholisch. Und dann beamt sie uns weg. Weg an einen Ort, an dem der Zusammenklang seine Selbstverständlichkeit verloren hat. Wo die Töne einsam durch den Raum driften. Schwerelos, irrlichternd, ohne Gravitationszentrum.

Besser gesagt, fast ohne. Denn das neueste Album von Anna Gourari funktioniert wie ein Boomerang. Es startet mit Bach, katapultiert uns dann ein paar hundert Jahre in die Zukunft – sprich in unsere musikalische Gegenwart, zu Schnittke, Kancheli, Shchedrin, Pärt und Rihm – und landet am Ende wieder bei Bach. Kaum möglich, da beim Hören nicht zu vergleichen, nach Ähnlichkeiten zwischen dem Alten und Neuen zu suchen, nach jener "Elusive Affinity", von denen auch der Albumtitel spricht.

Die sind mal mehr und mal weniger deutlich. Selten aber so offensichtlich wie in diesem Totengebet von Wolfgang Rihm. Plötzlich, und nur für wenige Sekunden, nimmt da ein Bachchoral Gestalt an, mit brüchiger Stimme und dissonantem Geisterschatten. Ein Gruß aus der Gruft. Wie von weit weg.

Man kann sich einen Spaß daraus machen, das Album nach solchen Querverbindungen, nach Zitaten oder Anklängen zu durchforsten. Immer wieder stößt das Ohr auf Klangmuster, die Assoziationen oder Erinnerungen wachrufen. An das, was man gerade gehört hat. Oder vor einer Weile. Manchmal vor einer ziemlichen Weile. Also, zuletzt eigentlich im Dezember. Versteckt sich hinter dieser unschlüssig mäandernden Melodie nicht ein Weihnachtslied?

Dieses Album durchhören, das ist ein bisschen so wie Wolken beobachten. Welche Figuren man in ihnen entdeckt, das ist zwar subjektiv – aber deshalb nicht willkürlich. Auch assoziative Verbindungen knüpfen ja irgendwo an. Hier nicht nur an melodischen Fragmenten, sondern vor allem an einem ganz bestimmten Klangbild, das Anna Gourari in ihrer Einspielung durchhält. Gläsern, sphärisch, zerbrechlich. Dazu kommt eine fast meditative Spielhaltung. Da wird der Moment gedehnt, so dass die Töne einzelnen aufleuchten. Und als Hörer bekommt man Zeit, viel Zeit, ihnen beim Verglimmen zuzusehen.


1